Abramowicz – Joy Of Missing Out – Review
Sag mal, geht’s noch?“ war nach einem ersten Durchlauf von „Joy Of Missing Out“ von ABRAMOWICZ vermutlich nicht nur mein erster Gedanke. Die Hamburger Rockband, die man längst als etabliert abgestempelt hat, wirkt mit ihrer unverkennbaren Nähe zu BRUCE SPRINGSTEEN (und zwangsläufig auch THE GASLIGHT ANTHEM) zunächst beinahe epigonal, ja sogar frech anbiedernd und stellenweise wie kreativer Stillstand. Ein genauerer Blick auf die Historie der Band zeigt allerdings, dass es sich tatsächlich erst um das zweite Album handelt und seit dem Debüt satte sieben Jahre vergangen sind.
Und je häufiger die Platte durchrauscht, desto klarer wird: Die fühlen diesen Sound, die können gar nicht anders. Sobald diese selbst errichtete Hürde im Kopf fällt, greifen die Vocals von Sören Warkentin tief, die Aufstockung auf drei Gitarren durch Nico Thiel entfaltet ihre Wirkung und plötzlich wird hörbar, wie viel Herzblut in diesen Kompositionen steckt.

Kein Grower im klassischen Sinne
„Joy Of Missing Out“ von ABRAMOWICZ ist eigentlich kein Grower im klassischen Sinne. Die Band ist so nah am Boss dran, dass man ihre eigenen Stärken zunächst überhört. Die Stimmung gleicht einem wehmütigen, aber auch zufriedenen Blick nach hinten. Es scheint fast so, als hätte das Sextett die Platte in erster Linie für sich gemacht. Dass wir zuhören, uns freuen und im besten Fall zu den Konzerten kommen, wirkt eher wie ein schöner Nebeneffekt. Eingerahmt von „Entering Monster City“ und „Leaving Monster City“ fühlt sich die Platte wie ein nostalgischer Roadtrip an.
Schon im Opener flammen die Bläser auf, vermitteln Weite und prägen den wiederkehrenden Leitsatz „the city turns to a monster, but the streets, they stay the same“. Atmosphärisch in einer nächtlichen Großstadtmelancholie startend, leiten uns ABRAMOWICZ mit dem folgenden „Money Takes It All“ auf den harten Boden der Realität, nehmen uns in die Zange zwischen Würde und Niederlage sowie zwischen Perspektivlosigkeit und Perspektivwechsel.
Wann war dein letzter verzweifelter Versuch?
Den persönlichen Song „Hunter“ als Herzstück von „Joy Of Missing Out“ zu präsentieren, war ein kluger Schachzug von ABRAMOWICZ. Er lenkt den Blick auf Sören und damit auch auf die Person, die zuhört. Wie stark ist deine Ernüchterung über das Erwachsenwerden, wie erfolgreich war dein verzweifelter Versuch, dir Hoffnung, Nähe und Aufbruch zu bewahren? Letztendlich muss auch erwähnt werden, dass ABRAMOWICZ in allen Songs Spurenelemente von Punk verbuddelt haben. Man spürt es in „Doomsday“, vor allem live wird das intensiviert. Als unterschwelliger Antrieb schwingt dieses rebellische Gefühl immer mit. Gezielte Chöre, Call-and-Response-Momente und ein passender Sound bewahren ABRAMOWICZ ihre Kratzbürstigkeit und das Gefühl von Miteinander.
Tanzen hilft immer
Die Art, wie Texte und Musik auf „Joy Of Missing Out“ von ABRAMOWICZ ineinandergreifen, ist bemerkenswert. Alles wirkt deutlich größer gedacht und umgesetzt als noch auf dem Debütalbum. Im Interview für das Ox 2019 zur ersten Platte „Modern Times“ habe ich Sören gefragt, ob gute Rockmusik tanzbar sein müsse. Schon damals antwortete er sinngemäß, dass das nicht gezielt geschehe, aber immer wieder passiere. „Joy Of Missing Out“ profitiert enorm davon, vor allem, weil sein Gesang dadurch als Ruhepol und Konstante verstärkt wird. Er steht mit seiner ungewöhnlichen Intonation im Zentrum, während um ihn herum die Instrumente drängen, wabern und pulsieren. Das bringt ungewöhnlich viel Leben in das Album und macht es zeitlos. Song für Song ergreift einen dieser Drang, die Musik auch körperlich mitzuerleben. Konzerte, wann und wo?
Dauer: 39:14
Label: Kontor New Media
VÖ: 22.05.2026
Tracklist „Joy Of Missing Out“ von ABRAMOWICZ
Entering Monster City
Money Takes
The Quit
Mercimek Forever (feat. Jule)
Hunter
Reveries
Doomsday
Dark Fields
Orange Lemonade
Joy Of Missing Out
DNA Runaway
Leaving Monster City
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