Agassi – Arcade Melodies – Review
Dass AGASSI sich auf ihrem ersten Album „Arcade Melodies“ musikalisch zwiegespalten präsentieren, ist definitiv kein Zufall. Dafür sind die Mitglieder – unter anderem bei WIR SIND HELDEN, JUPITER JONES und GLORIA aktiv – viel zu erfahren. Die Mischung aus Post-Punk mit extrem britischem Einschlag und darauf konternden Alternative-Indie-Szenen wirkt bewusst platziert. Und wer sich auf ein Feature mit Frank Spilker von DIE STERNE einlässt, also derart prägnanten Einfluss zulässt und diese Herausforderung annimmt, ist sowieso gelassen oder mutig. Unter Beachtung der musikalischen Einflüsse ist die Musik auf dem Debütalbum die einzig logische Konsequenz.
Ohne wirklich den alten Geist aus der Flasche zu beschwören, haben AGASSI eine Menge musikalisch dichter Songs an Bord („Coin Pusher“, „White Lights“), die an die Entspanntheit der späten Neunzigerjahre erinnern. Die Zeiten, in denen Gefühle in einem großen Song aufblühten und man sich in diesen Hymnen verlieren konnte. Andererseits vermittelt der starke britische Akzent von Sänger Ben Galliers in Kombination mit rhythmusbasierten Kompositionen mit Noise-Schlagseite eine aktuelle Dringlichkeit. Auch diese, die deutlich kratzigere und minimierte Version von AGASSI hat ihren Reiz.

Schlüpfen aus jeder Schublade heraus
Am Ende vermittelt „Arcade Melodies“ von AGASSI noch kein stimmiges Bild dessen, was die Band im Kern ausmacht. Aus jeder Schublade hüpfen sie heraus, egal wie sehr man sie hineinstopfen mag. Aktuell darf man sich noch über die zwei Seiten der Medaille freuen, und es besteht keine Notwendigkeit, dies zu ändern. Deutsche Referenzbands gibt es aktuell wenige, blickt man über den Tellerrand, dann enthalten AGASSI Spuren von YARD ACT, HIGH VIS und SLEAFORD MODS. Das und die eigenen musikalischen Wurzeln ergeben dieses ungewöhnliche, aber sehr interessante Soundbild. Ganz selten clashen die beiden Spitzen der Band aufeinander, dann deutet sich an, wie viel Kraft in AGASSI steckt.
„The Riot In The Back“ ist ein hitziges Wechselspiel aus hakeligem Post-Punk und sich ergießendem warmem Soundregen. Was den Song so groß macht, ist die beliebte Leerstelle, die Hits oft zu Hits macht. In guten zwei Minuten sagen AGASSI alles und lassen uns doch am verlängerten Arm verhungern. Unendlich mag man diese herrlich zersplitterten Gitarrenmelodien und die Mischung aus Backpfeifen- und Schulterklopfgesang in den Loop legen.
Die Band hat die Emotionen im Griff
Für die zehn Lieder auf „Arcade Melodies“ brauchen AGASSI auch weniger als 30 Minuten. Keine Sekunde lang hat man das Gefühl, irgendetwas käme deshalb zu kurz. Die Kompositionen sind allesamt auf den Punkt, machen nicht satt, sondern hungrig auf Wiederholung. Das „Arcade“ im Albumtitel lässt sich als Metapher auf die verspielten Freiheiten deuten, die sich die Band herausnimmt. Das wüstige „Boy Wonder“ nimmt sich selbstbewusst eine zusätzliche Ebene, umschwirrt Post-Punk mit hypnotischem Nebel, inklusive Theremin und dem gespenstischen Gefühl, der Song sei verlangsamt. Gleich danach klaren AGASSI ganz selbstverständlich auf, zeigen also, wer hier die Macht über die Emotionen hat. Zuckersüß mäandernde Gitarren necken sich mit dem Gesang und ergießen sich wieder in einem heilsamen Refrain, der auch über lange Strecken ohne Gesang wirkt.
AGASSI schlagen aus dem Hinterhalt zu
Es ist nicht der eine Trick, mit dem uns die Band einfängt. AGASSI fischen an unterschiedlichen Ufern und schlagen genau deshalb oft überraschend und vermeintlich aus dem Hinterhalt zu. „Arcade Melodies“ von AGASSI ist nicht das, was man bei der Beteiligung erwartet. Es ist vielmehr die Weiterentwicklung der Einflüsse und ein Beweis dafür, dass sich Lockerbleiben oft lohnt.
Dauer: 27:14
Label: Clouds Hill
VÖ: 05.06.2026
Tracklist „Arcade Melodies“ von AGASSI
My Favourite Batman
Keine Energie geht verloren
Coin Pusher
The Whole Shebang
Shortcomings
The Riot In The Back
Boy Wonder
Last Ditch
White Lights
Trying To Lose My Feet
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