Andrew O’Hagan – Maifliegen – Review
„Maifliegen“ von Andrew O’Hagan befasst sich mit dem unvermeidlichen Bruch, den jedes Leben irgendwann erfährt, einem Moment, der alles in ein Davor und Danach teilt. Wir befinden uns in den Achtzigerjahren in Glasgow, an der Seite von Tully und Jimmy, die beide an der Schwelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen stehen. Gemeinsam mit ihren Freunden machen sie sich auf nach Manchester, um dort THE SMITHS, JOY DIVISON und NEW ORDER zu erleben.
Berauscht von ihrer Jugend ziehen sie durch die Kneipen, genießen das Leben und nehmen es leicht. Die Musik und die radikal-rebellischen Texte beamen sie fernab der Probleme daheim und lassen die Schwere des Alltags verblassen. Weit entfernt von den Zwängen ihres Umfelds halten sie an der Hoffnung fest, sich nicht vereinnahmen zu lassen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Berauscht von der Jugend, getrieben von der Musik
Andrew O’Hagan gelingt es mit „Maifliegen“, diese ganz besondere Stimmung einzufangen, eine Zeit, in der man noch unverdorben genug ist, um frei und klug zu denken, fernab aller über die Jahre erlernten Zwänge. Tully ist die zentrale Figur des Freundeskreises, tiefgründig, charismatisch und mit einer ansteckenden Leichtigkeit, das Leben zu nehmen. Seine größte Angst ist es, so verbohrt zu werden wie sein Vater.
Dieser innere Antrieb führt ihn immer wieder zu radikalen, befreienden Handlungen. „Maifliegen“ spricht vor allem jene Generation an, die damals jung war und diese Musik nicht nur gehört, sondern gefühlt hat. Die Art, wie O’Hagan die Bands beschreibt, die Faszination von Morrissey und die Anziehungskraft von Gruppen wie THE FALL, wirkt beinahe magisch. Die Dualität, dass diese Bands Menschen in ihrer Einsamkeit vereinten, macht ihre besondere Bedeutung aus.
Über das Mindestmaß an Autonomie
In der zweiten Hälfte erfährt „Maifliegen“ einen harten Bruch, wir springen dreißig Jahre nach vorne. Der einst lebensfrohe und charismatische Tully bittet seinen Freund Jimmy um Unterstützung. Dem Tod geweiht möchte er den Zeitpunkt seines Endes selbst bestimmen und sich ein Mindestmaß an Autonomie bewahren. Das Buch wird dabei nicht larmoyant, doch O’Hagan macht unmissverständlich klar, dass das Leben einem mit der Zeit Kräfte entzieht und dass bestimmte Momente und Eigenschaften unwiederbringlich verloren gehen.
Statt die Stimmung zu erdrücken gewinnt der Roman dennoch eine leise motivierende Komponente. Jimmys Begleitung seines Freundes, seine Aufopferung und die Auseinandersetzung mit dem assistierten Suizid haben auch etwas Tröstliches. Der Roman verdeutlicht, wie schnell die Zeit vergeht und wie wichtig es ist, jeden Moment zu schätzen. Oder wie der Autor es zusammenfasst: Sei rebellisch, das Leben kriegt dich so oder so.
Seiten: 336
Verlag: Ullstein Hardcover
ISBN-10: 3550204477
ISBN-13: 978-3550204470
VÖ: 30.04.2026
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