Angora Club – Herz voran – Review
Mit ihrem dritten Album „Herz voran“ macht die Flensburger Punkband ANGORA CLUB einen großen Sprung nach vorne. Dabei wirkt die Musik oberflächlich betrachtet erst mal wie Musik von und für Hängengebliebene. Für diejenigen, die dem Ur-Sound von TURBOSTAAT und Co. nachtrauern, den man schon lange nicht mehr als aktuelle Referenz heranziehen kann (und sollte).
Was die Überlänge von „Herz voran“ mehr als rechtfertigt, sie sogar notwendig erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass der Albumtitel Programm zu sein scheint. Man kauft der Band alles ab: die Inhalte, den teils nostalgischen Songaufbau, die larmoyanten Züge und letztendlich auch den Willen dazu, etwas besser zu machen und zum Fortschritt anzuregen.

Das Herz in der Hand
„Herz voran“ von ANGORA CLUB startet mit „Hjertet frem“, was schlichtweg der Albumtitel auf Dänisch ist. Das an Flensburg grenzende Nachbarland befindet sich durchweg an der Spitze der glücklichsten Länder – vielleicht eine Anspielung darauf, dass Gutes möglich ist. Der Opener startet mit zurückhaltender Instrumentierung und der hörspielhaften Vertonung eines beginnenden Tages, der in Kindergetümmel übergeht, alles untermalt von einem Herzschlag.
ANGORA CLUB beziehen sich damit auf unsere Anfänge, wenn wir noch als weißes Blatt agieren und uns vieles offensteht. Eine atmosphärische und ungewöhnliche Einstimmung auf die Platte. Die Band gönnt sich Umwege, lässt sich Zeit und gibt uns dabei subtil mit, dass Veränderungen reifen müssen. Olli skandiert die Texte, zerhackt sich förmlich und geifert sie an manchen Stellen regelrecht heraus. Er ist ein wesentlicher Baustein für die Glaubwürdigkeit von ANGORA CLUB.
Über die Chance von Einsamkeit und neue Wege
Alles, was im Verlauf von „Herz voran“ an die üblichen Verdächtigen erinnert, drehen ANGORA CLUB immer wieder in ihre ganz eigene Richtung. Sie fügen dem Altbekannten etwas Neues hinzu, reiten nicht auf den üblichen Phrasen herum und verkünsteln sich auch nicht mit ihren Texten. Dabei mangelt es nicht an Tiefgang und dank des weiterhin scherbeligen Sounds – der sich deutlich mehr nach Club und Schweiß als nach Hauptbühne anfühlt – unterstreicht die Band damit ihre Glaubwürdigkeit. Die Perspektive eines Kindes findet immer wieder den Weg in die Songs, selbst wenn es nur wie im herrlich mäandernden „Pepsicolon“ ein Fetzen aus dem Laternenlied und ein Kinderchor ist.
Ein weiterer großer Vorteil ist die Tatsache, dass ANGORA CLUB ihre Kraft nicht aus brachialen Brüchen oder Schnelligkeit ziehen. Eigentlich läuft „Herz voran“ eher gemächlich durch. Gerade deshalb packen einen die Songs über Leere, Einsamkeit und das Anbieten von neuen Wegen („Es wird einmal“).
Instrumentale Spitzen statt lauter Parolen
Es ist die Muse, die man „Herz voran“ anmerkt, und der Mut, statt lauter Parolen instrumentale Spitzen zu setzen. ANGORA CLUB reißen sich genau in diesen Momenten von den Stereotypen los, die man ihnen als Referenzen anhängen will. Dann begeistern sie, dann werden die Songs plötzlich tief und reichen weiter, als man zunächst vermutet („Kälter“). Auch der Drummer Helge setzt interessante Akzente, weiß, wann ein dynamisches Nach-vorne-Treiben nicht mehr ausreicht und mehr Kunst angesagt ist.
Stichwort Kunst: Auch das wunderschön gestaltete Artwork ist ein echtes Argument dafür, mal die Streamingdienste auszudribbeln und sich etwas Schönes ins Regal zu stellen. Eine schöne Entwicklung, die diese Band macht.
Dauer: 49:42
Label: Kidnap Music, Vertrieb durch Cargo Records
VÖ: 22.05.2026
Tracklist „Herz voran“ von ANGORA CLUB
Hjertet Frem
Sonderling
Dann doch lieber Augenringe
Pepsicolon
Bald Vorbei
Herz Voran
Luftschlösser
Kälter
Cäcilie
Kalte Herzen
Jetzt bloß nicht übertreiben wegen Francesca
Restschnee
L.A.Dr.W.
Sandokan
Es Wird Einmal
Artikel, die Dir gefallen könnten:
100BLUMEN – Lasst hundert Blumen blühen
ANGORA CLUB – …und außerdem bist du allein
DÜSENJÄGER – Die Gespenster und der Schnee
Podcast Folge 93 mit PASCOW zum Album „SIEBEN“
DAS BILDUNGSBÜRGERTUM – Verantwortung für Doitschland
TURBOSTAAT – Alter Zorn
Podcast Folge 72 mit LOVE A über die bisherige Bandgeschichte
THE CASUALTIES – Detonate
MAFFAI – Zen
Interview mit FLUPPE zum Album „Beest“
LOVE A live in der Oetinger Villa in Darmstadt
EASTIE RO!S – s/t
IEDEREEN – Neue Mitte
DREI METER FELDWEG – Gewinner
BAZOOKA ZIRKUS – Ach, das könnte schön sein
THE BABOON SHOW – I Never Say Goodbye (EP)
ANGORA CLUB bei Facebook
ANGORA CLUB bei Instagram
