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Anne Stern – Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit (Band 8) – Review

Mit „Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit“ legt die Berliner Autorin und Historikerin Anne Stern bereits den achten Band über die Hebamme Hulda Gold vor. Lange geht es nicht mehr nur um sie und um die Kriminalfälle, zu deren Aufklärung sie beiträgt. Die Biografie der Frau und alle Einflüsse, die von außen auf sie einwirken, zeichnen nach und nach ein immer deutlicheres Bild von gesellschaftlicher Entwicklung unter politischem Fehleinfluss. Schleichend spaltet sich die Gesellschaft, nach und nach wird der Verdacht zur angeblichen Gewissheit und das Klima untereinander immer rauer und härter.

Wir schreiben das Jahr 1932, und beruflich läuft es eigentlich gut für die mittlerweile mit Max Dessauer verheiratete Hulda Gold, die nun offiziell kein Fräulein mehr ist. Ihre Tochter Meta wird eingeschult und sie ergattert eine Stelle in einem Frauengefängnis Barnimstraße, soll dort die schwangeren Insassen betreuen. Als eine der Inhaftierten unerwartet stirbt, fällt der Verdacht sofort auf die bereits wegen Mord verurteilte schwangere Mitinsassin Anna Marwitz. Die treuen Leser und Leserinnen bereits bekannte Kommissarin Irma Siegel übernimmt den Fall, und rasch keimen erste Zweifel an dem offensichtlich doch nicht so klaren Fall auf.

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Anne Stern, Foto von Heike Steinweg

Ankommen in Huldas Welt

Wer der Reihe von Anne Stern von Anfang an folgt, wird sofort wieder in die Hulda-Welt eintauchen können. Sofort hört man die Stimmen auf dem Winterfeldplatz, spürt imaginär das Kopfsteinpflaster unter den Füßen und hat vom warmherzigen Zeitungsverkäufer Bert, dem Cafébesitzer Felix, dem schrulligen Vater Ben, dem grummeligen Kommissar Carl und der ehemaligen Vermieterin seine eigenen erdachten Gesichter vor dem inneren Auge.

Zwischen Freiheit und Anpassung

Anne Stern lässt den Kriminalfall in „Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit“ etwas in den Hintergrund treten. Beherrscht wird dieser Band von der sich zuspitzenden Stimmung. Gewaltvolle Überfälle auf uns bekannte Personen häufen sich. Kommunisten und Nazis werden radikaler, verhärten in ihren Ansichten. Das große Wort Freiheit im Titel nimmt immer mehr Raum ein. Was bedeutet Freiheit, und wie frei kann man in einem intoleranten Umfeld eigentlich sein? Findet man die Freiheit in sich selbst oder wird sie von anderen bestimmt? Sind Frauen weniger frei als Männer? Anne Stern gelingt es, ohne jeglichen pädagogischen Zeigefinger und durch die bloße Wiedergabe von damaligen Umständen, diese wichtigen Fragen aufzuwerfen. Das schmerzt, wärmt und schüttelt gleichzeitig wach.

Auch Hulda Gold, die sich bisher über ihre Arbeit und das damit selbst verdiente Einkommen als frei und selbstständig definiert hat, gerät zum ersten Mal mit ihren Werten ins Wanken. Durch einen dramatischen Zwischenfall stellt sie ihre Prioritäten in Frage, und dann bietet sich ihrem Ehemann Max Dessauer auch noch eine verlockende Chance in Skandinavien. Die beiden scheinen sich zu entfernen, ganz sanft entgleiten sie sich, und Hulda Gold kommt ins Grübeln, was ihr wirklich wichtig ist und auch, ob es immer nur um sie gehen darf.

Berlin 1932: Glanz, Risse und Verfall

Selbstredend hat Anne Stern auch für „Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit“ wieder bestens recherchiert. Ihrem eigenen Anspruch und Interesse geschuldet, lesen wir hier nebenbei auch noch eine historische Chronik ihrer Heimatstadt Berlin. Popkulturelle Querverweise, wichtige Informationen über Gebäude und deren Nutzung zeigen uns auf, dass die in den Zwanzigerjahren noch schillernde Stadt nach und nach ihren Glanz und ihre Toleranz verliert. Einst geknüpfte Bande sind wertlos, angefasst von ihren niedrigsten Instinkten werden einstige Freunde zu Feinden. Geschäfte schließen, so manche Pioniere machen sich schon auf und davon, während andere noch verhältnismäßig naiv durch die Straßen tapsen.

Unbill als stiller Spiegel der Gegenwart

„Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit“ ist ein besonderer Band, denn zum ersten Mal trifft Anne Stern wirklich genau den Punkt, an dem sich unsere Gesellschaft gerade befindet. Das liest sich trotzdem noch an vielen Stellen heiter, und gerade die kleine Meta sorgt mit ihrem offenen Herzen und ihrer Unschuld für so manchen schmunzelnden Moment. Und so bleibt, genau wie beim letzten Band, die bange Frage, ob sich Hulda Gold doch noch richtig entscheidet und dem Schlimmsten entkommen kann.

Beim Lesen fällt die überproportionale Verwendung des alten Wortes Unbill auf, was so viel wie Unrecht oder unverdiente Härte bedeutet. Ein schöner Anstoß, um mal in sich hineinzuhorchen, wo man selbst zu viel davon als Maßstab anlegt.

Seiten: 432
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 349901341X
ISBN-13: 978-3499013416
VÖ: 11.11.2025

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