Lest die Review zu "Out Of Scale" von ANNIE TAYLOR bei krachfink.de

Annie Taylor – Out Of Scale – Review

Mit ihrem neuen Album „Out Of Scale“ führt uns die Schweizer Rockband ANNIE TAYLOR zunächst etwas auf die falsche Fährte. Benannt nach der ersten Person, die die Niagara Falls in einem Fass überlebte, erwartet man womöglich einen ähnlich halsbrecherischen Sound. Das bedeutet jedoch nicht, dass es dem Sound an Energie mangelt – davon hat das Quartett reichlich. Ihre Songs stehen allesamt sofort mit beiden Füßen in der Tür, ohne viele Umwege kommen ANNIE TAYLOR zum Punkt. Dafür setzen sie nicht allein auf brachial gefuzztes Riffing, sondern beherrschen die lauten und die leisen Nuancen. Womit wir auch schon beim besten Ass wären: Der Gesang von Gini Jungi ist bemerkenswert und trägt jede textliche Facette zwischen Melancholie, Trotz und unterschwelliger Aggression.

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Annie Taylor 2026, Foto von Christian Taro

Unaufdringliche Präsenz

„Out Of Scale“ klingt sehr präsent, ohne aufdringlich zu wirken. Die Herangehensweise der Band wird schnell greifbar, was einen unmittelbaren Zugang zur Musik ermöglicht. ANNIE TAYLOR lassen sich dadurch leicht genießen und bieten eine einfache Möglichkeit zum Andocken, allerdings geht das ein Stück weit zu Lasten der Überraschungsmomente. Spätestens beim energetisch nach vorne gezuckelten „Ludicty“ wird klar, dass ANNIE TAYLOR eine Liveband sind. In weniger als zweieinhalb Minuten zelebriert die Band die klassischen Tricks des Rock ’n’ Roll, schöpft die Einfachheit des Genres nach dem Maximalprinzip voll aus, hämmert ein Solo in die Menge und setzt dem Stück ein abruptes Ende.

Live dürfte das einen gut gelaunten Mob provozieren, der die Kraft des Rock ohne Aggression, aber mit viel Bewegung feiert. Das Album ist sicherlich nicht inhaltlich glattgebügelt, es befasst sich mit Trennung und Schmerz, dennoch gelingt es ANNIE TAYLOR, eine positive Grundstimmung zu hinterlassen.

Akzentuierte Aufnahme, die trotzdem wie live klingt

Ein Großteil der Musik für die dritte Platte „Out Of Scale“ entstand im Sommer im leer gefegten Zürich, und gerade diese gemütliche Bräsigkeit und der emotionale Drift sind in den Midtempo-Songs wie „Fire“ hörbar. Mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit setzen ANNIE TAYLOR hier Ohrwurmanker, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr loswird. Die psychedelischen Anteile scheinen zurückgefahren, dieses angenehme musikalische Vakuum, in dem man sich herrlich verlieren kann, hat sich die Band bewahrt.

Der bereits erwähnte Live-Charakter, der sich auf „Out Of Scale“ kompositorisch andeutet, wurde auch in der Produktion konsequent aufgegriffen. „The Cure“ klingt so unmittelbar, dass man sich direkt im Konzert wähnt. Die Gitarren grätschen leicht dreckig von der Seite durch den luftigen Sound und entfalten eine Szene, die beinahe improvisiert wirkt.

Kontrolliert explosiver Sound

ANNIE TAYLOR haben ein Faible für diese plötzlichen Enden und verbieten „Out Of Scale“ damit jegliche Leerstelle. Und dann gibt es doch noch Überraschungsmomente, etwa wenn die Band bei auf der Hand liegenden Strukturen wie „Overload“ eben nicht den geraden Weg geht. Bass und Main-Riff drängen sich eigentlich dazu auf, lauter und dominanter zu sein. Aber ANNIE TAYLOR belassen dem Song die Elastizität und gönnen ihm einen anschwellenden Aufbau. „Out Of Scale“ ist eine Platte, die Vorhersehbares umschifft, aber nicht mit Verrücktheiten auffüllt.

Im Vergleich zu britischem oder amerikanischem Rock gibt es für Rockmusik aus der Schweiz keine Blaupause. Klischees verbinden das Land mit Sorgfalt, Struktur und Kontrolle. ANNIE TAYLOR bestätigen diese Zuschreibungen nicht als Limitierung, sondern als ästhetische Grundlage für ihren kontrolliert explosiven Sound.

Dauer: 41:23
Label: Clouds Hill
VÖ: 22.05.2026

Tracklist „Out Of Scale“ von ANNIE TAYLOR
Alligator
Something Ain’t Right
Lucidity
Fire
That City
The Cure
Overload
The Ocean
Silence
What Do You Have To Sell
Places

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