Berlin 2.0. – Kaltental – Review
Wie satt ist bitte Post-Punk-Deutschland, dass man in den bisher veröffentlichten Reviews zu „Kaltental“ von BERLIN 2.0 immer wieder latente Kritik an den Texten äußert? Während man Phrasen wie „Alle meine Freunde hassen die AfD“ feiert, sind die Texte von Elena Wolf wohl etwas zu wenig abgestumpft und etwas zu vielschichtig. Sei es drum. Produziert wurde der dicht scheppernde Nachfolger zum ersten gefeierten Album „Scherbenhügel“ von 2022 wieder von Ferdinand Führer in dessen Bunker. Der Sound der Stuttgarter Band, mittlerweile in neuer Besetzung unterwegs, metert einem wieder die Luft weg, zementiert aber auch Ängste und Wut dampfwalzenähnlich noch tiefer ein.
Zwischen Hoffnung und Untergang
Sängerin Elena Wolf scheint zumindest noch nicht vollends desillusioniert zu sein, mit mikroskopisch untermengter Hoffnung singt sie auf „Kaltental“ gegen die allgemeine Depression an. Im Angebot wären Aufruf zum Widerstand und emotionales Hosenherunterlassen: „Eine Welt, die es noch nicht gibt, will ich gewinnen…„, ist euch das schon zu pathetisch? Im dem Untergang entgegen schunkelnden „AZ!“ bleibt dann jede Harmonie im Halse stecken, stattdessen gibt es einen garstigen Abriss über Dunkeldeutschland. Die besungene Truppe, die da laut Text eng zusammensteht, hält aktuell nur den Abfuck am Leben. Hat denn wirklich niemand den oft herbeigesehnten Spiegel, in dem man sich mal anschauen kann? Wir sind die Veränderung.
Dystopie, Bläser und Geschichte
Abgesehen von den typischen Waffen wie Drums, Gitarren und Bass, trumpft „Pflugscharen zu Schwertern“ dann mit Bläsern auf. BERLIN 2.0 erzählen musikalisch und inhaltlich eine stark verklausulierte Geschichte über die gefährliche weltweite Aufrüstung. „Euer Ende wird ein Anfang sein…“ ist der Bands verhärtete Version von PASCOWs „Alles muss kaputt sein“. Noch mehr Akzeptanz der Dystopie geht eigentlich nicht.
Aber nur für den Moment, denn der Song stellt lediglich eine Station von „Kaltental“ dar. Das folgende antreibende „1789“ ist mitnichten nur eine Jahreszahl und sicherlich nicht nur zufällig der Beginn der Französischen Revolution – ein geschichtliches Ereignis, das sinnbildlich für Menschenrechte, echte Volkssouveränität, Demokratie und die Trennung von Kirche und Staat steht. Wäre das eine Möglichkeit?
Zwischen Erschöpfung und Entschlossenheit
„Panzerliebe“ wird dann durchzogen von Samples, klingt eher wie ein Interlude und appelliert an die Macht des Einzelnen und die Tatsache, dass sie das Kollektiv erst stark machen. Der erste Schritt zu einer gesunden Gesellschaft ist wohl ein Schritt heraus aus der Lethargie – schwierig, wenn Depressionen die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland sind. Es wirkt beinahe so, als ob die Band ihre Möglichkeiten ausnutzt, ergebnisoffen anbietet, aber selbst auch ziemlich am Straucheln ist.
Dementsprechend wirkt die Platte brüchig und entschlossen zugleich. Der Gesang pendelt zwischen sanft und wütend, gleiches gilt für die Musik, oszillierend zwischen Dark Pop und wütenden Ausbrüchen. Immer wieder kämpfen sich die Gitarren nach oben, setzen milchschaumige Spitzen, die schnell verpuffen, aber kurz Wärme schenken („Ich denke über Gewalt nach“). Ehrlicher geht es wohl nicht. BERLIN 2.0 wollten inhaltlich vielleicht in manchen Momenten zu viel mit „Kaltental“ – das mag schon sein. Aber letztendlich ist das ein realistischer Abriss des Ist- Zustandes und Musik reflektiert im besten Fall genau den.
Dauer: 38:12
Label: Kidnap Music
VÖ: 29.08.2025
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