Lest die Review zu "Freizeit" von Carla Kaspari bei krachfink.de

Carla Kaspari – Freizeit – Review

Aua, die Präzision, mit der die Autorin Carla Kaspari in ihrem Roman “Freizeit” den Alltag und innere Zustände beschreibt, tut an manchen Stellen weh. Man fühlt sich schnell ertappt. Ertappt vom zu wenig fühlen und vom zu oft Ja statt Nein sagen. Wir stehen an der Seite der Autorin Franziska, die gerade aus Paris zurückgekommen ist und ihr eigenes, gewohntes, Umfeld ganz anders vorfindet, als sie es verlassen hat. Anfangs hat man als Leserin oder Leser den Eindruck, es mit einer gefühlsarmen Person zu tun haben, die mehr oder weniger durch die Leben schlafwandelt und zufällig mit anderen Personen zusammenstößt.

Je weiter der Roman voranschreitet, umso deutlicher werden die Ursachen und die Umstände, die dazu geführt haben. Und ironischerweise schreibt man der Autorin Carla Kaspari mit ihrem Roman gleich im Affekt die Verantwortung zu, die Stimme einer Generation zu sein. Franziska wäre damit ziemlich überfordert…

Nicht auf eine Generation zu beschränken

Ziemlich schnell ist klar, dass “Freizeit” nicht per se ein positiv besetzter Begriff ist. Carla Kaspari interpretiert frei auch als frei von Emotionen, frei von Sinn und frei von eindeutiger Realität. Die fast beiläufigen Beschreibungen von blutarmen, digital geführten Konversationen sind auffällig gut formulierte, feinfühlige Kritik, da Kaspari darauf eingeht, was diese Art von Kontakt mit dem Menschen macht. Welche zwiespältigen Gefühle daraus entstehen und wie sich die Wertigkeiten verschieben. Spätestens an dieser Stelle ist “Freizeit” auch nicht mehr auf eine Generation beschränkt, denn diese Effekte treffen die komplette Gesellschaft. Zuflucht in seifenoperartigen Vlogs auf YouTube zu suchen, ist leider keiner Generation vorbehalten.

Ebenso wenig wie die Angst vorm Scheitern, die ständige Suche nach dem Kick oder dem Sinn der Sache und die Überforderung vom Gesellschaftsschach und den eigenen, inneren Widersprüchen. Das vermeintlich simpel gestaltete Artwork verbindet vielleicht nicht zufällig grün für Hoffnung und blau für Traurigkeit.

Ja, voll.

Franziska ist Autorin und wir springen zwischen der Zeit, in der sie noch in Paris lebt, der davor und der Zeit nach Paris. Wir erhalten auch Einblicke in den Roman, an dem Franziska arbeitet. Die dort beschriebenen Personen tragen teilweise die gleichen Namen, wie die ihrer echten Freunde, was für eine merkwürdige Verschiebung der Perspektiven sorgt und weshalb “Freizeit” große Aufmerksamkeit abverlangt. Carla Kaspari hat keinen großen Plot in petto, widmet sich eher dem zwangsläufig nach vorne treibenden Leben, das meist ereignisarm und dröge ist. Das eingangs erwähnte Sezieren der Umstände ist der eigentliche Grund, warum man dem eher dumpfen Inhalt “Freizeit” überhaupt folgen möchte.

Die Übergänge, wenn sich Personen aus dem Leben verabschieden und Abschnitte schlichtweg enden, kennt jeder. Die Spannung resultiert also nicht aus einem konstruierten Spannungsbogen, sondern der Hoffnung, dass der Hauptfigur Franziska das Kunststück gelingt, alles so zu bewahren, wie es niemals war und trotzdem nach vorne zu kommen. Ein Roman, der nachwirkt und in dem man sich erschreckend häufig wiedererkennen kann.

Seiten: 304
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 346200252X
ISBN-13: 978-3462002522
VÖ: 07.07.2022

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