Caroline Seibt – Weil sie lügt – Review
Der neue Roman „Weil sie lügt“ der preisgekrönten Autorin Caroline Seibt trägt das Prädikat Psychothriller absolut zu Recht. Die Welt, in die wir als Leserinnen und Leser gestoßen werden, ist farbenfroh wie Kellerstaub. Juli ist verstorben und ihre von Depressionen und Ängsten geprägte dysfunktionale Familie scheint stark verdächtig. Das Verschwinden der jungen Frau ist schon beklemmend genug, noch viel bedrückender ist der Zustand der Zurückgelassenen. Anna kümmert sich um ihren verschüchterten Bruder Leon, während die beiden auf der Hut vor den nächsten Gewittern der introvertierten und kranken Mutter sind.
Der Vater sitzt als Hauptverdächtiger im Gefängnis, die Polizistin Katharina und ihr Kollege glauben fest an dessen Schuld. Caroline Seibt weiß nicht nur, wie man Spannung aufbaut, die Fäden, die sie spannt, sind gekonnt verwoben und wie eine Puppenspielerin lockt sie uns von einer vermeintlichen Fährte auf eine ganz andere Spur.
Unterschiedliche Blickwinkel auf den gleichen Fall
Wir erleben „Weil sie lügt“ von Caroline Seibt immer aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Schwester Anna oder die Polizistin Katharina übernehmen die Perspektive und lassen uns so durch diverse metaphorische Schlüssellöcher blicken. Der Buchtitel scheint ziemlich eindeutig, ist aber mitnichten ein echter Hinweis auf den überraschenden Ausgang der Geschichte. Die Gänsehaut, die uns Caroline Seibt beschert, erzeugt sich weniger aus Splatter oder echtem Grusel. Es sind vielmehr die unausgesprochenen Worte und die Taten, zu denen Menschen aus angeblich guten Gründen fähig sind. Wie in einem guten Psychothriller üblich, sind die Ermittler Katharina und Faber keine Frohnaturen, wirken stattdessen auch gebrochen und mit dem eigenen Leben überfordert.
Tolle dynamische Dramaturgie
Und die alles erstickende Trauer, von der in „Weil sie lügt“ gleich mehrere Personen überwältigt werden. Das rechtfertigt das Präfix „Psycho“ mehr als genug. Seltsamerweise, obwohl es „Weil sie lügt“ nicht darauf anlegt, hat man von Anfang an das Gefühl, eine amerikanische Geschichte zu lesen, was wahrscheinlich an der Erzählweise liegt. Die Kapitel sind so geschrieben, dass man immer noch eine Seite und noch ein Kapitel lesen möchte. Fast jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der aber nie krampfig wirkt. Gerade diese kleinen offenen Spannungsmomente sorgen für eine dynamische Dramaturgie und ziehen einen immer tiefer in die Geschichte.
Aus Gedanken werden Taten
Caroline Seibt hat mit „Weil sie lügt“ keinen hektischen Roman geschrieben, das Erzähltempo ist eher gemächlich. Gerade deshalb sickert man beinahe unbemerkt immer tiefer in dieses trostlose Szenario. Man beginnt, den angeblich Guten zu misstrauen, lässt sich an der Nase herumführen und übersieht eigentlich auf der Hand liegende Hinweise. Caroline Seibt hat ein gutes Händchen dafür, die Umgebung gerade so vage zu skizzieren, dass man sie sich vorstellen kann, aber stattdessen großen Wert auf die Gedankenwelt der Beteiligten zu legen.
Das Ende von „Weil sie lügt“ ist spannend, aber nicht befriedigend. Denn bis dahin hat man längst begriffen, dass viele der Protagonisten wohl nie wieder wirklich glücklich werden können. So bleibt ein Kloß im Hals, der noch eine Zeit lang nachwirkt. So, wie es bei einem guten Psychothriller sein soll.
Seiten: 384
Verlag: Droemer TB
ISBN-10: 3426567008
ISBN-13: 978-3426567005
VÖ: 01.06.2026
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