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Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter – Review

Je weiter man mit dem Roman “Lügen über meine Mutter” vorankommt, umso deutlicher wird, wie treffend der Buchtitel ist, den die Autorin Daniela Dröscher gewählt hat. Wir tauchen aus Sicht der Tochter in den Alltag einer kleinen Familie ein. Einer Familie, die grundsätzlich einen harten Umgang miteinander pflegt und dann doch manchmal sehr liebevoll miteinander umgeht. Besonders das Verhältnis zwischen Vater und Mutter ist stark angespannt, ständig mäkelt er an ihrem Gewicht herum, macht sie dafür verantwortlich, dass ihre optische Erscheinung angeblich zu zahlreichen Nachteilen für ihn führen würde.

Zur Familie gehören noch die zwei Großelternpaare und einige Nachbarn, die im Dorf deutlich näher dran sind, als in der Stadt und somit mit ihren wachsamen Augen und ihren tratschende Mundwerken auch großen Einfluss von außen nehmen.

Wenn Fremdwahrnehmung zur eigenen wird

Daniela Dröscher schließt einige Kapitel von “Lügen über meine Mutter” aus der heutigen Sicht an, so als ob sie die Geschehnisse mit ihrer Mutter reflektieren würde. Erwartungsgemäß kann sie einige Handlungen nun viel besser nachvollziehen und wieder andere findet sie rückblickend beschämend und nahezu unerklärbar. In “Lügen über meine Mutter” beschreibt sie sehr authentisch aus der Sicht eines Kindes, was es mit einem macht, wenn der Vater die Mutter immer für “zu” befindet. Zu dick, zu laut, zu viel, zu faul. Auch die Atmosphäre von außen überträgt sich auf sie. Da die Mutter ursprünglich aus Schlesien kommt, ist ihr Pfälzer Dialekt niemals perfekt, was sie immer als Zugezogene kennzeichnet und indirekt zu einer Fremden macht.

Man kann den übersteigerten Fleiß der Mutter ebenso nachvollziehen, wie den Geltungsdrang des Vaters. Das Kind steht irgendwo dazwischen und ertappt sich selbst auch bei schlechten Gedanken, steht aber auch immer wieder für die Mutter ein. Das Dorfleben engt im einen Moment ein und wirkt im anderen beschützend, ein ständiges Wechselspiel.

Beschützend und erdrückend zugleich

Eine wesentliche Rolle nimmt die Bopp ein (pfälzisch für: die Puppe), eine zwielichtige Nachbarin, die in der nächsten Nähe wohnt und die Obhut für Jessy übernommen hat, deren Mutter wegen Depressionen nicht dazu imstande ist, sie zu betreuen. Jessy und die Protagonistin werden Freunde, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Im weiteren Verlauf von “Lügen über meine Mutter” vergrößern sich die unsichtbaren Gräben zwischen den Leben der beiden Kinder, werden beinahe unüberwindbar. Daniela Dröscher gelingt es sehr gut, die Enge eines Dorfes und die Nähe einer Familie mit all ihre Reibungsflächen zu beschreiben.

Dass der Vater sich so häufig hart und verletzend gegenüber der Mutter äußert, zeugt eben auch von einer gewissen Nähe und einer stillen Erlaubnis, die sie ihm gegeben zu haben scheint. Aber die Machtverhältnisse sind in Bewegung und immer mal wieder, kann auch die Mutter ein Machtwort sprechen und gewinnt die Oberhand. Alle beschriebenen Charaktere sind vielschichtig, fast niemand ist durchgehend böse, emotionale Verletzungen und Zusammenhalt wechseln sich nachvollziehbar ab.

Es ist, wie es ist

Abgesehen davon zeigt Daniela Dröscher in “Lügen über meine Mutter”, wie sehr man die Fremdwahrnehmung mit der Zeit selbst übernimmt, wie tief solche Kritik sitzt und wie man sie eigentlich nie wieder loswird. Und am Ende des Buches ist auch klar, dass es Situationen und Umstände gibt, an denen sich niemals etwas ändern wird, egal über welche Mittel man verfügt und wie sehr man es sich wünscht. Das Buch trägt die Beschreibung tragikomisch vollkommen zurecht, denn einige Lacher bleiben einem im Halse stecken.

Seiten: 448
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 346200199X
ISBN-13: 978-3462001990
VÖ: 18.08.2022

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