David Schalko Bad Regina Artwork

David Schalko – Bad Regina – Review

Der österreichische Autor und Regisseur David Schalko hat eine ganz eigene Handschrift, die bei seinem neuen Roman “Bad Regina” äußerst treffend ist. Auch wenn das Artwork und der Titel etwas anderes suggerieren und man sofort das Bild von einem idyllischen Kurort im Kopf hat, gibt es auch dieses Mal besonders wenig zu lachen. Wenn dann eher zynisch und bitter. Beschrieben wird eine Geisterstadt in den Alpen, in der noch einige skurrile Bewohner*innen übrig sind, die dort eher ihr Dasein fristen und weniger dort leben im eigentlichen Sinne.

Bitterböse, triste Satire

Ein Chinese namens Chen ist maßgeblich daran beteiligt, dass der einstige Kurort nur noch aus Ruinen besteht. Ruinen deshalb, weil er den Bewohnern zwar den Besitzt abkauft, die entsprechenden Gebäude dann aber immer weiter verfallen lässt und nicht nutzt, geschweige denn restauriert. Damit befeuert er einen gefährlichen Kreislauf, denn durch das stille Lahmlegen – und die damit steigende Unattraktivität des Ortes – bleibt der Tourismus immer mehr aus und führt alle in die finanzielle Notlage und zu dem Zwang, irgendwann auch an Chen verkaufen zu müssen.

Wir sind als Leser*innen ziemlich nah an dem ehemaligen Clubbetreiber Othmar dran und erleben die Geschichte aus seiner Perspektive. Es ist gleichermaßen spannend, wie beunruhigend, der Geschichte zu folgen, die sich ausnahmslos um lebende Tote dreht und deren Ende unvorhersehbar, aber auf jeden Fall traurig sein wird. David Schalko scheint sowas gut aushalten zu können, im Prinzip sind es statirische Überspitzungen der Realität.

Lachen, das in Hälsen steckt

David Schalko formuliert Sätze, bei denen einem das Lachen im Hals steckenbleibt. So ernst, so böse und so wahr. Er erfindet Wörter wie “Schwartenstolz” für Schriftsteller oder “Veränderungsaufschneider” für die Politiker*innen. Der vermeintlich simpel gestrickte Othmar sagt kluge und ungewöhnliche Sätze wie: “Glitzer verunmöglicht Faschismus”. Im Roman taucht der Pastor Helge auf, der für interessante Blickwinkel zum Thema Religion und Schuld sorgt. Grundsätzlich ist “Bad Regina” kein Buch, durch das man sich selbst hetzen sollte.

Es ist wichtig, die Ideen von Schalko sacken zu lassen und sich auch auf philosophischer Ebene damit auseinanderzusetzen. Denn in Sätzen wie “Traude war nie irgendwas gewesen. Auch wenn sie bei allem mitgemacht hatte”, steckt viel Wahrheit. Im Grand Hotel Europa residiert schon lange niemand mehr, aber die Relikte aus der guten, alten Zeit werden bewahrt. Auch Personen werden durch ihre pure Anwesenheit zu Mahnmalen, sind lebende Skulpturen, die an früher erinnern. Damit macht Schalko natürlich auch auf aktuelle Missstände aufmerksam und sagt deren schlimmstes Ende voraus.

Es wird nicht gejammert

Vollkommen selbstverständlich spricht Schalko über ungewöhnliche Beziehungen, Krankheit, Transsexualität, den Sinn des Lebens und der Liebe. Es bleibt nicht aus, die Metaphern zu erkennen und auf eigene Denkweisen zu übertragen, dazu trägt diese schon fast an ein Theaterstück erinnernde Inszenierung bei. Aber “Bad Regina” ist selbst für einen Schalko sehr schwermütig und es fällt schwer, die hellen Momente in dieser kinderlosen Dystopie zu finden. Aber manchmal ist im Leben einfach mehr Schatten und bedrückend ist besonders die Tatsache, dass alle Protagonisten nicht laut jammern, sondern ihr Leben einfach aushalten.

Seiten: 400
Verlag: KiWi – Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462053302
ISBN-13: 978-3462053302
VÖ: 14.01.2021

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