Der krachfink.de Jahresrückblick 2025
Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und auf krachfink.de gab es in den letzten Monaten zwar weniger Reviews als gewohnt, dafür gibt es jetzt aber einen besonders intensiven Rückblick auf das Musikjahr 2025. Ich habe gleich 25 pralle Lieblingsalben für euch zusammengestellt. Von Black Metal über Punk, Powerviolence, Future-Bass und Indie bis hin zu Hardcore und Metal ist alles vertreten. Perfekt, um über die Feiertage neue musikalische Schätze zu entdecken und sich inspirieren zu lassen. Danke an alle, die hier immer oder immer mal wieder reinklicken! Danke, an die vielen Labels und Promoagenturen, die mir seit Jahren vertrauen und mich zuverlässig mit dem heißen Shit versorgen.
Was sind eure Favoriten des Jahres und worauf freut ihr euch im Musikjahr 2026?
Bahnhof Motte – ZeitFressen

BAHNHOF MOTTE aus Dresden sind mir mit ihrer Platte „ZeitFressen“ eher zufällig untergekommen. Schnell war klar, dass das kein handelsüblicher Abklatsch ist. Stattdessen hat die Band vieles Altbekanntes so zusammengefügt, wie man es bisher noch nicht kannte. Das ist zum einen der Stakkatogesang von Georg Fleischfresser, vorgetragen von einem, der Ahnung von Ausdruck und Timing hat. Das macht die Texte und das Hörerlebnis so viel besser. Am BAHNHOF MOTTE herrscht kein Stress, die Songs changieren zwischen vier und sieben Minuten, immer effektiv genutzt und natürlich als direkter Querverweis zum Albumtitel. Ein guter Nebeneffekt davon, dass viele Bands veröffentlichen können und nur wenige Erfolg haben, ist eben auch der Druck.
Nichts auf „ZeitFressen“ schielt auf Kommerz, es geht nur darum, was der Song braucht. Der daraus resultierende Bastard setzt sich aus Einflüssen aus unterschiedlichen Jahrzehnten zusammen und macht sich somit selbst unkaputtbar. Die Platte setzt unter Strom, wiegelt auf und lässt einen mit einem Fragezeichen zurück. Da bleibt nur erneutes Hören und jedes Mal ein neues Entdecken. Dass BAHNHOF MOTTE keine Anfänger sind, ist in jeder Note spürbar. Gut abgestimmtes, polyrhythmisches Chaos und ein Status Quo, der treffender kaum sein könnte.
Alison Wonderland – Ghost World

„Ghost World“, die neue Platte der australischen DJ, Produzentin und Sängerin Alison Wonderland, ist ein bemerkenswertes Highlight, wenn es um Trap / Future Bass in 2025 geht. Die introspektiven Texte treffen auf verspielten Dubstep, und auch fernab von den Tanzflächen dieser Clubs und flackerndem Licht entsteht hier sofort eine dichte Atmosphäre. Der emotionale Popgesang verwässert den Druck nicht, setzt stattdessen schöne Konterpunkte und verleiht dem Song eine angenehm futuristische Entrücktheit, die den Schmerz auflöst.
Dass Alison eigene Erfahrungen mit emotionalen Achterbahnfahrten hat, spürt man nicht nur zwischen den Zeilen; es finden sich etliche Erkenntnisse, die man kennt, wenn man schon mal auf dem Weg zu sich selbst war. Während sie also von unangenehmer Starre oder der gefühlten Gewissheit singt, dass es ab jetzt nur noch bergab gehen kann, sprengen die rhythmischen Drops und schweren Bässe den Stein auf der Brust. Fernab von jeglichem lamoryanten Gehabe hat sie auf „Ghost World“ Hymnen für die Ewigkeit geschaffen, die auch dann noch zünden, wenn die Krise durchlaufen ist und die nächste an der Tür schellt.
ALISON WONDERLAND bei Instagram
Rauchen – Fallen Und Schweben

„Es fühlt sich nicht so an“ und „Stachel“ waren die ersten beiden Vorboten, die RAUCHEN ins Rennen geschickt haben. Dass es sich dabei um Songs für die kommende Platte handelt, war noch nicht klar, aber der künstlerische Sprung schon enorm und deutlich erkennbar. Schnell Mails mit Tüddel von RilRec ausgetauscht, in denen es sinngemäß darum ging, dass das ein Riesensprung ist und wie geil es bitte wäre, wenn deren neues Album so klingt. Wenn auch sonst meilenweit von Serviceband entfernt, haben RAUCHEN in diesem Fall geliefert. Weg vom Powerviolence, hin zu einer Band, die sich mehr traut. 2025 kam mir zweifelsohne keine Platte unter, die so ihr eigenes Ding durchgezogen hat.
Noch am Jahresende bekommt man Gänsehaut von dieser Abmischung, von den unter die Haut gehenden Texten und dem authentischen Vortrag. Wenn das fies verzerrte „Fesseln“ zum Rundumschlag ausholt und dem Zuhörenden philosophische Fragen wie ausgefahrene Krallen durchs Gesicht fährt, dann ist das erst mal unerreichbar. Ein Großteil der Punkbands sollte sich schleunigst mit hochrotem Kopf verkriechen, angesichts von Texten wie „Es fühlt sich nicht so an“ oder „Flimmern“ von RAUCHEN, die astronomisch weit entfernt sind von der Dünnpfiff-Agenda, die Punk-Deutschland seit Jahren ohne Scham abarbeitet. Der offensichtliche Weg wird euch weder Fans noch Frieden bringen.
Review zu „Fallen und Schweben“ von RAUCHEN
Odd Couple – Rush-Hour des Lebens

„Rush-Hour des Lebens“ von ODD COUPLE gehört mit Sicherheit zu den Platten, die ich in diesem Jahr am meisten gehört habe. Das liegt an dem beinahe magischen Zug, diesem stoisch nach vorne schiebenden Takt, der immer warm und freundlich wirkt. Dem Duo sei gut geraten, zu zweit zu bleiben, um diese ganz besondere Handschrift zu erhalten. Kreativ sind ODD COUPLE in jedem Moment, manchmal verzwickt und komplex komponiert und dann wieder so unfassbar simpel, dass man verzweifelt den doppelten Boden sucht.
„Du siehst in mir tausend andere, nur zwei Leute….“, so heißt es im daherschwirrenden Opener, der einen gleichzeitig abheben und im ODD-COUPLE-Kosmos landen lässt. „Sehnsucht Jeep“ ist fast schon kein Song mehr, eher eine Art perkussives Hörspiel. Deren fast instinktives Talent, aus Klangfragmenten musikalische Muster zu destillieren, ist beeindruckend. Dass die beiden nicht anders können, wurde bei ihrem Besuch im krachfink.de Podcast klar. Es geht ums Machen, darum, Inneres über Töne und Klang nach außen zu transferieren. Hallelujah, dass es solche Bands gibt.
Review zu „Rush-Hour des Lebens“ von ODD COUPLE
Podcast Folge 105 mit ODD COUPLE zu „Rush-Hour des Lebens“
