Der krachfink.de Jahresrückblick 2025
Haiyti – Stadium Rock

Ja gut, das war’s dann wohl. Mit „Stadium Rock“ hat HAIYTI sich nun selbst ein Bein gestellt. Wer dachte, sie könnte den eigenen, sowieso schon bunten und schiefen Rahmen nicht nochmal sprengen, lag falsch. Man kann ihr nicht vorwerfen, nicht unique zu sein. Es finden sich sicherlich Inspirationen in ihren Songs: Man hört „Florenz“ deutlich die Kooperation mit WOLF BIERMANN an, aber ansonsten kehrt sie wieder aus allen Ecken Inspo und macht daraus wirklich ihren ganz eigenen Scheiß. Warum so verkrampft, liebes Publikum? Wo ist euer Humor? HAIYTI macht nicht nur Spaß („1,60“), sie tut genau das, was ihr alles immer von Kunstschaffenden fordert.
Dass sie nur Konzentrat liefert, ist nichts Neues und längst zu ihrem Markenzeichen geworden. Dafür gibt es den Repeat-Knopf, und deshalb wurden „Sternenhimmel Digital“ von mir 2025 über 120-mal gehört. Merchmäßig agiert HAIYTI leider weiterhin jenseits von Gut und Böse, Konzerte sind auch abgezählt, sodass man sie außer mit Streaming und Plattenkäufen wenig unterstützen kann. Das pastellig gehauchte „Dreh dich nochmal um“ wäre mit dem Pakt von Bass und Indie-Gitarre außerdem durchaus für das Formatradio geeignet gewesen.
Review zu „Stadium Rock“ von HAIYTI
Ditz – Never Exhale

Ehrlich gesagt habe ich nicht gecheckt, ob DITZ sich mittlerweile in die Riege der krakeelnden britischen Bands einreihen. „Never Exhale“ ist eines der besten Alben des Jahres, was daran liegt, dass DITZ eine unverkennbare eigene Prägung haben. Der Gesang von Cal ist einzigartig, ebenso wie die Liveperformance der Band. Bleibt zu hoffen, dass viele DITZ besser fanden als IDLES, als sie deren Support spielen durften. DITZ sind dunkelschwarz und tendieren massiv in Richtung Noise. Repetitives Vorgehen ist ihr Kerngeschäft, darauf setzt der skandierende, flüsternde oder angriffslustige Gesang. Auch wenn bei DITZ alles auf Rebellion und Krawall angelegt ist, nutzen sie nicht Tempo als ihre Primärwaffe.
Es geht eher darum, verstörend und anders zu klingen, wie eine Band, die es ernst meint. Das gelingt ihnen bestens, wenn in „Four“ Bass, Drums und stoische Gitarren aus dem Dunkeln angreifen. Oder wenn „God On A Speed Dial“ irritiert und beinahe wie eine versehentlich aufs Band geratene Maschine klingt. Das sind die Momente, in denen sie glänzen und Eindruck hinterlassen. Nicht einfach zu verdauen, aber durch die ständig dazwischen grätschenden tanzbaren Elemente doch immer wieder gerade noch zugänglich genug. Ich durfte die Band mittlerweile mehrfach live sehen, und dort zeigt sich, wie eng ihre Kompositionen mit ihnen verknüpft sind. Bitte labert keine Scheiße, ok?
Review zu „Never Exhale“ von DITZ
Haiyti – Oubliette, Vol. 1

Sorry, aber HAIYTI liefert so schnell, dass sie sogar zwei Mal in diesem Jahresrückblick vertreten ist. Die EP „Oubliette, Vol.1“ scheißt so dermaßen auf den Kurs, den sie mit „Stadion Rock“ angedeutet hat. Diese Unvorhersehbarkeit finde ich weiterhin extrem unterhaltsam: Die schrägen Elektrostampfer oder knisternden Synthieblubberblasen sind allesamt getragen von HAIYTIs Einzigartigkeit. Das – und Lines wie „du hörst mich zu, doch ich rede nicht“ oder „trinke kein Kaffee, doch mit Whisky is‘ ok“ oder den Leberhaken zu Vicky Leandros in „Glühwürmchen“ – bomben diesen Happen, mit der hässlichschönsten Typo des Jahres, in diese kurartierte Übersicht. Danke für den Service. Oubliette ist übrigens ein dunkles Verlies, in das man früher Gefangene über eine Falltür plumpsen und dann verenden ließ.
Pabst – This Is Normal Now

„This Is Normal Now“ vom Berliner Trio PABST ist ziemlich neu, zum Glück liegt mir die Promo schon länger vor. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass sofort klar war, dass es sich um ein Topalbum handelt. Mit jedem Durchgang haben sich die Grunge-Rock-Pop-Hymnen tiefer ins Herz gefräst, nach und nach wurde klar, dass PABST hier Wert auf das Detail und nicht auf den großen Knalleffekt gelegt haben. Es ist müßig, mit Konjunktiven argumentieren zu müssen: Eigentlich müssten PABST viel größer sein, früher wäre diese Band deutlich erfolgreicher gewesen. Den durchschnittlichen Musikfan wird das nicht jucken, es kommt darauf an, was hängenbleibt. Mit „This Is Normal Now“ geben uns PABST keine Handlungsanweisungen an die Hand, bieten keine Lösungen an und werten die sowieso schon diskutable Normalität nicht.
Was ist schon normal? Während andere Bands sich extra kantig geben, legen uns PABST alles vor die Füße. Kaum Barriere, Songs ohne doppelten Boden und Texte, die genauso gemeint sind, wie Eric sie singt. Der vermeintlich ausbleibende Erfolg kalkuliert auch den nicht stattgefundenen Höhenflug mit ein, den man nach Touren mit BOB MOULD, BEATSTEAKS und BILLY TALENT eigentlich schon haben könnte. Das führt zu der ungefilterten Spielfreude, die man den Musikern komplett abnimmt und die sich dementsprechend auf alle, die zuhören, überträgt.
Review zu „This Is Normal Now“ von PABST
Podcast Folge 106 mit PABST zu „This Is Normal Now“
