Itchy Pandemiekoller

Der Quarantänekalender: Tipps und Tricks gegen Lagerkoller – Folge 7 mit Itchy

Das Punktrio von ITCHY ist für gute Laune bekannt. Ob sich die Band jetzt unterkriegen lässt? Ja, als ob. Panzer von ITCHY erzählt uns, wie es ihm aktuell geht und wie er dem Lagerkoller entkommt.

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ITCHY, 2020 , Panzer ganz rechts im Bild

Schlimmste Entbehrung, was fällt Dir an der aktuellen Situation am schwersten?

Eigentlich wären wir jetzt im Moment gerade auf Tour und es macht natürlich etwas weniger Spaß alleine zu Hause zu sitzen, als zusammen mit 1000 Leuten einen Club auf links zu drehen. Es wird aber jede Show nachgeholt und dann wird’s eben doppelt und dreifach so wild. Außerdem vermisse ich banalerweise Fußball ganz schrecklich. Und ja: Mir ist natürlich klar, dass das Jammern auf ganz, ganz hohe Niveau ist.

Was hast Du in den letzten Wochen neu gelernt?

Ich glaube, ich bin besser im Staubsaugen geworden. Da gibt’s ja einiges zu beachten was man erst versteht, wenn man etwas tiefer in die Materie eintaucht: Wie kommt man richtig in die Ecken? Was ist mit dem engen Bereich unter dem Sofa? Außerdem hab ich zum ersten Mal in meinem Leben verstanden, wie man richtig Fenster putzt. Seitdem hab ich auch einen ganz anderen Blick auf meine Nachbarschaft.

Schönste hilfsbereite Aktion, die Dir selbst passiert ist oder die Du beobachtet hast?

Ich hab z.B einen Großeinkauf für einen Corona-Symptombehafteten Kumpel gemacht, ihm alle gewünschten Fleischprodukte von seinem Einkaufszettel raus gekürzt und ihm stattdessen vegane Ersatzprodukte untergejubelt. Er hat mich dafür ein bisschen gehasst, war mir aber dennoch dankbar. Generell finde ich es schön zu sehen, dass es viele Menschen gibt, die schauen wo sie helfen können und wer oder was grade am meisten Unterstützung gebrauchen könnte. Ich hoffe, dass das auch so bleibt, wenn der ganze Wahnsinn mal vorbei ist.

Kreative Köpfe laufen auf Hochtouren, so viele Menschen haben starke, tolle Idee, die uns die Situation erleichtern. Welche ist Dir besonders aufgefallen?

Mittlerweile ist das für mich schon eine ziemliche Überdosis an Streaming-Konzerten, Klavier-Coverversionen, Akustik-Sessions, Corona-Podcasts und Zoom-Interviews. Die erste Woche fand ich aber total spannend und hab mir da auch gerne Sachen angeschaut. Wir selbst haben als Band versucht den Spieß etwas rumzudrehen: Nicht nur zu unterhalten, sondern die Leute selbst kreativ fordern und mit einbinden. So haben wir das Musikvideo zu unserem Song “Herzlich willkommen (daheim)” einzig und allein mit Video-Inhalten gefüllt, die uns Fans zugeschickt haben. Da gab es ultra viele Einsendungen und es war cool zu sehen, wie viel Mühe sich alle gemacht haben und wie viel Kreativität da vorhanden ist.

Deine Filmtipps für die Zeit während der Pandemie?

Grade schaue ich die Serie “Sunderland ´til I die”. Die ist super, aber wahrscheinlich schon eher ausschließlich für Fußballfans interessant. Ansonsten fand ich kürzlich “I´m not okay with this” schön. Zumindest für alle die “Stranger Things” mochten und generell ein Herz für Misfits-Coming-of-Age-Serien haben.

Stell Dir vor, Joe Exotic wäre 2016 tatsächlich Präsident geworden, was hätte sich in USA in den letzten vier Jahren wohl geändert?

Dann wäre zumindest vier Jahre lang kein rassistisches und sexistisches Arschloch mit orangenen Haaren an der Macht gewesen.

Corona ist aktuell das allseits beherrschende Thema. Welcher Aspekt der Krise sollte Deiner Meinung nach stärker beleuchtet werden und/oder welches Thema fällt aktuell leider runter, ist aber trotzdem wichtig?

Ich finde es bedenklich, dass sich gefühlt ALLE Nachrichten nur noch darum drehen. Klar, der Fokus muss da jetzt drauf gelegt werden und es ist sicher auch das Thema das die Leute am meisten interessiert. Klar ist aber auch, dass es uns hier in Deutschland immer noch vergleichsweise gut geht. Wenn man sich die Situation auf Lesbos oder an der Griechisch-Türkischen Grenze anschaut, da wird es einem wirklich schlecht und ich kann nicht verstehen, warum so ein großes Bündnis wie Europa es nicht mal schafft zumindest die Kinder da herauszuholen. Das ist so ein krasses Armutszeugnis.

Podcasts werden mit erhöhter Frequenz gesendet. Stars und Sternchen ballen auf allen Social-Media-Kanälen und täglich gehen mehrere Livestreams gleichzeitig ins Rennen, sodass man sich kaum entscheiden kann. Was davon kannst Du empfehlen, was gibt Dir emotionalen Halt?

Ich brauche für mich selbst jetzt kein Medium, das mir irgendwie emotionalen Halt gibt. Ich informiere mich über die Situation und die Entwicklung. Versuche den Leuten zuzuhören, die etwas von der Materie verstehen. Ich selbst hab, wie die meisten, keine Ahnung von Virologie. Also ergibt es Sinn, den Experten Achtung zu schenken. Podcasts höre ich ehrlich gesagt generell ziemlich selten.

Dein Musiktipp?

Ich bin vor Kurzem über einen Künstler namens BETTEROV gestolpert, hab mir die Platte gekauft und finde das großartig. Irgendwie ist das so eine Mischung aus DRANGSAL, THE SMITHS und einer tiefen, besonderen Stimme. Tolle Texte und gutes Songwriting auch. Außerdem höre ich grade YOUNG GUV. Das ist das Soloprojekt des Gitarristen der Punk-Hardcore-Band FUCKED UP. Das ist viel ruhiger, aber unglaublich schön. Kann mal ruhig mal ein Ohr reinhängen.

Dein Buchtipp, um sich die Zeit zu vertreiben?

Hab grade das Buch von Thees Uhlmann über seine Beziehung zu den TOTEN HOSEN beendet. Wie immer sehr gut geschrieben und vor allem total unterhaltsam. Jetzt lese ich grade “Serpentinen” von Bov Bjerg. Da hab ich aber noch keine Meinung zu.

Tim Mälzer kann nach Hause gehen, Dein Rezepttipp?

Schwäbischer Kartoffelsalat: Kartoffeln in der Schale kochen, anschließend pellen. Noch warm in hauchdünne Scheiben schneiden, mit den Zwiebeln mischen. Anschließend die heiße Brühe hinzugeben mischen, Öl, Senf und Essig hinzugeben, mischen und mit Salz, Muskatnuss und Pfeffer abschmecken, noch warm essen. Man kann auch Gurken untermischen. Letzteres ist aber natürlich gewagt.

Wie schützt Du Dich, grundsätzlich und/oder wenn Du aktuell das Haus verlassen musst?

Nichts Besonderes. Abstand halten, nichts oder wenig anfassen, Hände waschen.

Pflegepersonal, ErzieherInnen, Ärzte, Postangestellte, Supermarktangestellte… es gibt viele Menschen, die keine Pause oder Homeoffice als Option haben und aktuell unter Hochdruck und teilweise schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Wer ist Deine Heldin oder Dein Held in Deinem Umfeld und warum?

Gesundheits- und Krankenhelfer(innen) und Pflegepersonal. Generell ist das doch schon immer so, dass es nicht sein kann, dass diese so unfassbar wichtigen Berufe so unfassbar schlecht bezahlt sind. Das steht einfach in keinerlei Relation und muss schleunigst langfristig geändert werden. Unabhängig von der Krise jetzt.

Was wird die Gesellschaft wohl aus der Pandemie lernen?

Es wäre schön, wenn sich durch die Erfahrung etwas verändern würde. Dass wir mit unserem Turbo-Kapitalismus und mit unserer ständigen “höher-schneller-weiter”-Attitüde ohne Rücksicht auf Natur, Klima, Fairness oder Menschlichkeit irgendwann gegen eine Wand rasen werden, ist seit Langem schon abzusehen. Durch die Corona-Krise verstehen wir grade vielleicht zum ersten Mal so wirklich, dass nicht alles, was wir haben selbstverständlich ist und, dass uns und der Welt auch in anderen Bereichen harte Einschränkungen drohen, wenn wir nicht anfangen unser Verhalten zu ändern.

Ich habe schon die leise Hoffnung, dass man in Zukunft mehr aufeinander achtet, den Fokus auf andere Dinge legt und versteht, dass ein generelles Umdenken her muss, um unseren Planeten nicht komplett vor die Hunde gehen zu lassen. Auch hoffe ich, dass die Leute sich anschauen wie sich die ganzen rechtspopulistischen Parteien im Moment während der Krise verhalten. Über die AfD ist ja eh längst alles gesagt, aber selbst die schaffen es in diesen Tagen ihr Vollpfostentum nochmal auf ein neues Level zu hieven. Vielleicht kriegen sie ja irgendwann mal eine Abrechnung. Das wäre jedenfalls sehr schön.

Die Musikszene ist selbstverständlich auch stark betroffen und es wird sich erst in vielen Monaten zeigen, welche Ausmaße die Krise wirklich haben wird. Welche Aktion findest Du unterstützenswert, sodass Du hier darauf hinweisen möchtest?

Ich glaube, die ganze Tragweite wird man erst in den nächsten Wochen und Monaten absehen können. Noch ist ja längst nicht klar, wann Künstler wieder auftreten und Clubs wieder eröffnen können. Ich finde jeder sollte sich auf dem Laufenden halten, welche ihrer Lieblingsbands, Künstler, Clubs, Bars, Veranstalter und Festivals in nächster Zeit Hilfe benötigen, um nicht Pleite zu gehen. Wenn man dann ein paar Euro für eine Spende übrig hat, einen Künstler mit einem T-Shirt-Kauf unterstützt oder sich anderweitig solidarisch verhält, ist schon einiges getan.

Ggibt es Menschen in Deinem Umfeld mit denen Du jetzt zum ersten Mal sprichst oder die Du plötzlich in einem anderen Licht siehst?

Nein, das nicht. Aber die persönlichen Themen , Gedanken und Probleme sind natürlich andere als sonst. Tiefgründiger vielleicht? Auf alle Fälle interessant.

Artikel über ITCHY:
ITCHY – Ja als ob
Interview mit ITCHY zu “Ja als ob”
27 Jahre DONOTS – “Heute Pläne, morgen Konfetti” – Die Show
ITCHY – 20 Years Down The Road, How To Survive As A Rock Band II 
Interview mit Sibbi und Panzer von ITCHY zur Bandbiografie

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