Die Nerven – Live im Elfenbeinturm – Review
Dass eine Band wie DIE NERVEN ihre neue Platte „Live aus dem Elfenbeinturm“ nennt, ist mittlerweile weniger sarkastisch als beabsichtigt. Das Post-Punk-Trio – bestehend aus Max Rieger (u.a. ALL DIESE GEWALT), Kevin Kuhn (u.a. live bei LUCIFER, SCHARPING, HAVEMEYER…) und Julian Knoth (u.a. DIE BENJAMINS, PETER MUFFIN TRIO…) – nährt sich mittlerweile von den alteingesessenen Fans. Die großen Bands nehmen sie aus berechtigter Ehrfurcht nicht als Support mit auf Tour, und der Auftritt beim Neo Magazin Royale darf als interessanter, aber nicht wirklich ertragreicher Ausreißer abgehakt werden.
Inwieweit Fatalismus und düster wabernde Wave-Wolken noch maßgeblich stimmungsweisend sind, sei ebenfalls zu diskutieren. Dass DIE NERVEN live unschlagbar sind und auf dem vorliegenden Dokument ihres wahren Könnens auf der Bühne dementsprechend nur einen Bruchteil ihres Charmes ausspielen können, ist allerdings ein Fakt. „Live im Elfenbeinturm“ ist mitnichten ein schlechtes Album, dokumentiert allerdings nur Schatten dessen, was DIE NERVEN auf der Bühne ausmacht.
DIE NERVEN senden Grüße aus einer abgeschotteten Sphäre
Mächtig dicht und bedrohlich abgemischt donnert „Als ich davonlief“ vom aktuellen Album „Wir waren hier“ zur Begrüßung aus den Boxen. Ein regnendes Schlagzeug und Druck durch einen zersplitterten Song aufzubauen, sind beides Tricks, die DIE NERVEN schon auf viele ihrer Lieder live übertragen haben. Kann man machen, funzt aber am besten in der Euphorie, die einen beim Konzertauftakt in Anbetracht der wahrhaftigen Drei ergreift. Oder eben, wenn man eh schon im Wahn ist. Vieles auf „Live im Elfenbeinturm“ fällt aber leider oder zum Glück unter die Kategorie „muss man dabei gewesen sein“.
Was Julian Knoth live aus sich herausbrennt, wie Max Rieger im Gitarrenrausch zerfließt und Kevin Kuhn sein Gesichtstheater entfesselt – all das kann man auf „Live im Elfenbeinturm“ noch nicht mal erahnen. Stattdessen wundert man sich über die improvisierte Tonlage bei „Eine Minute schweben“ und eine vermeintlich aus dem Nichts kommende Schreiattacke von Le Kuhn himself. Alles besser, wenn man es selbst gesehen hat.
Muss man dabei gewesen sein
Einige Feinheiten haben es aber doch auf „Live im Elfenbeinturm“ geschafft, und die betreffen in erster Linie das Zusammenspiel der Musiker. Da ist einiges fest verwachsen, da reicht ein Augenzwinkern, um den nächsten Takt auszulösen, nachzuhören im instrumentalen Improteil von „Grosse Taten“ oder „“. Die Ansagen von Max Rieger kann man schon beinahe als Etikettenschwindel begreifen, denn auf Konzerten von DIE NERVEN wird so gut wie nie geredet. Wobei das auch ein Trugschluss sein könnte und ein Beweis dafür, dass die Musik live alles dominiert. Die Wucht, das irrlichternde Chaos und die Spannung zwischen Max, Julian und Kevin: Kann man nicht pressen, muss man erlebt haben.
Im Vergleich zu „Live in Europa“ von DIE NERVEN, das deutlich verspielter wirkte, darf „Live im Elfenbeinturm“ als wertvolles Zeitdokument verstanden werden, zeigt es doch DIE NERVEN auf ihrem künstlerischen Peak. Ende offen. Und für Fans der Band sowieso ein Muss, denn die können sich die visuelle Erinnerung an das letzte Konzert dazu addieren und kommen so auf ihre Kosten.
Dauer: 81:00
Label: 333 (Broken Silence)
VÖ: 05.12.2025
Tracklist „Live aus dem Elfenbeinturm“ von DIE NERVEN
Als ich davonlief
Das Glas zerbricht und ich gleich mit
Große Taten
Wir waren hier
Wie man es nennt
Achtzehn
Europa
Niemals
Aufgeflogen
Keine Bewegung
Ein Tag
Der Erde gleich
Eine Minute schweben
Angst
Frei
Dunst
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