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Dietmar Wischmeyer – Als Mutti unser Kanzler war: Erinnerungen an eine total krasse Zeit- Review

In seinem neuen Buch “Als Mutti unser Kanzler war: Erinnerungen an eine total krasse Zeit” seziert uns der deutsche Autor, Kolumnist und Satiriker (u.a. Heute Show) Dietmar Wischmeyer den täglichen Wahnsinn, typisch deutsch sogar alphabetisch geordnet. Der Einstieg scheint mit “Angela und der Abschied” noch locker und angenehm unterhaltsam zu sein. Die Kanzlerin ist im Ruhestand und deshalb können wir doch alle rückblickend darüber schmunzeln, wie Wischmeyer ihr stoische Art überspitzt darstellt und die Machtkämpfe innerhalb der Partei satirisch aufarbeitet. Oder?!

Auch das Kapitel über Corona ist nah am Puls der Zeit. Es ist gerade noch so frisch, dass man, wenn auch noch etwas krampfig, über Homeoffice, den Umgang mit der Einsamkeit und das Revival der “Öffis” spotten kann. Vorausgesetzt, man gehört nicht zu denjenigen, die tatsächlich geliebte Menschen an diese immer noch wütende Pandemie verloren haben oder echte Existenzängste durchstehen müssen.

Dann sind das Chaos und die Impfgegner mit Unterhosen als Mundschutz schlagartig alles andere als witzig. Und genau das ist der erste Kipppunkt des Buches, von denen alle Leserinnen und Leser früher oder später einen erreichen werden: Wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Verbale Watschen zum Nachdenken für alle

Natürlich ist genau das vom Autor beabsichtigt. Dietmar Wischmeyer weicht auch in seinem neuen Buch “Als Mutti unser Kanzler war: Erinnerungen an eine total krasse Zeit” wieder keinem noch so heiklen Thema aus und hält mit seinen Positionen nicht hinterm Berg. Die Häuslebauer kriegen ihr Fett weg, durchweg alle Parteien, die, die sich beim Thema Klimaschutz scheinheilig verhalten, die Ostdeutschen, Trump und andere politische Irrlichter aus dem Ausland, der Kapitalismus und eine Menge popkulturelle Phänomene. Wie es bei einem Rant so üblich ist (Sorry, altes Jugendwort) verrät Dietmar Wischmeyer oft mehr über sich, als er eventuell beabsichtigt hat.

Hart, ohne Anspruch auf herzlich

Er findet teilweise harte Worte, drückt sich klar und unmissverständlich aus. Und es scheint so, als ob er wirklich beinahe zu allem und jedem etwas zu sagen hätte. Na ja, wie die meisten von uns eben auch. Manchen Personen widmet er einen eigenen Beitrag in der Rubrik “Helden im Abseits”. Und für bestimmte Wörter, legt er seine eigenen, neuen Definitionen an. Es ist trotzdem angenehm, keine glatt geschliffene oder angepasste, sondern offensichtlich eine echte Meinung zu lesen. Und leider muss Wischmeyer häufig gar nicht so doll überspitzen, um einen guten Witz zu bringen, über den man häufig aber eher bitter lachen muss.

Den eigenen Grenzen entsprechend

Als Kolumnist ist Wischmeyer geübt darin, die Quintessenz zu ziehen. Die Texte lassen sich auch gut häppchenweise genießen und so noch viel besser verarbeiten. Je nach eigenen Grenzen, kann man dann den durchaus gehaltvollen Zuspitzungen zustimmen… oder eben kurzerhand Wischmeyer mit seinen Positionen innerhalb von Sekunden selbst zur Zielscheibe der eigenen Wut machen. Auch Leser und Leserinnen erfahren also mehr über sich, als ihnen lieb ist. Die Erkenntnis kommt erst im Abgang von “Als Mutti unser Kanzler war: Erinnerungen an eine total krasse Zeit”.

Seiten: 336
Verlag: Rowohlt
ISBN-10: 3737101477
ISBN-13: 978-3737101479
VÖ: 08.03.2022

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