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Dirk Steffens – Hoffnungslos optimistisch – Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft – Review

Dirk Steffens möchte zeigen, dass wir die Welt schlechter sehen, als sie tatsächlich ist. Sein Buch „Hoffnungslos optimistisch – Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft“ versucht genau das zu beweisen, überzeugt dabei aber nicht immer. 143 Seiten umfasst sein Werk. Man kann ihm zugutehalten, dass er es schafft, seinen Optimismus auf so wenigen Seiten zu vermitteln. Genauso könnte man allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass ihm schlicht nicht mehr Argumente eingefallen sind. Steffens zeigt anhand unterschiedlicher Theorien auf, dass Menschen sich überschätzen und über Fachgebiete schwadronieren, von denen sie keine Ahnung haben. Darauf aufbauend setzt er den Gemütszustand und die Psyche von ganz Deutschland in seinen ganz eigenen subjektiven Rahmen. Dieser Ausgangssituation muss man sich als Leser bewusst sein.

Bahnbashing als Parabel für die Einstellung der Gesellschaft

Als über allem stehende Metapher in „Hoffnungslos optimistisch – Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft“ führt Dirk Steffens überproportional häufig den Zustand der Deutschen Bahn AG und das angebliche stete Zetern der Gesellschaft gegenüber dieser an. Bahnbashing findet in meinem Umfeld schon seit Jahren nicht mehr statt. Das Verkehrsmittel hat sich schlichtweg für viele selbst aus dem Spiel genommen oder die Verspätungen werden zähneknirschend akzeptiert, wenn man einmal alle Jubeljahre damit fährt. Steffens selbst hat große Teile des Buches in der Bahn geschrieben und sich über so manche Verspätung gefreut.

Der verdammte Negative Bias

Die Bahn muss auch als Beispiel für den Negativity Bias herhalten, denn laut Steffens wird eher über Krieg und Krisen berichtet als darüber, dass die Bahn, wie er selbst es vage ausdrückt, mal keine gravierenden Verspätungen hatte. Relativierung und Whataboutism springen einen hier förmlich an, auch wenn klar ist, dass Steffens darauf hinaus will, dass wir negative Nachrichten anders aufnehmen als positive. Die Welt ist leider auch nicht weniger kaputt, weil der Bahnverkehr weitestgehend störungsfrei verläuft. Von daher ist diese verbreitete Art der Einordnung doch okay. Für den Negativity Bias hat Steffens noch einige populistische Vergleiche bei der Hand, schreibt davon, dass wir „Angst vor Menschen hätten, die vor Krieg fliehen“, und setzt den Fakt, dass es mehr Tote durch Kühe als durch Attentäter gibt, in ein unstimmiges Verhältnis.

Froh sein, über das was man hat?

Steffens ist sich der Willkürlichkeit seiner Beispiele und der daraus gezogenen Parallelen durchaus bewusst. Das ändert nichts daran, dass es irritiert. Unter anderem beschreibt er sein subjektives Erleben, dass ihm Probleme mit dem Finanzamt bei Aufenthalten in Zentralafrika auf einmal banal und klein vorkommen. Zum einen ist Otto Normalverbraucher relativ selten dort und kann somit seine vermeintlich aufgeblasenen Probleme mit dem Finanzamt nicht relativieren. Die Tatsache, die er hier für sich positiv beschreibt, ist im umgedrehten Sinne genau der Grund, warum Menschen den Klimawandel eben nicht greifbar finden und ihn so gut ignorieren können. Im Vergleich zum Sommerurlaub oder Grillabend mit Freunden wird der Klimawandel nämlich zu deren Problemen mit dem Finanzamt.

Zu eindimensionale Betrachtung

Apropos Relativieren: Er setzt das Einkommen eines Zentralafrikaners ins direkte Verhältnis zu einem deutschen Einkommen. Es liegt in der Natur der Sache, dass man Studien bevorzugt, die die eigene These bestätigen. Die Tatsache, dass Finnland das Ranking der glücklichsten Länder anführt, aber auch eine enorm hohe Suizidrate aufweist, lässt ihn zweifeln, schickt ihn aber offensichtlich nicht auf Ursachensuche. Tatsächliche Ursachenrecherche wäre an dieser und vielen anderen Stellen interessant gewesen. Verringerte Sonnenstunden pro Jahr und somit weniger Vitamin D, die Einwohnerzahl pro Quadratkilometer und die damit verbundene Einsamkeit – das wären nur zwei von vielen möglichen Ursachen.

Wann wird aus Optimismus Naivität?

Die Tatsache, dass Deutschland krisenlastiger berichtet als beispielsweise Italien oder England, wertet er so, dass Deutschland die Krise stärker fühlt als erlebt. Interessante Einordnung. Im nächsten Kapitel zitiert Steffens Friedrich Nietzsche, der die Hoffnung als Verlängerung der Qual beschrieben hat. Eine durchaus plausible Idee. Es gibt einen Unterschied zwischen Optimismus und Naivität, die Grenzen verschwimmen in diesem Buch leider oft. Dirk Steffens räumt ein, dass viele Ideen scheitern, spricht aber von acht Milliarden Menschen, die jeden Tag Ideen haben, und von daher sei das Scheitern akzeptabel. Es ist stark zu bezweifeln, dass acht Milliarden Menschen täglich diese Art von Ideen haben, die die Welt nachhaltig verbessern.

Interessant sind weniger bekannte und tatsächlich motivierende Fakten, wie jene über das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, in dessen Rahmen man sich darauf geeinigt hat, Anstrengungen zu unternehmen, um bis 2050 im Einklang mit der Natur zu leben.

Der eigentliche Motivationsschub kommt am Ende

Richtig spannend und belegbar optimistisch wird es dann, wenn Steffens über die Power von Walkacke, rotierenden Rindern, Algenfutter und Geoengineering schreibt. Auch die steigende Population von Bibern, Wölfen und Luchsen durch Renaturisierungsmaßnahmen ist undiskutabel positiv. Allerdings sollte man auch hier immer das Gesamtbild im Auge behalten: Schön, dass mittlerweile 60 Prozent der in China neu zugelassenen Autos E-Autos sind. Weniger schön, dass diese ganz offensichtlich nicht aus Deutschland stammen, der wirtschaftsstärkende Faktor wegfällt, mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einhergeht und zu mehr Frust und weniger Kaufkraft führt. Aber klar, grundsätzlich kann ich mich über diesen Fakt freuen. Ist das dann Optimismus und sind die weiterführenden Überlegungen Pessimismus?

Mehr verrückte Ideen, mehr Freiraum

Von einem Journalisten wie Dirk Steffens ist auch zu erwarten, dass er KORN nicht als Heavy-Metal-Band bezeichnet. Genau diese Unschärfe macht das Buch dann leider etwas schwächer. Der abschließende Verweis auf Kunst fügt „Hoffnungslos optimistisch – Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft“ dann allerdings eine interessante Perspektive hinzu. Denn Kunst lässt uns den Freiraum, selbst zu interpretieren, etwas darin zu sehen, davon inspiriert zu sein oder eben nicht. Steffens leitet davon ausgehend über in den Kern der Sache. Nämlich, dass unserem Land aktuell eine kollektiv verbindende Geschichte und somit eine Idee fehlt. Auch das Kapitel „Verrückte Ideen“ ist sehr gut und eröffnet neue Wege, die abseits der schon mehrfach wiedergekäuten Inhalte inspirierend wirken. Als fundierte und weiterführende Bücher sind „Moralische Ambitionen“ und „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman zu empfehlen.

Seiten: 144
Verlag: Penguin Verlag
ISBN-10: 3328604693
ISBN-13: 978-3328604693
VÖ: 12.11.2025

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