Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall

Domenico Dara – Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall – Review

Mit dem fast 500 Seiten starken Debütroman “Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall” nimmt uns der Autor Domenico Dara mit in das dörfliche Italien der Sechzigerjahre. Wir schlendern durch das Örtchen an der Seite des Postboten. Er ist alleinstehend, ein stiller Beobachter, der auf seine ganz eigene Art und Weise doch sehr intensiv am Leben teilnimmt. Schon ziemlich früh erkennt er eine für ihn hilfreiche Stärke. Er kann Handschriften gut imitieren und zwar so perfekt, dass man zum Original kaum einen Unterschied sieht.

Der Postbote greift ein

Irgendwann öffnet er den ersten ihm anvertrauten Brief und von da an liest er sich quer durch das Dorfgeschehen. Er erfährt von traurigen Müttern, verpassten Chancen, Korruptionen und Liebesgeschichten. Seine Zurückgezogenheit stehen seiner Empathie und seinem philosophischen Intellekt nicht im Weg. Er greift in die Geschehnisse ein, lässt Briefe verschwinden oder ersetzt sie mit anderen Inhalten. Zwei Schicksale ziehen sich durch den kompletten Roman. Und es dauert etwas, bis man sich mit den vielen Figuren zurechtfindet und dem Tempo und Gedankengängen des Postboten anpassen kann. Die Geschichten wirken märchenhaft und sind manchmal herrlich dramatisch überspitzt. Durch die Unterteilung in kleine Kapitel, lässt sich “Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall” von Domenico Dara flüssig durchlesen. Trotzdem sind Schreibstil und Geschwindigkeit sehr stimmungs- und typabhängig.

Man kann Italien förmlich riechen

Es gibt zum einen eine mysteriösen Liebesgeschichte und einen alle Kriminalfall, die sich durch den gesamten Roman ziehen. Dazwischen finden sich immer unterschiedliche Episoden, die mal mehr und mal weniger interessant sind. Etwas irritierend ist auch die Charakterbeschreibung des Postboten, mal wirkt er naiv und schon fast etwas zurückgeblieben, im nächsten Moment sehr überlegt und kalkuliert, manches Mal auch lüstern und unangenehm. Trotzdem sind die Geschichten, die direkt mit ihm zu tun haben oder die Rückblenden am meisten interessant. Und es sind auch die stilechten Beschreibungen des Essens, der kleinen Balkone, der Wohnungen, des Ortes, der Bars, Lädchen und der Bewohner*innen, die “Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall” von Domenico Dara so herrlich greifbar und beinahe erlebbar machen.

Seiten: 480
Verlag: KiWi-Taschenbuch
ISBN-10: 3462051717
ISBN-13: 978-3462051711
VÖ: 04.03.2021

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