Lest die Review zu "Die Schweigende" von Ellen Sandberg bei krachfink.de

Ellen Sandberg – Die Schweigende – Review

Selbst im Taschenbuchformat ist der Roman “Die Schweigende” von Ellen Sandberg mit seinem Umfang noch etwas einschüchternd. Doch sobald man die ersten Seiten gelesen hat, kann man ihn nicht mehr aus der Hand legen und wünscht ihn sich nur noch dicker. Das liegt zum einen daran, dass die Geschehnisse auf wahren Begebenheiten beruhen und zum anderen daran, dass die Bestsellerautorin ein beeindruckendes Geschick hat uns die Geschichte aus mehreren Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen zu erzählen, sodass man sofort gefangen wird.

Inspiriert von Colson Whitehead Bestseller “Die Nickel Boys” berichtet Sandberg von den Erziehungsheimen der Fünfzigerjahre, dem furchtbaren Schweigen, der Rolle der Kirche und welche Auswirkungen dieser Horror auf das Leben der Betroffenen und die nachfolgenden Generationen hat.

Versprechen am Sterbebett

“Die Schweigende” startet mit dem Tod von Jens Remy, der seine Tochter Imke noch am Sterbebett das Versprechen abnimmt, nach einem gewissen Peter zu suchen. Niemand weiß, wer genau das sein soll und auch die Mutter Karin, deren Verhältnis zu ihren insgesamt drei Töchter sowieso immer schwierig war, stellt sich unwissend. Nach und nach erfahren wir mehr über die komplexe Familienkonstellation, die sich nach durch das Fehlen des Vaters natürlich auch nochmals verändert.

Die drei Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein, tragen alle Komplexe und emotionale Wunden mit sich spazieren, aus denen sich ihre Handlungen von außen aber gut nachvollziehen lassen. Skurril und geheimnisvoll wirkt die Mutter, die mit dem plötzlichen Alleinsein überfordert scheint und sich von niemandem bevormunden lassen möchte.

Ein erschütternder Alptraum

Es fällt schwer, “Die Schweigende” von Ellen Sandberg zu rezensieren, ohne zu viel zu verraten. Was aber wie eine harmlose Familiengeschichte an einem dunklen Punkt startet, wandelt sich nach und nach zu einem erschütternden Alptraum, der von der Vergangenheit in die Zukunft reicht. Ellen Sandberg beschreibt alles so detailliert, dass man sich die Schauplätze und handelnden Personen sofort genau vorstellen kann, lässt aber auch genug Freiraum für Interpretationen und verfängt sich nicht in übertriebenen oder abstoßenden Schilderungen. Wenn man bedenkt, dass Ellen Sandberg früher in der Werbebranche arbeitet und dort sicherlich grell und auffallend texten musste, ist das umso beeindruckender.

Wer ein Normalmaß an Empathie besitzt, wird von “Die Schweigende” geschockt sein. Dieses Gefühl verfestigt sich noch, wenn man parallel dazu die Suchmaschine bemüht und massive Überschneidungen zwischen Realität und Fiktion findet.

Was am Ende bleibt, ist Betroffenheit und aufrichtiges Verständnis für vermeintlich gefühlskalte Menschen, sowie Dankbarkeit für ein Aufwachsen in einem verhältnismäßig freien und offenen Umfeld. “Die Schweigende” von Ellen Sandberg lässt sich locker in zwei bis drei Tagen verschlingen, da einem die Geschichte sowieso nicht aus dem Kopf geht und man für sein Seelenheil eine Auflösung haben möchte.

Seiten: 544
Verlag: Penguin Verlag
ISBN-10: 3328104852
ISBN-13:  978-3328104858
VÖ: 08.03.2022

Artikel, die Dir gefallen könnten:
Bärbel Schäfer – Avas Geheimnis: Meine Begegnung mit der Einsamkeit
Tom Barbash – Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens
Podcast Folge 59 mit Bärbel Schäfer über Einsamkeit
Eva Pantleon – Ein Stern macht noch keinen Himmel
Liane Moriarty – Eine perfekte Familie 
Esther Safran Foer – Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Sibylle Berg – Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen
Rebecca Maria Salentin – Klub Drushba: Zu Fuß auf dem Weg der Freundschaft von Eisenach bis Budapest
Alina Bronsky – Der Zopf meiner Großmutter
Christoph Amend – Wie geht’s Dir Deutschland?
Sascha Lobo – Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart
Danny Kringiel – Wie Hitler das Skateboard erfand
Rutger Bregman – Im Grunde gut
Patrisse Khan-Cullors – #BlackLivesMatter
Anja Rützel – Schlafende Hunde: Berühmte Menschen und ihre Haustiere
David Schalko – Schwere Knochen
Johan Harstad – Max, Mischa und die Tet-Offensive
Sarah Kuttner – Kurt
Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet
Linus Giese – Ich bin Linus: Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war
Thomas Hettche – Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste
Wendy Mitchell – Der Mensch, der ich einst war
Rachel Kushner – Ich bin ein Schicksal
Anne Stern – Fräulein Gold: Schatten und Licht (Band 1)
Anne Stern- Fräulein Gold: Scheunenkinder (Band 2)
Kerstin Sgonina – Als das Leben wieder schön wurde
Sophie Passmann – Komplett Gänsehaut
Anne Stern – Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt (Band 3)
Martin Steinhagen – Rechter Terror: Der Mord an Walter Lübcke und die Strategie der Gewalt 
Quentin Tarantino – Es war einmal in Hollywood
Anne Stern – Meine Freundin Lotte

Ellen Sandberg im Internet

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.