Lest die Review zu "Location Lost" von FAILURE bei krachfink.de

Failure – Location Lost – Review

FAILURE gehören zu den wenigen Bands, bei denen sich musikhistorische Detektivarbeit lohnt. Aus zahlreichen Einflüssen haben sie sich ihr ureigenes Soundgewand geschaffen. Dieses ist auch auf dem mittlerweile siebten Album „Location Lost“ dicht und präsent, aber jederzeit dazu bereit, eine Abzweigung zu nehmen, sich in Wohlgefallen aufzulösen oder den Untergang anzudeuten. Dass Ken Andrews, Greg Edwards und Kelli Scott die äußeren Umstände aufgreifen und subtil in ihren Songs verarbeiten, führt zu ganz neuen Klangbildern und ungewohnten Stimmungen, die den inneren wie äußeren Status quo widerspiegeln. FAILURE manifestieren ihre Songs in der Gegenwart und vermeiden jegliche Art unangenehmer Nostalgie.

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FAILURE 2026, Foto von Lindsey Byrnes

Unverkennbar und trotzdem neu

Um „Location Lost“ von FAILURE besser zu verstehen, lohnt sich die Dokumentation „Every Time You Lose Your Mind“. Diese beleuchtet nicht nur die Ursprünge der Band vor über 30 Jahren, sondern auch die Anker der Gegenwart. Nach einer schweren Rückenoperation litt Ken Andrews unter physischen und psychischen Problemen, die unerwartet in einem kreativen Schub resultierten, der ihn als Musiker deutlich voranbrachte. Seine Eindrücke verarbeitet er im schweren und düsteren „The Air’s On Fire“. Der Song drängt nach vorn, scheint aber immer wieder ins Bodenlose zu fallen, bevor die Gitarren und Drums einen am Ende quasi aus dem Stand umwerfen.

Sanfter Gesang leitet uns durch 1.000 Nadelstiche

Das Leitthema von „Location Lost“ ist die Orientierungslosigkeit – eine passende Metapher für die Welt. FAILURE rahmen dieses haltlose Gefühl jedoch gekonnt ein. Die Gitarren reizen, und der Bass mäandert, während im Scheinwerferlicht die Komponenten zu Staub zu zerfallen scheinen. Selten waren das Erdige des Grunge, Alternative und die verschlungenen Elemente des Progressive Rock so sinnvoll verzahnt – beide Genres profitieren uneingeschränkt voneinander.

„A Way Down“ setzt mit den Drums gefühlt eine Milliarde polyrhythmische Nadelstiche, Andrews übernimmt dennoch sanft die Führung und leitet uns. Im sanft wiegenden „Moonlight Understands“ hat er weniger Widerstand: Mit minimalen Mitteln schaffen FAILURE einen meditativen Zwischenraum, den man betreten und von dem man sich langsam forttragen lassen kann. Bei keiner Komposition – und mag sie noch so kontemplativ angelegt sein – verliert die Band den harten Anteil aus den Augen, interpretiert ihn lediglich anders.

Spannendes Resultat, geprägt von vielen Einflüssen

Der wohl für die Band typischste Song „Crash Test Delayed“ spielt auf die eingangs erwähnten und hörbaren Einflüsse an. FAILURE vermengen popkulturelle Stilmittel der späten Achtzigerjahre im Sinne von THE POLICE mit Post-Punk-Ansätzen von JOY DIVISION, THE CURE und SIOUXSIE AND THE BANSHEES. In keiner Sekunde wirkt das inszeniert oder formelhaft, sondern eher wie eine organische Ausdünstung zuvor aufgenommener musikalischer Stimmungen. Eine vollkommen neue Facette zeigt der Break-up-Song „The Rising Skyline“ mit Beteiligung von Hayley Williams, deren sanfter Gesang eine tolle Ergänzung zu dem beruhigenden Beat und Andrews’ einbalsamierender Stimme ist. Jeglichen Pathos umschiffen die beiden; stattdessen kontert die Gitarre im Finale und erhebt den Song zu einem interessanten Drama mit unklarem Ausgang.

Verzögerter Schmerz

Es wäre gelogen zu behaupten, dass die neue Platte die gleiche Begeisterung auslöst wie die der Neunzigerjahre. Von erzwungener Auftragsarbeit sind wir allerdings meilenweit entfernt. Interessante Ansätze und der Mut, einen neuen Pfad einzuschlagen, halten die knappen 40 Minuten spannend. Vieles hallt nach, wenn das eigentliche Lied vorbei ist. Es gibt zahlreiche Anker, die im Kopf bleiben und auf deren Wiederkehr man sich freut. Der Tenor ist nicht eindeutig greifbar: Ist das nun das Ende oder der Anfang? „Location Lost“ von FAILURE könnte ebenso die letzte Platte sein – und wäre dann durchaus eine passende Klammer für die satte Diskografie.

Dauer: 39:41
Label: Failure / Arduous Records / Virgin)
VÖ: 24.04.2026

Tracklist „Location Lost“ von FAILURE
Crash Test Delayed
The Rising Skyline
Solid State
The Air’s on Fire
Halo and Grain
Someday Soon
Location Lost
A Way Down
Moonlight Understands

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