Lest die Review zu "Belle Époque" von FJØRT bei krachfink.de

Fjørt – Belle Époque – Review

FJØRT waren schon immer eine Band der großen Gesten; mit ihrer fünften Platte „Belle Époque“ legen sie in jeder Disziplin noch mehr Scheite ins ohnehin lodernde Feuer. Unsere eh schon schnelllebige Welt scheint gerade heiß zu laufen, die Ereignisse überschlagen und übertrumpfen sich in ihrer Absurdität. Diese Hast hat sich auch auf FJØRT übertragen, die mit ihrem Opener zwar jedes ihrer liebgewonnenen Trademarks zücken, aber deutlich schneller präsent sind als sonst. Von der Pechschwarz-Ära ist die Rede, und eigentlich ist man spätestens bei den nachhallenden Moll-Klaviertönen emotional schon mehr als bedient.

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FJØRT 2026, Foto von Holger Kochs

Keine Nostalgie, eher Gegenwartsdiagnose

Vieles auf „Belle Époque“ von FJØRT wirkt wie vor langer Zeit schon gebaute Songgerüste, die eigentlich warm und hoffnungsvoll aufgefüllt und ausgebaut werden sollten. In Anbetracht der Umstände bleibt FJØRT stattdessen nur der Ausbau mit dystopischen Soundfetzen, niederschmetternden Riffflächen und Drums, die heftig einschlagen wie Kanonen. Schön war die titelgebende Epoche in Frankreich, die bis zum Ersten Weltkrieg andauerte, vor allem aus Sicht der wohlhabenden Schichten. Von daher darf man diese Analogie auf das Hier und Jetzt so verstehen, dass sich angesichts des drohenden Untergangs vor allem diejenigen die Taschen vollmachen, die ohnehin schon etwas hatten.

Lediglich das Lied „Danse“ gönnt uns einen Moment der Selbstvergessenheit, auch wenn FJØRT über eine melancholische Basis andeuten, dass es der letzte Tanz sein könnte, zu dem sie uns auffordern. Ein Refrain, der einem die Nackenhaare gleichzeitig vor Liebe zur Band und Angst vor der Zukunft kerzengerade aufstellt. Das ist so viel mehr als diese Phrasen, die einem andere Bands anbieten, und genau der Grund, warum FJØRT keine Band sind, die man mal so nebenbei hört und dann wieder vergisst.

Die Wortwahl angepasst

Bisher stets überlegt, lassen sich FJØRT auf „Belle Époque“ zum ersten Mal zu Aussagen hinreißen, die man ihnen als populistisch oder euphemistisch auslegen kann. Abseits derjenigen, denen FJØRT bisher mit Musik und Texten einen direkten Weg zum tiefsten Inneren freigefräst haben, stand beim Rest immer der Vorwurf des Pathos im Raum. „Wir leben in Hakenkreuzzeiten“ ist angesichts der aktuellen Situation ein kontroverser Satz; musikalisch gehört das sich wütend aufbauende und offen auslaufende „43“ wohl zum Besten, was FJØRT jemals geschrieben haben.

„Rott“ scheißt auf die sonst so elegante Wortwahl und wirkt mit „Für euch marschieren? Niemals, ihr Wichser!“ bewusst überdreht. Ein angewidertes Spucken auf diejenigen, die von Vaterlandsliebe schwafeln und doch nur ihr Fortkommen im Sinn haben. Nimmt man die Diskografie von FJØRT als eine Art Logbuch ihrer Beobachtungen des Weltgeschehens der letzten Jahre, ist das ein ernstzunehmendes Signal.

FJØRT sind Feuer für das Öl in euren Stimmen.

David Frings und Chris Hell wagen sich auf „Belle Époque“ beide zum ersten Mal an eine ganz neue gesangliche Interpretation („2230“, „Yin“). Selbst als Hardcore-Fan kann man sie teilweise nicht auf Anhieb zuordnen. Eine wertvolle zusätzliche Ebene, die FJØRT nochmals mehr Spielraum für Ausdrucksweisen freischaufelt. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Band zwar immer als sie selbst erkennbar ist, aber null auf Sicherheit spielt. „Belle Époque“ ist keine Auftragsarbeit, kein zwanghafter Output, sondern schöpferisch anspruchsvoll, musikalisch visionär und ideengetrieben.

Auch die allgemeine Sprachlosigkeit hat ihren unterschwelligen Weg über das Songwriting auf „Belle Époque“ gefunden: „Aer“ scheint abrupt abgebrochen. Nachdem sich der ganze Abfuck heftig stampfend vor uns aufgetürmt hat, muss ein sakral wirkender Chor als Symbol für den Glauben an einen guten Ausgang herhalten.

Was FJØRT allgemein und „Belle Époque“ im Speziellen meilenweit von anderen Bands abhebt, die an sich selbst den Anspruch von Nachhaltigkeit und Eindringlichkeit ihrer Musik stellen, ist die Tatsache, dass sie gefühlt in jedem einzelnen Stück sterben. Wenn Chris Hell in „Kalie“ aus tiefster Kehle „Glashaus! Ich hol’ nochmal zum Schlag aus“ brüllt und sich dann – in Töne transferiert – alles in Frieden auflöst, fällt es schwer, echte Vergleichsbands zu finden.

Dauer: 46:08
Label: Grand Hotel Van Cleef
VÖ: 20.02.2026

Tracklist „Belle Époque“ von FJØRT 
Messer
Hertz
’43
Kalie
Mir
Aer
Rott
Danse
22:30
Yin
Nacht

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