Lest die Review zu "nichts" von FJØRT bei krachfink.de

Fjørt – nichts – Review

Von Bands wie FJØRT erhofft man sich genau das Gegenteil von “nichts”, musikalisch und inhaltlich. Die Post-Hardcore-Band aus Aachen hat sich über die letzten Jahre eine leidenschaftliche und treue Fangemeinde aufgebaut. Konzerte des Trios sind Zusammenkünfte ähnlich einer Katharsis, das scheint für vor und auf der Bühne zu gelten. Trotz der angespannten Jahre und vielen verschärften Konflikten, machen FJØRT nicht den Eindruck, noch eine Schippe drauflegen zu müssen.

Schwärzer als schwarz ist auch schwierig. Neu sind allerdings der warme Klargesang – was Fans von Davids Frings vorheriger Band LONGING FOR TOMORROW freuen wird – und eine deutlichere Selbstkritik. Warum lassen wir so viel Negatives zu und begünstigen Leid sogar?

Von der Angst, dass gestern zu morgen wird

“nichts” von FJØRT glänzt wieder mit hervorragendem Sound, was bei der atmosphärischen Landkarte, die die Band mit uns durchschreitet, auch zwingend notwendig ist. Und auch die Explosionen, die fast jede Komposition in sich trägt, kommen dadurch besser zu Geltung. Womit wir schon bei dem ersten bemerkenswerten Talent der Band sind. Im zaghaftesten Moment, ziehen sie plötzlich alle Regler hoch und selbst wenn FJØRT uns spontan ins Kaltwasserbecken schubsen, dann folgt darauf nicht zwangsläufig ein kontrastierender, warmer Regen, sondern eben ein kompletter Zusammenbruch. Dazu kommt noch die Darbietung der Texte, so eindringlich, dass es schmerzt und so selbstentlarvend, dass man sich häufig schämt und tatsächlich ins Grübeln kommt (“salz”).

“Friss und stirb”

Und die Szenen, in denen die Drei sich vereinen, alle Wut, jeden Schmerz, jegliche Zweifel und Scham in einem musikalischen Fluss zu bündeln scheinen, sorgen für starke körperliche Reaktionen. Wenn sich dann wie bei “fünfegrade” auch noch Shoegaze-Harmonien stramm gegen die Wucht stellen, dann sind FJØRT unbezwingbar. Und auch Texte wie “lakk” hallen lange nach. Nach einem etwas schrulligen Intro reißen die Instrumente große Löcher in den Boden, wir befassen uns mit der Fragen, warum verdammt alle immer mehr wollen, gerne auf Kosten anderer.

Oder wie es im Song heißt, ‘es ist doch genug für alle da… Nimm dir und halt einfach deine Fresse’. Kapitalismus als Zunder für so viele Feuer auf dieser Welt. Frings formuliert hier überdeutliche Zeilen, fragiler Kindergesang symbolisiert den Wahnsinn des Erbes, bestehend aus Gier und Leid, das wir aufbauen und an Unschuldige weitergeben.

“Was wäre wenn?”

Chris Hell und David Frings wechseln sich auf bei “nichts” mit dem Gesang ab. Beide sind auch als Sänger leidenschaftlich wie immer, die Texte sind einerseits klar und eindeutig formuliert, aber trotzdem immer noch mit zusätzlichen Leerstellen belassen und Möglichkeiten zur persönlichen Identifikation. In “kolt” richtet David Frings den Finger gezielt auf sich, thematisiert die in die Wiege gelegte Sorglosigkeit und die damit verbundene Sattheit. Welchen tatsächlichen Wert hat Kunst im direkten Vergleich mit Taten?

Ob das Akustikgitarren-Instrumental “wasser” bewusst an “Willkommen in Deutschland” von DIE TOTEN HOSEN verweisen soll? Wie alle FJØRT-Platten, könnte man sich theoretisch auch immer mit Freude ohne Texte anhören, die musikalische Leistung beinhaltet eine unvergleichbare Vehemenz, Präzision und Intensität. Auf jeden Fall Jahresbestenliste, aber viel wichtiger ist die nachhaltige Inspiration.

Dauer: 4849
Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 11.11.2022

Tracklist “nichts” von FJØRT
nichts
sfspc
salz
feivel
schrot
kolt
wasser
bonheur
fünfegrade
lakk
fernost
tau
lod

FJØRT

“nichts hat mehr bestand” Tour 2023
präsentiert von VISIONS, FUZE, DIFFUS & Count Your Bruises
18.01. Rostock, Peter Weiss Haus
19.01. Leipzig, Werk 2 Halle D
20.01. Münster, Sputnik Halle
21.01. Bremen Schlachthof
26.01. Essen, Zeche Carl
27.01. Hannover, Musikzentrum
28.01.Stuttgart,ImWizemann(Halle)
29.01. München, Ampere
30.01. Wien, Arena Halle
31.01. Erlangen, E-Werk
01.02. Dresden, Beatpol
02.02. Berlin, Metropol
03.02. Hamburg, Fabrik
04.02. Wiesbaden, Schlachthof
05.02. Köln, Gloria

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