Francesca Giannone – Die Briefträgerin – Review
„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone war in Italien ein Überraschungserfolg. Kein Wunder, denn die Geschichte, die 1934 in Süditalien ihren Anfang nimmt, fesselt sofort. Wir sind an der Seite von Anna, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Carlo aus dem Norden in dessen Heimatdorf Lizzanello zieht. Das Ankommen fällt der offenen und modernen Frau nicht ganz leicht, denn die Bewohner von Lizzanello haben ihre eigenen Sitten und Prinzipien. Gemeinsam mit ihr verfangen wir uns schnell in einem Geflecht aus gut gemeinten Lügen und bedachtem Schweigen und beobachten, welche Auswirkungen diese über Jahrzehnte hinweg auf mehrere Schicksale haben.
Anna strampelt sich ziemlich schnell selbstbewusst frei und wird die erste Briefträgerin. Erst zu Fuß und später mit dem Rad trägt sie über zwei Jahrzehnte die Post aus, bekommt konstanten Einblick in die Leben der anderen, erfährt mehr, als ihr lieb ist, und nimmt Einfluss auf die Leben vieler.
Manchmal muss man nur die Weichen stellen
„Die Briefträgerin“ von Francesca Giannone stellt allerdings mitnichten Anna allein ins Zentrum und glorifiziert sie nicht als alleinige Lichtgestalt in einem Haufen von tumben Dorfbewohnern. Sie stellt die Weichen für viel Gutes, lässt die Personen aber ihren Pfad selbst begehen. Man findet sich ziemlich schnell zurecht in dem Geflecht aus vielen Familienmitgliedern und angrenzenden Protagonisten, was die bemerkenswerte Sogkraft von „Die Briefträgerin“ ausmacht. Anna lebt den Feminismus nicht nur in ihrer beherzten Berufswahl vor, sie ermutigt auch die anderen Frauen und Mädchen von Lizzanello und klärt sie über ihren undiskutablen Selbstwert auf.
Das fruchtet nicht bei allen, ist aber eine Konstante, die Anna ihr ganzes Leben lang antreibt und begleitet. Selbst entscheiden und unabhängig sein, das wünscht sie allen in ihrem Umfeld. Trotzdem wirkt Anna immer etwas ernst und nicht kindsköpfig oder überschwänglich gut gelaunt.
Auch die stilleren Figuren sind prägend
Aber gerade die Figuren, die Francesca Giannone in der zweiten Reihe etabliert hat, sind die viel interessanteren. Annas warmherziger Mann Carlo, der im Laufe des Buches lernt, dass seine Bedürfnisse nicht immer vorne anstehen müssen. Antonio, der belesene, etwas ruhigere Bruder von Carlo, dessen Herz seit seiner ersten Begegnung für Anna schlägt und der mit ihr eine stille, unausgesprochene Verbundenheit über Literatur pflegt. Oder dessen Tochter Lorenza, die aufgrund einer unüberlegten impulsiven Handlung nicht nur ihr Leben verbaut, sondern auch vielen Menschen in ihrem Umfeld dadurch langes Leid bringt. Francesca Giannone geht in „Die Briefträgerin“ weniger auf die Beschreibung des Dorfes ein, die Umgebung entsteht eher beiläufig in unseren Köpfen. Sie hat einen leichten Hang zur Beschreibung von Essenszubereitung und geselligen Festen.
Viele Leben in einem einzigen Buch zusammengeführt
Aber grundsätzlich konzentriert sich „Die Briefträgerin“ auf die Emotionen von Menschen, auf deren Gedanken und die teilweise bittere Diskrepanz dessen, was sie fühlen und was sie leben. Ein echter Pageturner, der ohne großes Aufheben einen feministischen Unterton hat. Die Schilderungen dessen, was passieren kann, wenn man sich zu sehr unterordnet und beinahe vergisst, selbst zu leben, sind Aufklärung genug.
Seiten: 512
Verlag: btb Verlag
ISBN-10: 3442776155
ISBN-13: 978-3442776153
VÖ: 16.04.2026
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