cover Fritzi Ernst - Keine Termine

Fritzi Ernst – Keine Termine – Review

Achtet man nur auf die Musik, dann scheint “Keine Termine”, das erste Solo-Album von FRITZI ERNST (ehemals SCHNIPO SCHRANKE) ein durchweg melancholisches Werk zu sein. Hört man genau hin, entdeckt man herrlich realistischen Humor, über den man aber wohl nur lachen kann, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt und auch schon oft den bitteren Geschmack des Lebens gekostet hat. Es wird nichts beschönigt, allerdings verzerrt FRITZI ERNST auch nichts unnötig ins Dramatische oder überspitzt die Tatsachen. Immer wieder lässt sie, an den unmöglichsten Stellen, etwas Schelmisches durchblitzen und ohne betrübte Zustände zu verhöhnen, spendet sie damit immer auch einen Funken Hoffnung.

Den weit verbreiteten Zweispalt – nach außen zu drängen, menschliche Bündnisse zu schließen und sich dann mit seiner (Liebes-)Beute in die heimatliche Höhle zu verkriechen– bringt sie immer wieder gut auf den Punkt. Das Kleinhalten von Kontakten schafft Sicherheit, der Rahmen der Ereignisse ist überschaubar. Oder um es mit den Worten von FRITZI ERNST selbst auf den Punkt zu bringen: Stinkt es in deiner “Höhle” nach Pups, dann hast du wohl gepupst.

FRITZI ERNST 2021, Credits: Frederike Wetzels

Hast Du Lust zu dancen?

Wieso spricht man bei der Beschreibung des normalen Lebens so häufig von Anti-Ästhetik? Wem bitte soll es helfen, dass wir das normale Leben als anti-ästhetisch einstufen? Auf ihr Blockflötenstudium setzt FRITZI aktuell noch eine Ausbildung im Klavierbau auf, dementsprechend findet das Tasteninstrument auch viel Beachtung. Aber “Keine Termine” hält auch darüber hinaus noch einige musikalische Highlights und Geräuscherlebnisse bereit. FRITZI ERNST schwankt zwischen gestern und heute. Während die Kompositionen auch teilweise gut in die Mundorgel gepasst hättren und im besten Sinne traditionell klingen, bricht sie inhaltlich immer wieder. Sie stellt dem altertümlichen Wort “Trauerkloß” den Kontrast „ich will heut‘ nicht ans Mic“ gegenüber und pumpt sich in ihrer herrlich offensiv introvertierten Art als Flirtprofi auf (“Ich flirte mit allen”).

Doch selbst in den Momenten, in denen man am liebsten nur auf dem Boden liegen und tot spielen möchte, nimmt FRITZI ERNST die Traurigkeit an (“Doofer Tag”). Licht ergibt weiterhin nur Sinn in Kombination mit Dunkelheit. Und warum lacht man jetzt eigentlich im Nachgang über Dinge, die unangenehm und irgendwie auch tragisch sind? Im Interview mit krachfink.de antwortete FRITZI ERNST sinngemäß darauf: „Wahrscheinlich auch aus Erleichterung und weil man froh ist, dass es vorbei ist.“ Überspannt man nun das ganze Leben mit dieser Tatsache, dass es auf jeden Fall mal so ganz und endgültig irgendwann vorbei ist, dann sollte man versuchen, allem ERNST tatsächlich so viel Spaß wie möglich abzugewinnen. Ja, das Wortspiel war beabsichtigt.

Traurige Spieluhr, die Witze erzählt

Die vermeintliche Simplizität von “Keine Termine” ist in Wahrheit stark durchdacht, große Erinnerungen an “Der Hering” oder “Die Lindenwirtin” von HELGE SCHNEIDER kommen mir spontan in den Sinn. In vieles auf “Keine Termine” kann man nachträglich noch einiges interpretieren. Der Kanon “Ich kann deine Mutter sein oder deine Schwester” ist eine Ode an charakterliche Vielfalt, an unterschiedliche Rollen, die alle von uns (gewollt und ungewollt) einnehmen. Streng genommen ist es aber auch eine Mahnung an sensiblen Umgang miteinander, denn des Einen Mutter ist der Anderen Schwester oder dein Fick von gestern Nacht. Und umgekehrt. Ein Album wie “Keine Termine” schreibt man allerdings nicht, wenn man 24/7 dem Frohsinn verfallen ist – wobei, wer ist das schon?! – dementsprechend möchte ich ausdrücklich auf FRITZI ERNSTs Zeile „schlechte Laune ohne Grund, ist auf Dauer nicht gesund“ hinweisen.

Mit dem abschließenden “Ich Weiß” dreht FRITZI ERNST den Swag ordentlich auf, die tanzbare Rhythmusschlange ist schwer einzuordnen, ein Pendeln zwischen genereller Ablehnung von allen Kontakten und der kompletten Ergebung für ein einziges Kopfstreicheln. Herrlich philosophisch singt sie: „Manchmal gehen wir da, manchmal gehen wir hier. Nimm mal diese Krumen, falls wir uns verliern“, und genau wegen solchen Sätzen kann man das Album eigentlich nur lieben.

Dauer: 31:32
Label: Bitte Freimachen Records/ The Orchard
VÖ: 11.06.2021

Tracklist “Keine Termine” von FRITZI ERNST
Keine Termine
Ich flirte mit allen
Wieder einen gebaut
Trauerkloß
Alles Liebe
Außer mir
Höhle
Doofer Tag
Ich kann deine Mutter sein oder deine Schwester
Den Rubin
Ich weiß

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