Lest die Review zu "Der Gräber" von HENDRIK OTREMBA bei krachfink.de

Hendrik Otremba – Der Gräber – Review

Unsterblichkeit klingt wie ein Versprechen, bis sie zur Strafe wird. Zwischen Asche und verrottenden Städten wandelt Oswalth Kerzenrauch, dazu verflucht, das Ende der Menschheit nicht nur zu erleben, sondern zu überdauern. Mit seinem vierten Roman „Der Gräber“ stößt uns der Autor und Musiker Hendrik Otremba noch tiefer in diesen Abgrund und exerziert das ewige Leben mit all seinen Höhen und Tiefen einmal durch. Dieser Ausgangssituation möchte man per se wenig Schönes abgewinnen, aber trotzdem hinterlässt der dystopische Roman ein warmes Gefühl und hält die Liebe als heilsame und treibende Kraft hoch.

Der Otremba-Kosmos wächst

Das Buch trägt einiges zum Otremba-Kosmos bei und schöpft zugleich aus ihm: Es gibt Querverweise zu den vorherigen Büchern, den MESSER-Texten, seiner Soloplatte „Riskantes Manöver“ und seinen Bildern. Fans werden wiederkehrende Motive wie den süßen Tee, Krater oder den Taucher wiedererkennen. Und ganz Otremba-typisch gönnt er sich mit einem Augenzwinkern sogar einen makabren Cameo in seinem eigenen Roman.

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Hendrik Otremba, © Fine Sträter

Verdammt zu bleiben

Die Welt, wie wir sie kennen, liegt in Schutt und Asche. Die Gründe dafür, die Hendrik Otremba in „Der Gräber“ anführt, sind real und mitnichten aus der Luft gegriffen. Zur Unsterblichkeit verdammt, muss Oswalth Kerzenrauch durch das komplett zerrüttete Berlin wandeln. Das Spiel heißt Überleben, eine echte Mission hat Kerzenrauch zunächst nicht. Die Menschheit ergibt sich der Verrohung, feiert wilde Orgien mit Sex und Drogen. Die Überlebenden packt eine verstörende Mischung aus Freiheit und dem bitteren Drang, etwas Echtes fühlen zu wollen. Otremba führt uns in „Der Gräber“ aber nicht ausschließlich durch Ruinen: Rückblenden erhellen und bedrücken die Gemüter zugleich.

Oswalth Kerzenrauch erinnert sich an die Zeit mit seiner Tochter Luzie. Sie symbolisiert die hellen Tage und die unendliche Liebe. Die Tatsache, dass Kerzenrauch seine Tochter aufgrund seiner unerklärlichen Unsterblichkeit bis ins hohe Alter und bis zu ihrem Tod begleiten kann, nimmt seinem Fluch kurzzeitig den Schmerz und verleiht dem Verdammtsein einen schönen Aspekt. Die daraufhin ewig anhaltende Trauer über den Verlust ist natürlich umso härter.

Liebe im Angesicht des Verfalls

Hendrik Otremba weiß um die Dualität des Lebens und nutzt sie in „Der Gräber“ für einige tröstende Gleichungen. Oswalth Kerzenrauch verzweifelt nicht an seinem Schicksal, gelangt aber zur Erkenntnis, dass nichts und niemand nur gut oder nur böse ist. Dann tut sich allerdings ein Ausweg auf: Die Elite macht sich auf nach Nektar II, einem Zufluchtsort, der natürlich nur einigen Auserwählten vorbehalten ist. Das führt Oswalth über Umwege mit Canta Luna eine neue Weggefährtin zu, die ihm einige schöne Momente schenkt.

Angst und Wärme mit Gegenwartsbezug

Dass die Menschen auch Nektar II zerstören und ausbeuten werden, scheint absehbar. Eigentlich müsste „Der Gräber“ von Hendrik Otremba einem beim Lesen mächtig Angst einjagen. Das tut er auch, nicht zuletzt dank Otrembas präziser Sprachgewalt. Die liebevollen Beschreibungen von Kerzenrauch und seiner Tochter, ihre Verbundenheit und das Glück im Kleinen schlagen aber einen motivierenden Bogen ins Hier und Jetzt und bestärken den Vorsatz, alles dafür zu tun, um dem Verfall gegenzusteuern.

Seiten: 272
Verlag: März Verlag
ISBN-10: 3755000571
ISBN-13: 978-3755000631
VÖ: 23.03.2026

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