Hole Live Through This

Hole – Live Through This – Review

Ja, schon klar. Eigentlich ist es “Pretty On The Inside” von HOLE, das dieses Jahr ein fettes Jubiläum feiert. Aber mal ganz ehrlich: das zweite Album “Live Through This” von 1994 ist das beste, das die Band bisher veröffentlicht hat. Bisher, weil es ja tatsächlich im Raum steht, dass HOLE bald ein neues Album veröffentlichen. Fingers crossed, würden die Franzosen sagen. Vieles wird einem im Verlaufe des eigenen Lebens erst im Nachhinein klar. Zum Beispiel wie saustark das schon damals war, was HOLE 1993 zusammengezimmert und 1994 veröffentlicht haben.

Ihrer Zeit weit voraus

Das Quartett HOLE bestand zu diesem Zeitpunkt aus dem Gitarristen Eric Erlandson, der gemeinsam mit Sängerin und Gitarristin Courtney Love das Songwriting übernahm, Bassistin Kirsten Pfaff und Drummerin Patty Schemel. Die meisten werden nur Frontfrau Courtney Love kennen. Eine Frau, die mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Beziehung zum damaligen Grunge-Gott Kurt so stark polarisierte, dass sie jegliche berechtigte und unberechtigte Kritik magisch anzog, wie Scheiße die Fliegen. Mal ganz abgesehen davon, dass man schon alleine aufgrund ihres Geschlechtes und der frechen Tatsache, dass sie laute Musik machte, nicht in der Lage war, ihr vorurteilsfrei zu begegnen. Bassistin Kirsten Pfaff wurde bedauerlicherweise nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von “Live Through This” in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Sie starb wahrscheinlich an einer Überdosis und trat somit in den Club 27 ein.

Musikhistorisch relevant

Deren Vater gab dazu ein trauriges Statement ab, in dem er sinngemäß sagte: “Sie machte eigentlich den Eindruck, als ob sie ihre Probleme im Griff hätte. An diesem Abend hatte sie das wohl nicht.” Hinter den Drums saß Patty Schemel, die als erste Frau jemals auf dem Cover des Drum World Magazine zu sehen war und “Live Through This” massiv durch ihre kreatives Spiel bereicherte. Sogar die Liste der Backingvocals ist interessant, denn neben Dana Kletter war auch besagter Kurt Cobain (“Asking For It”, “Softer, Softest”) von NIRVANA vertreten. Auch der war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung leider schon tot. Uff, alleine alles bis hierhin ist schon alles musikhistorisch relevant.

Von kleinen Fischen und Miss-Wahlen

Mal ganz abgesehen von der starken inhaltlichen Komponente, ist “Live Through This” von HOLE musikalisch auch heute noch von Belang. Der Opener “Violet”, eine Anspielung auf die Kombination von Violence wie Gewalt und Violet als typische Mädchenfarbe, ist die pure Kampfansage und “I wanna give the violet more violence” darf genauso verstanden werden. Aber tatsächlich singt Courtney Love in diesem Song auch sehr deutlich über ihre Ex-Beziehung mit Billy Corgan, dem Frontmann von THE SMASHING PUMPKINS. Eine Beziehung, die nicht gerade ausbalanciert war und über die sie letztendlich den Bogen zur Emanzipation schlägt. Das “little fishs” bezieht sich in dem Fall auf die Sternzeichen von Kurt Cobain und eben Billy Corgan, dessen astrologischer Geburtsstein der ebenfalls besungene Amethyst ist.

Im folgenden “Miss World” kombinieren HOLE ebenfalls zwei Aspekte, die eigentlich nicht zusammengehören, aber trotzdem zusammenpassen. Die Welt als abstraktes Objekt, an dessen Fassade man sich berauschen und dessen (innere) Abgründe und Zerfall man gerne ignorieren kann. Gleiches gilt für die Teilnehmerinnern von Miss-Wahlen, die in Amerika schon damals deutlich krassere Ausmaße annahmen, als bei uns in Europa. HOLE thematisieren die Zurschaustellung von weiblichen Personen, ohne Rücksichtnahme auf deren innere Werte, auch auf dem Coverartwork.

Die Frau als Objekt (der Begierde)

“Jennifers Body” mag schnell ins Ohr gehen, der Text und dessen Bedeutung sind ultrabrutal. Der Song handelt von einer Frau, die entführt und von einem Mann in einer Kiste neben seinem Bett gefangen gehalten wurde. Eventuell bezieht sich die Geschichte auf die wahre Begebenheit der Entführung von Colleen Stan im Jahr 1977, die nach sieben Tagen Gefangenschaft als Sexsklavin entkommen konnte. HOLE selbst gaben an, die Zerstückelung der Frau als feministische Metapher dafür zu nehmen, dass Frauen in ihre Einzelteile zerlegt und wie Objekte behandelt werden. Der Song “Credit In The Straight World” fällt alleine durch sein extravagantes, schon fast sakrales Intro aus dem Rahmen. Kein Wunder, denn er wurde von Stuart Moxham von den YOUNG MARBLE GIANTS geschrieben, während alle anderen Songs wie eingangs erwähnt von Love und Erlandson komponiert wurden. Außer “I Think That I Would Die”, hier wurden die beiden von Kat Bjelland von BABES IN TOYLAND unterstützt.

Zerbrechlichkeit meets Selbstbewusstsein

Im Prinzip kann man über jeden Song auf “Live Through This” eine kleine Abhandlung schreiben, was auch erklärt, warum dieses Album heute noch relevant ist. In diesem Album steckt so verdammt viel Empowerment, Gesellschaftskritik und aufrichtige Auseinandersetzung mit Zweifeln und Ängsten von der Band selbst und der Generation, aus der HOLE stammen. Courtney Love war zur Entstehung des Albums ungefähr 29 Jahre alt. Das sollte man sich mal vor Augen führen, wenn man dieses reflektierte, durchdachte und wegweisende Album hört. Dem gegenüber stand seelische Brüchigkeit im dauernden Kampf mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein (“She Walks Over Me”), da wurde so manche Dude-Bands damals schon für deutlich weniger beklatscht.

Für ‘ne Frau, gut.

Ihr merkt schon, diese Review geht etwas weiter. Liegt daran, dass ich selbst als Frau erst sehr spät erkannt habe, wie stark die künstlerische Leistung von HOLE allgemein und von Courtney Love im Speziellen sind. Das Brainwashing und das Narrativ von der lauten, wütenden und unberechenbaren Frau, die unkontrolliert Drogen nimmt, nichts hinkriegt und allen mit ihrer Unfähigkeit auf die Nerven ging, wirkte auch bei mir. Denn natürlich wurde die Presse nicht müde, HOLE zu unterstellen, dass der grandiose Kurt Cobain an der Entstehung des Albums und somit auch dessen Erfolg beteiligt war. Was für eine bahnbrechende Entdeckung, dass ein kreatives Ehepaar, bei dem beide musikalisch aktiv sind, sich gegenseitig unterstützt und austauscht. Courtney wird “In Utero” von NIRVANA wohl auch mal vor der Veröffentlichung gehört und einen Kommentar dazu abgegeben haben. Wenn sie nicht gerade kochen, putzen oder nähen war…

Hört euch “Live Through This” an, wenn ihr es noch nicht kennt. Und kramt es nochmals raus, pustet den Staub weg, wenn ihr es schon kennt. Denn damit ist HOLE nicht weniger als ein zeitloser Klassiker gelungen, der musikalisch und inhaltlich kaum an Relevanz eingebüßt hat und mich heute noch so pusht, dass ich am liebsten losrennen und die ganze Welt ein bisschen besser machen möchte.

Dauer: 38:15
Label: Geffen
VÖ: 12.04.1994

Tracklist “Live Through This” von HOLE
Violet
Miss World
Plump
Asking for It
Jennifer’s Body
Doll Parts
Credit in the Straight World
Softer, Softest
She Walks on Me
I Think That I Would Die
Gutless
Rock Star

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