Idles Crawler Artwork 2021

Idles – Crawler – Review

Die britische Post-Punkband IDLES meldet sich mit “Crawler” zurück. Die ihnen zugeteilte Genrebezeichnung Post Punk, die sie nie wirklich erfüllt haben, sprengen sie zugunsten von Noise und Soul jetzt komplett. Man muss keine Prophetin sein, um zu ahnen, dass diese Platte die Zielgruppe verändern wird. Wie klingt das wohl, wenn eine Band wie die IDLES ankündigt, jetzt noch ehrlich sein zu wollen? Die Antwortet lautet: Nicht lustig.

Wer sich intensiver mit der Bios der einzelnen Bandmitglieder auseinandersetzt, der weiß, dass hier jeder schon ordentlich abgekriegt hat. Verlust, Tod, Süchte und die ganze andere Scheiße, die das Leben für uns bereithält. Sänger Joe Talbot erzählt uns jetzt noch persönlichere Geschichten, ohne Wenn und Aber.

IDLES 2021, Credit Tom Ham

Über Wut und Verzeihung

Von zugedröhnten Autounfällen, bei denen beinahe jemand draufgegangen wäre, von besoffen daheim abstürzen, weil er persönliche Situationen nicht mehr im Griff hatte und von Nachrichten des Drogendealers auf dem Handy. Wenn er in “The Wheel” brüllend um ein Halleluja bittet, dann hat das einen ganz anderen Anspruch und wenig mit der handelsüblich verfügbaren Religion zu tun. Es geht darum, sich selbst zu verzeihen, an sich zu arbeiten und sich einzugestehen, dass man manchmal richtig scheiße zu anderen und sich selbst ist.

Wer emotional so angegriffen und vorbelastet ist, den holt eine Pandemie auch komplett ohne Vorwarnung ein, verstärkt alle Hürden und reißt alte Wunden auf.

Gibt nicht so viel zu lachen aktuell

Viele werden also sagen, dass IDLES jetzt düster geworden sind, dass es gar nicht mehr so viele lebendige Singalongs wie beispielsweise “Danny Nedelko” und “Samaritans” gibt. Wer sich bisschen im britischen Post-Punk rumtreibt, wird merken, dass IDLES jetzt eher wie Bands klingen, die eigentlich nach ihnen nach oben gespült und schon deutlich mehr desillusioniert, weil erfolgloser, waren. IDLES verstanden sich siwieso niemals als klassische Rockband, auf “Crawler” wird das glasklar herausgearbeitet.

Einige Bandmitglieder von IDLES kommen ursprünglich aus dem Rap und DJ-Bereich, im kühl-rhythmischen “Car Crash” kommt das so stark wie nie zum Tragen. Auch mit der vorab veröffentlichten, grandios verzögerten Soul-Bombe „The Beachland Ballroom“, benannt nach dem Lokal in Ohio, erweitert die Band ihre musikalische Bandbreite. Wie lange mir dieses final gebrüllte “Damage” im Kopf nachgehallt ist… Drummer Jon Beavis regelt auch auf diesem Album wieder jeden Song, sorgt für kreative Noise-Attacken (“Meds”) und Anschub im richtigen Moment. Ansonsten gibt es aber weniger prägnante Ausbrüche, als auf den letzten Alben. IDLES sind noch mehr zur Einheit geworden.

Eine andere Art von Verbundensein

Die Hooks sind noch immer einnehmend, aber auf eine ganz andere Art. IDLES sind weniger darum bemüht, es uns leicht zu machen. Das dunkle “The New Sensation” ruckelt sich jede Sekunde etwas mehr frei, wirkt sogar erst bedrohlich und wird erst nach und nach zu einem irgendwie nachvollziehbaren Song. Auch bei “Crawl!” müssen Durchschnittshörer*innen den Widerhaken erst suchen. Nichts mehr mit Chanting und der Botschaft auf dem Silbertablett. Selbst denken ist auf “Crawler” angesagt. Das nicht wirklich greifbare, melancholische und stark zersplitterte Zwischenspiel “Progress” gehört beispielsweise zu meinen Highlights, wird aber der Masse mit Sicherheit nicht schmecken. Unterm Strich ist das eine Art Rauschbeschreibung und der dringende Wunsch betäubt zu sein, um irgendwie ins seelische Daheim zu gelangen.

Nicht so zugänglich, aber tiefgründiger

“Crawler” von IDLES gefällt mir deutlich besser, als der Vorgänger. Selbst wenn dort mehr Melodien und Refrains lauerten, die einfach mit Anlauf ins Gesicht sprangen und sofort erfassbar waren. Aber unterm Strich sind IDLES auf ihrem vierten Album wirklich offener und ehrlicher. Die Band musste dieses Album machen. Die Musik der Band war schon immer sehr physisch motivierend, aber eher auf eine hibbelige Art und nicht so elementar wie dieses Mal. IDLES graben tief an unsere Hörerinnen und Hörerin, wollen an der Kern der Sache und sind etwas weniger vereinend, als auf den vorherigen Platten.

Man hört auch deutliche Eingriffe in der Produktion, Joes Gesang wurde anders gewichtet und die einzelnen Schichten werden gleichberechtigter abgebildet. Produziert wurde “Crawler” von Kenny Beats (VINCE STAPLES, SLOWTHAI, FREDDIE GIBBS) und IDLES-Gitarrist Mark Bowen selbst, aufgenommen im Real World Studios zu Bath . Damit hat die Band etwas ganz Wesentliches verstanden. Sich in Liebe zu vereinen, ist nicht der letzte Schritt. Es geht auch darum, an deine dunklen Stellen zu arbeiten, um sicher zu sein, dass du tatsächlich etwas verstanden hast und nicht nur ein Herdentier bist. Parolen wiederholen und sich dann sicher zu fühlen, das reicht nicht.

Dauer: 46:38
Label: Partisan Records
VÖ: 12.11.2021

Tracklist “Crawler” von IDLES
MTT 420 RR
The Wheel
When the Lights Come On
Car Crash
The New Sensation
Stockholm Syndrome
The Beachland Ballroom
Crawl!
Meds
Kelechi
Progress
Wizz
King Snake
The End

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