Statues On Fire Bandfoto 2019

Statues On Fire – Interview mit André Alves zum Album “Living In Darkness”

André Alves, Sänger und Gitarrist von STATUES ON FIRE aus Brasilien, hat einiges zu erzählen. Fast eine Stunde quatschen wir per Skype, natürlich auch über das aktuelle Album “Living In Darkness”. Letztendlich entstand keine typische Interviewsituation, sondern eher ein lockeres Gespräch. Seit vielen Jahrzehnten ist er mit Wick von BAMBIX eng befreundet, die wiederum vermittelte ihn vor einigen Jahren an Rookie Records. Dort erschien 2014 das Debütalbum “Phoenix” von STATUES ON FIRE und nun auch auch das zweite Album “Living In Darkness”.

Irgendwas ist anders bei “Living In Darkness”, es gefällt mir viel besser als “Phoenix”. Da scheint viel mehr Power drinzustecken, was hat sich bei euch innerhalb der Band geändert?

Für uns fühlt sich die Band eigentlich noch komplett gleich an, aber es hat sich natürlich sehr viel geändert. Wir haben einen neuen Mann an Bord und wahrscheinlich liegt es daran, dass sich das etwas anders anhört.

Die Basis ist gleich, aber ihr habt dieses Mal deutlich mehr Thrash Metal- Einflüsse, richtig?

Ja, eigentlich ist es zwar Punk Rock, aber wir haben schon immer viel Thrash Metal eingebracht. Wenn Leute mich spielen sehen, kommen sie danach auch immer zu mir und nennen mich den Metaltypen in der Band, ich mag Metal auch echt gerne (lacht).

Max Cavalera war auch tatsächlich der letzte Brasilianer, den ich interviewt habe. Für mich ist er einer der maßgeblichen Miterfinder dieses Genres. Bist du mit seiner Musik aufgewachsen?

Ich bin mit beiden Musikstilen, Punk und Metal, aufgewachsen. Meine Jugend war in den Achtzigerjahren und es war mal grundsätzlich sehr schwer überhaupt an Musik zu kommen. Alle Alben waren importiert und sehr teuer. Vor allem für mich als Kind, ohne Job und ohne Geld. Meine Mutter hätte mir auch nie im Leben Geld gegeben, um Platten zu kaufen, weil sie sowas scheiße fand. Bei mir im Ort war es ziemlich gut, es gab einen Plattenladen für Metal. Der Laden hieß auch ganz einfallslos “Metal Music” und direkt gebenüber gab es das “Vaticano”, die haben Punkplatten verkauft. Also bin ich mal da und mal da hin, eine gute Mischung.

Und was waren dann Deine ersten Alben für die jeweiligen Genres, die Dich beeindruckt haben?

“Kill ’em all” von METALLICA und von HÜSKER DÜ “Zen Arcade”.

Statues On Fire, (André Alves ganz links), Foto von Sebb

Euer aktuelles Album heißt “Living In Darkness”, beziehst Du das nur auf Brasilien oder auf die ganze Welt?

Es geht eher um die ganze Welt, wir laufen schon in Richtung Abgrund. In Brasilien haben wir einen faschistischen Präsidenten, was natürlich gar nicht gut ist. Wir haben jahrelang für Freiheit gekämpft und jetzt haben wir dieses Arschloch an der Macht. Aber wenn man nach USA oder in viele andere Länder schaut, dann sieht man ja, dass es viele rechtsoffene Parteien in den Parlamenten gibt. Und ganz offensichtlich sind die gewählt worden, es gibt also genug Leute, die das unterstützen. Überall gibt es immer mehr White-Power-Bewegungen, dass ängstigt mich und genau deshalb der Albumtitel. Das Album ist natürlich generell sehr politisch, aber in dem Titelsong geht es konkret um Depression. Die politischen Veränderungen haben Auswirkungen auf jeden, auf den Humor, auf die Gefühle und auf viele andere Dinge.

Über Depressionen kann man grundsätzlich hinwegkommen. Denkst Du, dass die Leute zu wenig machen, um die aktuelle Situation zu verändern?

Weiß ich nicht so genau, hier ist gerade ziemlich verrückt. Wir werden von einem einzigen Sender kontrolliert
und ob die Brasilianer jetzt in absehbarer Zeit aus diesem Sumpf rauskommen… ich glaube, eher nicht.

Meiner Meinung nach, haben Trottel auch durch das Internet jetzt einfach mehr Möglichkeiten, um ihre rechten Parolen an die Leute zu bringen. Sie verbringen viel Zeit damit, um das ganze Internet damit zu überfluten, verbreiten bewusste falsche Nachrichten und manche nehmen das eben für bare Münze und denken, das sei die Wahrheit.

Vor Kurzem habe ich eine Studie gelesen, wie viel Zeit die meisten Leute hier überhaupt zur Verfügung haben, um sich in Social Media aufzuhalten. So viel ist das nicht, sie nehmen also nur die Headlines wahr, was eigentlich noch schlimmer ist.

In einem Song auf “Living In Darkness” geht es um “Marielle”, eine Menschenrechtsaktivistin, die auf offener Straße erschossen wurde. Kanntest Du sie vorher oder erst durch diesen Mord?

Ihren Namen kannte man hier schon, sie war sehr aktiv in einem Ort, der 450 Kilometer von meinem Heimatort entfernt ist. Sie kämpft für den Grundsatz, dass die Menschenrechte für alle, also für jede einzelne Person, ohne Einschränkungen gelten. Sie war in den Favelas präsent und hat sich direkt mit den Polizisten unterhalten, sie hat immer versucht zu vermitteln. Sie war auch sehr präsent im Netz, sprach ganz offen über die Mafia. Es gibt hier einige Bereiche, in denen die Mafia komplett die Kontrolle übernommen hat. Bereiche, in die ihnen niemand mehr reinredet und wo sie quasi machen können, was sie wollen. Selbst die Polizisten trauen sich da nicht mehr hin und diese Vereinigung ist wiederum sehr nah dran, an unserem Präsidenten und seinen Söhnen. Die beschützen die und genau das hat sie angesprochen und immer wieder den Finger in die Wunde gelegt.

Was ganz sicher nicht gut ankam…

Ja, weil sie eben immer ausgesprochen hat, was scheiße ist und wo Korruption betrieben wurde. Das war zu viel und deshalb haben sie sie verstummen lassen Bis heute ist niemand wirklich dafür zur Verantwortung gezogen worden.

Der Mord hat internationale Proteste ausgelöst, warst Du auf den Straßen dabei?

Nein, ich bin eher so der Typ, der daheim bleibt und so viel Zeit habe ich auch nicht. Ich habe eine kleine Tochter und einen Job. Tagsüber passe ich auf sie auf, nachts gehe ich arbeiten und meine Frau passt auf, die dann wiederum tagsüber arbeitet. Durch meine Musik und meinen Text dazu, habe ich meinen Teil dazu beigetragen.

Gerade die Medien haben sich richtig auf sie gestürzt, dass sie ja nichts wert gewesen war, weil sie lesbisch war, weil sie schwarz war und für sie würden angeblich die Menschenrechte nicht gelten. Hier wurde vor Kurzem ein Hund von einem Polizisten vor einem Supermarkt erschossen. Irgendein ein Arschloch hat ein Meme erstellt, mit dem betroffenen Hund und auf der anderen Seite einem Bild von Marielle. Darüber stand ‘Welchen Hund würden Sie töten?’. Ganz ehrlich… (atmet sehr tief ein) Leute, die sowas machen, sind doch keine Menschen?!

Die Brasilianer sind nicht so gut ausgebildet, hier in Sao Paulo ist schon viel von dem Geld des Landes. Man hat gute Möglichkeiten für eine Ausbildung und gute Aussichten auf einen Job. Aber im Rest des Landes sieht es ganz anders aus und als Lula (Anmerkung: ehemaliger Präsident von Brasilien) an die Macht kam, hatten die überhaupt mal was zu essen, konnten sich mal ein TV oder ein Handy kaufen. Diese Leute sind wirklich sehr leicht zu beeinflussen und hatten keine Chance auf Bildung.

Wenn ich mit Dir spreche, wird mir auch wieder klar, dass Du die Texte nochmal ganz anders gemeint hast, als ich sie mit meinem deutschen Wohlstandhintergrund aufgenommen habe. Glaubst Du, dass die Proteste etwas gebracht haben oder war das nur, um ein paar nette Bilder um die Welt zu schicken?

Es hat sicher Auswirkungen gehabt und einige zum Nachdenken gebracht, dass man Leute nicht umbringt, weil sie anders denken. Berichterstattungen über die internationalen Medien bringen schon was, momentan ist das Internet ja noch nicht geblockt. In anderen Ländern sieht es das schon ganz anders aus. Wenn die internationalen Medien Lärm machen, dann sind die brasilianischen Medien einfach dazu gezwungen, sich auch irgendwie dazu zu äußern. Wobei wir hier auch Sender haben, die Dinge einfach ausklammern, wenn sie ihnen nicht in den Kram passen. Als Lula im Gefängnis war und ein Interview gegeben hat, haben die es nicht gesendet. Einfach so, als ob es nie passiert wäre.

Medien und Politik eng beieinander zu haben, ist nie eine gute Idee. In Österreich wird das gerade sehr schön deutlich, wie die Regierung auf die Medien Einfluss nehmen möchte. Wie wertest Du die Tatsache, dass viele Marielle zu ihren aktiven Zeiten nicht kannten? Man kann es auch positiv nehmen und daraus resümieren, dass es doch noch viele Leute gibt, die gute Dinge tun und nur nicht im Scheinwerferlicht stehen.

Grundsätzlich ja, aber das Ende ist natürlich mehr als tragisch. Viele Hardcore-Bands und auch andere Politiker haben immer wieder die Frage nach den Tätern aufgeworfen und um Aufklärung gebeten. Nichts passierte. Es sind Typen im Gefängnis, aber man hört nichts mehr davon. Sie sind, wie schon gesagt, sehr nah am Präsidenten dran. Es ist echt gefährlich, für mich ist er wie Hitler oder Mussolini.

Du triffst sehr klare Aussagen, in unserem Interview und auch in Deinen Texten. Ist das etwas für das Du schon ernsthafte Probleme bekommen kannst?

Ich glaube nicht. Also im Moment nicht.

Das läuft also noch unter Redefreiheit?

Ja, noch sind wir ja eine Demokratie mit Redefreiheit. Keine Ahnung, wie lange noch.

Wie wichtig ist es denn für Dich, dass die Leute Deine Texte auch wirklich verstehen oder wäre es auch in Ordnung, wenn sie nur Deine Musik mögen?

Die Texte sind mir schon sehr wichtig, das ist ein Teil von mir. Sonst würde ich instrumentalen Punkrock machen (lacht).

Gibt es das eigentlich schon?

Ich denke eher nicht (lacht).

Statues on Fire, Foto von Sebb

Was genau bedeutet eigentlich der Bandname STATUES ON FIRE? Dass Statuen in Brand gesetzt werden sollen oder…

(wie aus der Pistole geschossen) Ja! Statuen glorifizieren immer etwas, ganz gleich, ob in der Religion oder in der Politik.

Was denkst Du, wie weit kommt man mit positiven Inhalten gegen Ungerechtigkeiten an?

Schon sehr weit, es ist der einzige Weg. Man darf nie aufgeben. Man muss die Leute informieren, sie zum Denken anregen, inspirieren und ihnen zeigen, wo sie andere Informationen finden. Ein normaler Arbeiter hat, nach seinem Arbeitstag und zwei Stunden Stau, am Ende noch 1 oder 2 Stunden Freizeit. Da interessiert man sich für andere Dinge. ‘Was, da ist ein Faschist an der Macht? Ach fuck off, ich trinke noch ein Bier’, man ist einfach zu müde.

Ja, es ist auch eine Frage der geistigen Kapazität.

Eben, und manche interessiert es auch einfach nicht, weil sie die Auswirkungen nicht wirklich spüren.

Du sprichst auch von “schwarzen Nazis” auf “Living In Darkness” . Entweder ist es der Gipfel der Dummheit oder sie verbünden sich aus purer Angst mit dem Feind. Keine Ahnung, ob sie wirklich nicht abschätzen können, dass sie sich den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen…

Hier in Brasilien gibt es das auf jeden Fall, einige schwarze Personen unterstützen diese rechten Bewegungen. Ganz ehrlich, wie dumm kann man sein?

Meinst Du nicht, dass es auch Angst ist?

Nein, ich denke eher, dass es Dummheit ist. Bei uns sind sie es, die die schlechteste Bezahlung und die schlechtesten Jobs haben. Das ist ungefähr so schlau wie jüdische Nazis.

Es gibt doch diesen Film “BlacKkKlansman” von Spike Lee, der in Teilen auf einer wahren Geschichte basiert. Ein Anhänger des Ku-Klux-Klans korrespondiert mit einem schwarzen Ermittler. Wenn sie sich persönlich treffen sollen, wird immer ein weißer Ermittler geschickt. Während der Telefonate entwickelte sich schon eine Art Verbindung zwischen den beiden. Es gibt viele Geschichten von, na ja sagen wir mal Freundschaften, zwischen Schwarzen und Mitgliedern des Ku-Klux-Klans. Das entkräftet irgendwie die Standpunkte beider Parteien.

Mit der Kirche ist genauso, die Leute gehen in die Kirche und geben freiwillig von ihrem wenigen Geld an die Kirche ab. Der Pfarrer lebt ziemlich gut davon, hat ein großes Haus, fährt schön in Urlaub und alle die über ihm stehen, leben noch besser. Noch dazu nehmen sie starken Einfluss auf TV, Radio und Zeitungen. Es geht also nicht nur um “Marielle” in dem Lied, sondern um Manipulation generell.

Wobei der Glaube ja nicht das Problem ist, sondern eher die Gier der Menschen, die ihn verkaufen und Einfluss nehmen wollen. In Deutschland stehen zum Beispiel ein Großteil der Kindergärten in der Verantwortung der Kirchen. Würde man die von heute auf morgen alle schließen, hätten wir ein richtig großes Betreuungsproblem. Ganz nebenbei nutzt die Kirche das aber auch, um mit einem religiösen Fahrplan für die Kindergärten die Familien in ihre Kirchen zu bringen und die Kinder von klein auf damit vertraut zu machen. Du hast eine kleine Tochter, was versuchst Du ihr zu vermitteln?

Meine Tochter ist mit Abstand die stärkste Person, die ich kenne. Ich frage mich, wie ich ohne sie leben konnte. Sie ist stärker als ich, ich bin oft erstaunt darüber. Wir reden sehr, sehr viel und wirklich über alles. Über alles was hier passiert auf den Straßen, wir diskutieren darüber. Kindheit bedeutet Freiheit, dafür muss das Umfeld stimmen und das versuche ich ihr zu bieten, und zwar auf intellektueller und emotionaler Ebene. Sie soll wissen, dass immer jemand an ihrer Seite stehen wird, ganz egal, was sie macht. Viele Eltern setzten ihr Kinder unter Druck, dass sie die Ersten und die Besten sind. Das kann nicht das Ziel sein. Wenn sie etwas malt und das eigentlich richtig scheiße aussieht, dann ermutige ich sie trotzdem und hänge das Bild an unseren Kühlschrank.

Bald werden STATUES ON FIRE wieder in Deutschland spielen, freust Du Dich schon?

Ja, was ich bei euch so geil finde ist, dass die Clubs manchmal von außen richtig beschissen und abgeranzt aussehen, aber innen immer top ausgestattet sind. Außerdem ist alles immer pünktlich und die Leute, die dort arbeiten, sind freundlich, offen und arbeiten aber auch sehr penibel.

Statues On Fire , live im Sonic Ballroom in Köln, Foto von Sebb

Die Review zu “Living In Darkness” von STATUES ON FIRE, findet ihr hier.

STATUES ON FIRE bei Facebook

Eine kleine Tourdokumentation von der Europatour von STATUES ON FIRE findet ihr hier.

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