Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“
„Ich habe eigentlich gerade gar keine Ahnung, wie mir geschieht.“ Ein Gespräch mit Charlotte Brandi über ihr Debüt „Fischtage“, Lesungen als Kleinkunstformat, einen singenden Plastikfisch und den Mut zur Selbstverantwortung.
Es ist eigentlich total seltsam, dass wir uns noch nie begegnet sind – denn ich kenne dich natürlich schon lange durch deine Band ME AND MY DRUMMER, gemeinsam mit Matze Pröllochs von 2012 bis 2018, aber auch durch deine Soloalben und deine EPs. Heute sprechen wir aber aus einem ganz anderen Grund: Du hast ein Buch namens „Fischtage“ geschrieben! Wenn ich deine Instagram-Story verfolge, sehe ich dich also gerade in einer ganz anderen Rolle: Du bist auf Lesereise – und das nicht zu knapp. Wie fühlt sich das an?
Du erwischst mich tatsächlich an dem Tag, an dem die Termine offiziell rausgegangen sind. Ich bekomme viele Komplimente für meinen großartigen Booker – das ist Sebastian Tim von Koralle Blau. Es ist wirklich so: Wenn man sich etwas Neues ausdenkt, eröffnen sich neue Räume und Möglichkeiten. Das hatte ich gehofft, dass ich auf die Straße komme, ein neues Publikum erreiche. Aber ehrlich gesagt, weiß ich im Moment gar nicht so recht, wie mir geschieht. Das Buch ist jetzt seit knapp zwei Wochen draußen. Es ist mein allererstes – und direkt ein Coming-of-Age-Roman über meine Heimatstadt. Der Vertrag wurde erst im Juni letzten Jahres geschlossen. Ich hatte also nur sechs Monate Zeit zum Schreiben. Wir können gerne gleich noch tiefer einsteigen – aber der Status quo ist: Ich bin komplett überwältigt.
Was ich bemerkenswert finde: Du liest bei deinen Veranstaltungen nicht nur Passagen aus deinem Buch – du hast auch andere Menschen mit dabei, unterstützt musikalisch, moderierst selbst. Gibt dir das ein Stück Sicherheit, weil dir Musik vertrauter ist?
Ja, definitiv. Meine erste Lesung – meine „Feuertaufe“ – war am 28. März, einen Tag nach Erscheinen des Buches, im Club Café Franz Mehlhose in Erfurt. Ein historisch wichtiger Ort für mich, denn dort hat sich ME AND MY DRUMMER damals mit dem Berliner Label Sinnbus verknüpfen können. Der Club ist mit mir gewachsen – und lädt mich bis heute ein, was ich großartig finde. An diesem Abend habe ich ausprobiert, wie es ist, allein auf einer Bühne zu stehen. Ich habe mich selbst interviewt – als zwei Personen: eine mit Mikro, eine ohne. Es war wie ein kleines Kleinkunstformat: lesen, erzählen, singen. Am Ende habe ich in viele glückliche, entzückte Gesichter geschaut – es wurden viele Bücher gekauft. Das war ein totales Glückserlebnis. Hätte ich vorher nie gedacht, dass ich mich so dafür öffnen kann. Aber wenn man alles selbst gestaltet, ist es etwas ganz anderes.
Du hast eine eigene Kolumne beim Rolling Stone („Parole Brandi“), schreibst Gedichte – der Umgang mit Sprache ist dir also vertraut. Aber wie wählst du aus, was du bei Lesungen vorträgst? Ich würde da schon an der Auswahl scheitern…
Ich auch! (lacht) Ich habe versucht, mir Tipps zu holen – aber es gibt keine wirkliche Faustformel. Klar: Das Ende darf man nicht verraten. Aber wie viel ist zu viel? Ich weiß es selbst nicht. Ich habe jetzt ein paar Mal gelesen – zum Beispiel auf der Leipziger Buchmesse. Da waren zwei Lesungen in Kontexten, wo mich niemand kannte. Und da hat niemand reagiert – obwohl ich dachte, die Stellen wären total lustig! (lacht) Dann war ich bei der taz – und dort war alles großartig. Alle haben sich kaputtgelacht. Also: Ich muss es gerade im Laufen lernen.

Du trägst heute einen roten Pullover – die gleiche Farbe wie das Cover deines Buches. Ich finde es sehr stark. Es zeigt die Protagonistin Ella mit einem großen Kopfhörer um den Hals – sie schaut skeptisch, ein bisschen wütend, leicht bedrohlich, aber auch niedlich. Wer hat das gemacht, und was hast du der Person gesagt?
Das Cover ist magisch. Es wurde gemalt von Nico Schützinger, einem Künstler aus Berlin. Er hat mit meinem Cousin in Düsseldorf Kunst studiert. Meine Tante, Sabine Brandi, war immer schon Fan von ihm – sie hat mir seinen Namen ins Ohr geflüstert. Anfangs war ich skeptisch – ich hatte in den letzten Jahren meine Schwierigkeiten mit Kollaborationen. Ich wollte alles allein machen. Aber ich dachte: Wenn ich schon ein Buch schreibe, dann möchte ich auch Einfluss auf das Cover haben. Also haben wir telefoniert – und daraus entwickelt sich gerade eine künstlerische Freundschaft, die total nährend ist. Nico hat eine Freundin porträtiert, basierend auf einem Foto – und daraus ein Ölgemälde gemacht. In seinen Insta-Stories kann man manchmal sehen, wie sich das Bild entwickelt hat. Mal war das Gesicht zu traurig – ich meinte dann, „kriegst du das noch etwas süßer hin?“ Und das Rot im Hintergrund – das kam ganz am Ende. Als ich das fertige Cover gesehen habe, war ich sprachlos. Es war einfach genau richtig.
Der Kopfhörer auf dem Cover ist kein Zufall, denn Musik spielt eine zentrale Rolle in deinem Buch. Ist Musik für dich allgegenwärtig – oder gibt es Tage, an denen du gar nichts damit zu tun hast?
Es wäre eigentlich mal ganz gesund, aber… nein. Ich habe jeden Tag mit Musik zu tun. Gerade im Sturm des Buchreleases ist mein Gehirn eh von Dopamin-Schwankungen durch Social Media zersetzt – total ungesund. Mein Cover-Künstler Nico meinte neulich: „Mach doch ein Schweigekloster.“ Ich dachte: Super Idee. Aber nicht mal so sehr wegen der Gedanken – sondern weil mir Musik fehlen würde. Ich brauche mindestens einmal am Tag Musik.
Ich hab gerade eine Insta-Story von Ursula Karven gesehen – fünf Fragen, um den Kopf frei zu bekommen. Erste Frage: „Was belastet mich gerade am meisten und warum?“ Und ich dachte: Danke, Ursula, für nichts. Ich glaube, manchmal braucht man wirklich einfach Musik, am besten instrumental.
Aber weißt du was? Ich glaube, sie ist im Kern gar nicht so falsch. Die Freiheit im Kopf kommt erst, wenn das, was einen belastet, verdaut ist. Und das machen wir heute kaum noch – weil wir keinen Bock auf schlechte Gefühle haben. Aber: The only way out is through. Ich glaube wirklich daran. Man muss Dinge zulassen, anschauen, durchfühlen – egal ob es um Trauer oder Frust geht. Musik ist für mich zwar wunderschön – aber manchmal eben auch nur eine noble Ablenkung.
Jetzt fassen wir mal kurz zusammen, worum es in deinem Buch geht – bevor niemand mehr weiterliest. Die Protagonistin ist die 16-jährige Ella von Troll, sie lebt in Dortmund. Im Klappentext steht der Satz: „Sie hat beschlossen, keine Freundschaft mehr zu führen. Immer, weil sie so wütend ist.“ Und das ist eigentlich schon alles, was man wissen muss. Denn die eigentliche Geschichte ergibt sich erst später, als ihr Bruder verschwindet und sie sich auf die Suche nach ihm macht – sehr unkonventionell, mit einem alten, singenden Plastikfisch, der mit ihr spricht. Warum ein Fisch?
Einfach aus Spaß! Mein Vater ist Angler – schon immer. Und er ist auch Drehbuchautor. Irgendwann habe ich die Sopranos geschaut – da gibt es diesen Fisch als Gagartikel: Big Mouth Billy Bass. Ein Plastikfisch, der auf einer Holzplakette hängt und Songs wie Don’t Worry, Be Happy singt. Mein Vater hatte mal so einen – leider verloren gegangen. Ich habe das Ding in der Serie wiedergesehen und dachte: Eigentlich gruselig. Was wäre, wenn das spricht?
Singt der Fisch im Buch tatsächlich „Don’t Worry, Be Happy“?
Ja, genau. Es gibt nur ein paar Lieder, die diese Fische singen – und das passte perfekt. Weil „Don’t Worry, Be Happy“ so gegen alles geht, was Ella denkt und fühlt. Der Song ist wie ein Affront gegen ihre gesamte Weltsicht.
