Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“
Ich glaube, das ist eine gute Zusammenfassung. Natürlich ist dieses Gefühl gerade im Teenager-Alter sehr präsent – aber Fragmente davon spüre ich immer noch in mir. Oder: Ich würde mir wünschen, sie öfter zu spüren. Dieses grundsätzliche Hinterfragen – Will ich das überhaupt? – das ist etwas, das ich als Haltung behalten möchte. Und ja, vielleicht steckt ein Stück Teenager immer noch in uns. Auch wenn das oft ein bisschen abwertend gesagt wird.
Ein gutes Beispiel ist für mich Jonathan Davis von KORN. Viele sagen über ihn: „Der ist ja mit 16 stehengeblieben.“ Und ich denke mir: Ja, vielleicht. Wahrscheinlich war das, was ihm passiert ist, sehr schlimm – und es steckt eben immer noch in ihm. Das kennt man ja: Wenn man irgendwann völlig zusammenbricht, sagt man nicht umsonst „Ich hab geheult wie ein Kind“. Dieses In-sich-Zusammenfallen, das ist sehr real. Wie schwer war es für dich, dich wieder in diesen Zustand eines Teenagers hineinzuversetzen? War das nicht eigentlich die größte Herausforderung?
Nee, interessanterweise nicht. Die größte Herausforderung war: in sechs Monaten zu lernen, wie man einen Roman schreibt. Raketenwissenschaft – so hat es sich jedenfalls angefühlt.
Ich war nie jemand, der Geschichten geschrieben hat. Nicht in der Schule, nicht privat. Ich war keine Leseratte. Ich hatte zu Geschichten nur einen sehr losen Bezug. Und jetzt musste ich mir das alles selbst beibringen – diese Struktur, dieses Netz aus Kräften, das du brauchst, um einen Roman zu bauen. Und ich hatte keine Ahnung, wie man das alles gewichtet.
Du brauchst ja Figuren. Jede Figur braucht einen Antrieb. Es ist wie bei Billardkugeln – sie rollen los, aber wohin? Warum kreuzen sie sich? Wo soll das hinführen? Dazu kommt: Show, don’t tell. Ella hat ein loses Mundwerk. Sie darf aber nicht alles sagen, sonst gibt’s keine Subtexte mehr, keine Lesetiefe. Das war das Schwierigste.
Teenager sein? Das ist mir total nah. Ich war mal in Ingolstadt, bei einer mittelmäßigen Theaterproduktion. Und da saß auf einer Treppe ein Spanier, der mir plötzlich tief in die Augen schaute und in der dritten Person über mich sprach: „She has the spirit of a 16-year-old.“ Und ich dachte nur: Unverschämtheit!
Aber dann – ähnlich wie du – habe ich irgendwann gedacht: Was ist eigentlich so schlimm daran? Und natürlich wissen wir’s: Man ist in dem Alter auch ein bisschen peinlich. Cringe. Weil man sich vertut, weil man Dinge falsch einordnet und trotzdem eine riesige Klappe hat, ohne viel Ahnung zu haben. Und trotzdem: Ich habe meine alten Tagebücher wiedergefunden, aus dem Jahr 2001. Da war ich 16.
Und da stehen Einträge drin, bei denen ich denke: Eigentlich hatte die alles schon verstanden. Die hatte den Durchblick. Und dahin komme ich jetzt gerade wieder zurück.
Denn danach kam ja all das: gefallen wollen, dazugehören, Anschluss an Schulhofbosse, später das Musikbusiness, dieses ganze People Pleasing und Anerkennungsgehampel. Aber wenn ich diese alten Einträge heute lese, denke ich oft: Die hatte recht, diese 16-jährige Charlotte.
Ich fand es total spannend, wie sich dein Buch entwickelt hat. Am Anfang wirkt es episodenhaft – und dann kommt dieser Turn mit dem verschwundenen Bruder. Und ich habe in meiner Rezension geschrieben: Es wäre mir fast egal gewesen, was Ella erlebt. Hauptsache, ich kann bei ihr bleiben.
Ich war ihr so nah, konnte mich so gut in ihr spiegeln. Und das hatte ich gar nicht erwartet. Ich dachte oft: Das hätte auch von mir sein können – völlig altersunabhängig. Und ich glaube, dass genau das die Stärke des Romans ist: dass er sich ganz auf sie konzentriert.
Das freut mich total. Eigentlich hatte ich vor, den Roman als zwei Geschichten anzulegen – Ella und Herr Schmied, ihr Nachbar. Der arbeitet beim Sondereinsatzkommando. Ich will nicht zu viel verraten, aber gegen Ende treffen sich beide Figuren bei einem Showdown im Dortmunder Hafen.
Ursprünglich sollte Leon Schmied eine eigene Stimme bekommen, einen eigenen Erzählstrang. Nicht so lang wie Ellas, aber als Gegengewicht – zu ihrem, sagen wir mal, etwas rotzigen, Pippi-Langstrumpf-haften Ton. Ich dachte, das würde mich als Erzählerin öffnen, eine zweite Perspektive zeigen. Aber in sechs Monaten war das zu viel.
Ich hatte schon viele Kapitel geschrieben. Ich war sogar kurz davor, den Ton für Leon zu finden – diesen „goldenen Code“. Aber dann habe ich’s gestrichen, verschlankt. Und gedacht: Das ist ein Debütroman. Es ist doch schön, wenn wir jetzt einmal ganz im Ella-Verse bleiben – von Anfang bis Ende.
Nur so viel: Eigentlich wäre da noch mehr gewesen.
