Hört den Podcast mit Charlotte Brandi zu "Fischtage" bei krachfink.de

Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“

Schön, dass du Pippi Langstrumpf ansprichst. Da gab es ja immer diesen zwanghaften Konsens: Pippi ist das Vorbild aller Mädchen. Aber ehrlich gesagt – manchmal fand ich sie einfach nur nervig. Wer mit ihr spielen will, muss gefälligst zu ihr kommen? Und dann hebt sie auch noch Pferde hoch. Für mich war sie dadurch gar kein Vorbild – eher eine Superheldin. Also wieder: unerreichbar.

Ich fand es schön, dass du das in deinem Buch aufgegriffen hast. Ich vermute, dir ging’s ähnlich?

Da sprichst du mit der Falschen. Ich war Pippi-Langstrumpf-Ultra! Als Kind hatte ich ständig diese Zopferl-Perücke auf dem Kopf. Meine Mutter hat mir die gekauft, und ich hab sie kaum noch abgenommen. Aber das lag an was anderem: an diesem Gefühl – das war totaler Quatsch – aber ich hatte so ein inneres Gefühl von Potenz. Ich wusste nur nicht, wohin damit.

Und da kommt wieder Dortmund ins Spiel. Dortmund ist einfach kein guter Ort für große Träume. Ist so. Da war viel Einsamkeit. Und Pippi war natürlich frech – klar. Ich hatte auch so eine Phase, in der ich die Serie geschaut hab und dachte: Boah, halt’s Maul, Pippi. Jetzt komm mal runter. Du denkst auch, du hast den Durchblick. Aber irgendwie ist sie ein Archetyp. Und sie war total wichtig – für alles, was danach kam. Man darf nicht vergessen: Das waren die 1940er Jahre. Unsere Mütter waren da noch Kinder oder noch gar nicht auf der Welt.

Pippi war einsam. Ja, sie hatte ihre zwei Freunde – aber die waren ihr doch gar nicht gewachsen. Sie hatte keine Eltern, nur einen glorifizierten Vater und eine blasse, tote Mutter. Und dann diese Tante Prysselius, diese Gesellschaftsinstanz, die sie unbedingt normalisieren wollte. „Jetzt sei mal wie alle anderen!“ – das war der Subtext. Und das kannte ich gut. Ich habe mir als Kind Freunde ausgedacht. Ich fand Menschen damals schon … kompliziert. Und ehrlich gesagt: Ich finde es heute immer noch aufregend, neuen Menschen zu begegnen.

In der Hinsicht gebe ich dir völlig recht – Pippi war auch tragisch. Und dadurch bekam sie Tiefe, die ich als Kind noch gar nicht fassen konnte. Aber ich meinte vor allem dieses Bild vom weiblichen Vorbild: Pippi Langstrumpf als Role Model. Das ist doch viel zu grell. Wo will man denn da andocken? An dem Koffer voller Gold? Am Pferd auf der Veranda? Das ist doch komplett unrealistisch.

Ja, total. Für mich war dann eher Lotta aus der Krachmacherstraße das Role Model – das war irgendwie greifbarer. Und zu den imaginären Freunden: Ich habe wirklich noch nie jemanden getroffen, der gesagt hat, er hätte sich als Kind welche ausgedacht. Ich hatte eine Freundin, die hieß Odette – wo auch immer ich diesen Namen herhatte. Sie hatte einen schwarzen Pagenkopf, stahlblaue Augen, sie war so dunkel, fast schon mystisch. Sie lebte mit mir im Garten. Ich musste sie aber irgendwann wieder loswerden. Die war mir nicht geheuer. Das war echt weird.

Ich glaube, da fing das an mit dem Figuren-Erfinden. Ich war natürlich fasziniert von Pippi als Kind. Aber irgendwann – ich war vielleicht sieben – interessierte mich eine andere Person viel mehr: Astrid Lindgren.

Echt? Nicht die Figuren, sondern die Autorin?

Ja, total. Astrid Lindgren ist für mich eine echte Heldin – fast wie eine Verwandte. Der Vibe, der von ihr ausgeht … der hat so viele Atmosphären verbunden. Auf den ersten Blick denkt man ja: Das war halt so eine nette Tante, die sich niedliche Kindergeschichten ausgedacht hat.

Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man: Da war ein riesiger Abgrund. Ganz viel Darkness, ganz viel patriarchaler Schmerz. Und natürlich auch schwedische Folklore – mit der man dann wieder beim magischen Realismus landet. Ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass mein Fisch brechen musste. Ich habe Astrid Lindgren gelesen – und ich lese sie heute noch. Man kann Ronja Räubertochter immer wieder lesen. Das ist wie ein 200 Seiten langes Gedicht. Unglaublich gut.

Oder Die Brüder Löwenherz. Richtig dark, gleichzeitig trippig und voller Sinnlichkeit. Und dann fragt man sich: Warum fühle ich das so stark? Da steht doch gar nicht so viel. Aber Lindgren hatte diese Gabe: Sie hat mit wenigen Worten ganze Welten geöffnet. Das hat mich geprägt. Wie bringt man Leser*innen durch Sprache in einen Zustand? In eine Situation? Das war eine meiner zentralen Fragen beim Schreiben.

Und dann dieser magische Realismus: Wesen aus der Folklore, selbst erfundene Gestalten, Leute, die viel zu groß oder zu klein sind, die Speziesgrenzen überschreiten … Ich fand das alles so geil. Weil ich gemerkt habe: Es gibt mehr als nur „Pay your taxes and die.“ Es gibt mehr als das Rationale.

Witzig, während du das erzählst, merke ich: Ich mochte von Lindgren nur die realistischen Geschichten. Madita, Bullerbü, Lotta – das war meine Welt. Immer mit Mädchen, die ängstlich, fein, zerbrechlich waren. Ronja und Löwenherz mochte ich nicht. Und mir fällt jetzt auf: Lindgren hatte wirklich zwei Seiten.

Eine total realistische – wie in Madita, mit ihrem Freund Abbe, dessen Vater Alkoholiker ist. Dieses Bild: Die Frau hält dem armen Mann das Händchen, weil er „Probleme hat“. Und dann die andere Seite – diese Wunderwelten, diese Eskapismen. Das ist spannend. Vielleicht muss ich die anderen Bücher doch nochmal lesen.

Mach das mal!

Jetzt aber zurück zu „Fischtage“. Du hast wahnsinnig starke Dialoge. Ich würde gerne mal eine Stelle zitieren. Ella ist beim Therapeuten, Dr. Kilian, weil sie diese Tobsuchtsanfälle hat. Und dann sagt er:

„Sie haben eine stark assoziative Denkstruktur.“
Ella: „Ich so – und was soll das sein?“
Dr. Kilian: „Das heißt, dass Sie Dinge miteinander in Verbindung bringen, die für viele Menschen keinen erkennbaren Zusammenhang haben, Ella.“
Ella: „Aha, danke. Kann ich dann jetzt bitte gehen? Es ist 17 Uhr.“

Ich hab laut gelacht. Wie viel von dir steckt in so einer Szene? Oder ist Ella wirklich eine Kunstfigur, an der du dich abarbeitest?

Sowohl als auch. Im besten Fall ist es mir gelungen, eine Kunstfigur zu erschaffen, die natürlich meinen Schmäh hat – aber trotzdem nicht ich ist. Ella hat andere Wesenszüge. Sie ist viel konsequenter, viel „macheriger“ und irgendwie hat sie etwas Radikales.

Klar, sie ist auch verletzlich, auch verwirrt. Wer sich so absondert von der Familie, mit Musik auf den Ohren und Stiften in der Hand, ist kein Pleaser. Ich dagegen war, trotz meiner Temperamentausbrüche, ein totaler Harmoniejunkie. Ich wollte, dass meine Eltern von mir viel halten. Ella will das gar nicht. Daraus ergeben sich Dialoge wie dieser. Meine eigene Frechheit, die habe ich als Jugendliche nur minimalstoßweise ausgelebt. Ella darf sie jetzt ausleben. Konsequenter.

Ist das das Reizvolle am Schreiben für dich? Wenn ich an meinen Lieblingsautor denke – Joachim Meyerhoff – dann ist es genau das: Er erzählt seine Geschichte, aber man spürt, wie sehr er genießt, sich selbst mutiger, souveräner oder rigoroser zu schreiben. Er spinnt los – und freut sich.

Den liebe ich auch wirklich. Ihm ist das was zugestoßen, mit seiner Buchreihe und seinem Talent und es ist geil für uns, dass er angefangen hat, diese Bücher zu schreiben. Bevor er ein neues Buch beginnt, wartet er, bis sich ihn ihm der magische Code ergibt, er ihm die passende Sprache entschlüsselt. Dann geht es auf und er kann anfangen zu schreiben. Ilona Hartmann meinte zu mir, dass jedes vernünftige Buch auch autobiografisch wäre. Ich dachte immer, dass sei nicht so gerne gesehen, weil man dann den Vorwurf bekommt, man würde sich zu wenig ausdenken. Aber man kann nur schreiben, was man irgendwie erlebt hat, auf Netflix, bei TikTok, im Kino gesehen, in Podcasts gehört. Aus diesen Kaleidoskopscheiben kannst du dann etwas Neues zusammenstellen. Als ich das verstanden habe, habe ich mich in das Buchschreiben verliebt. Anhang einer Geschichte kann ich Dinge über die Welt sagen, ohne sie zu sagen. Momentan sehe ich nur Vorteile.

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