Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“
In „Fischtage“ geht es auch um APHEX TWIN, eine Band, die ich vor allem wegen der verstörenden Videos in Erinnerung habe. Der Effekt war simpel: eine Grimasse des Sängers, digital in unterschiedliche Gesichter montiert. Wahnsinnig gruselig – wobei ich schon immer mehr Angst vor Menschen hatte und weniger vor Übersinnlichem. Ich denke, Ella geht es ähnlich, oder?
Gute Frage, ich denke schon. Alle Figuren in dem Buch, die mir etwas bedeuten, haben schwere Anpassungsstörungen. Es gibt diesen Vorfall, bei dem Ella etwas zustößt – und sie wird gefunden. Von Oksana, einer Anfang dreißigjährigen Kampfsporttrainerin aus der Dortmunder Nordstadt. Eine lakonische, teilweise verschlossene und schwer greifbare Frau mit Helferkomplex, die zunächst versucht hat, sich von Ella fernzuhalten.
Oksana hilft Ella, ja – aber auf ihre eigene, eher entrückte Art. Da schwingt Härte mit, fast Kälte, aber auch Klarheit. Und ich glaube, das hat viel mit ihrem eigenen Muster zu tun: Dieses Mädchen, das da plötzlich vor ihr steht, erinnert sie vielleicht an etwas. Trotzdem bleibt sie ein „Lone Wolf“. Genauso wie Ella. Und genau deshalb verstehen sich die beiden auch – ohne viele Worte. Diese Verbindung, die da entsteht, habe ich den beiden nicht ohne Grund gegeben. Ich glaube eh, dass die meisten Heldinnen heute eher Anti-Heldinnen sind. Menschen mit Ecken, Brüchen – und oft auch einer Anpassungsstörung. Das ist eigentlich der neue Standard.
Ich fand diese Szene mit Oksana sehr eindrücklich. Sie hilft Ella ja aus dieser Situation heraus – aber eben mit so einer ganz eigenen Ruhrpott-Härte. So ein Minimum an Freundlichkeit. Keine große Geste. Einfach: Mach jetzt. Das fühlte sich so authentisch an.
Ja, das ist tatsächlich Lokalkolorit und gut beobachtet. In Dortmund sagt man: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Wenn dir hier jemand sagt „Ich mag dich“ – das musst du dir schon hart verdienen. Für Geld kriegst du das nicht aus den Leuten heraus.
Oksana weiß in dem Moment wahrscheinlich selbst, wie brüchig sie ist. Und sie hilft Ella – aber sie kann sich emotional nicht zu sehr hineinbegeben, sonst hält ihre eigene Fassade nicht.
So ist es, sie ist ja doppelt so alt und hat eigentlich die Aufgabe, das Schiff zu navigieren.
Diese Schwere, die so unterschwellig mitschwingt – die findet man auch in deiner Musik wieder. Du machst ja gerade eine neue Platte. Und wenn da jemand mit klassischen Marketing-Skills draufgeschaut hätte, hätte der wahrscheinlich gesagt: „Charlotte, bist du dir sicher, dass das der richtige Pitch ist?“ Du hast geschrieben: „Das ist die traurigste Platte, die ich je gemacht hab – juhu.“
Findest du, dass sich Schwere manchmal leichter anfühlt als Heiterkeit?
Ja … nee. Ich bin eigentlich schon weiter. Ich bin ja kein Emo-Teenager mehr. Ich hab mich da selbst ein bisschen überrascht. Heute würde ich eher sagen: Wir alle wissen Dinge über uns, die wir vor uns selbst verstecken. Und irgendwo in uns ist dieses Wissen – aber wir wollen es oft nicht anschauen.
Kunst bringt das ans Licht. Ich hab mir in den letzten fünf Jahren ständig erzählt, wie happy ich bin. Und dann kam diese Platte – und mit ihr eine Melancholie. Keine „Traurigkeit“ im klassischen Sinne, sondern eher so ein stilles Durchwehen. Und ich hab gemerkt: Oh, das ist wohl mein aktueller Zustand.
Ich trage sehr viel Traurigkeit in mir – aber sie hat keinen Raum. Denn wo soll die hin? Ich bin allein, ich bin Kunstschaffende, ich hab keine Kinder. Ich funktioniere. Ich kann mir nicht leisten, traurig zu sein. Die irrationale Angst dahinter: Wenn ich diese Tür aufmache, werde ich da je wieder rauskommen? Wird man mich dann je wieder sehen?
Aber – wie ich ganz am Anfang schon sagte: Der einzige Weg hinaus führt hindurch. Also muss ich da einmal durch.
Und das Album hilft dabei?
Total. Es bekommt gerade sogar einen kleinen Twist – fast schon kitschig-romantisch. Ich plane ein Musikvideo, vielleicht das einzige, das ich noch machen werde. Und ich will mich verkleiden. Ich darf nicht sagen wie – das ist jetzt geheim. Aber allein diese Verkleidung, diese Überhöhung, nimmt dem Ganzen etwas von seiner Schwere. Gibt dem Pathos ein Augenzwinkern.
Denn: Melancholie ohne Humor ist für mich unerträglich. Da wird’s schnell peinlich. Fremdscham-Kunst. Kennst du bestimmt auch.
Ja, und ich finde: Du hast eben etwas Wichtiges gesagt. So eine Traurigkeit muss man sich auch leisten können. Bei Melancholie ist es vielleicht eher so, dass man sich bewusst hineinfallen lässt. Ich glaube auch nicht, dass man todtraurig ins Studio geht und dann automatisch ein großartiges, trauriges Album schreibt. Das zerbricht einen doch eher.
Genau. Es braucht ein gewisses emotionales Depot. Und ich kann da nur für mich sprechen – die erste Platte mit Me and My Drummer war schon traurig. Die zweite? Mir ging’s damals richtig schlecht. Ich war in meinen 20ern, und ich stand ständig mit meinem frischgebackenen Ex-Freund auf der Bühne.
Das war eine Trennung ohne Trennung. Wir haben täglich gearbeitet, geprobt, geschrieben, gemailt. Das war so toxisch. Und das hört man der Musik an – komplett. Jetzt bin ich älter. Und ich merke mehr und mehr, wie es mir eigentlich geht. Das ist ein Fortschritt.
Aber das heißt nicht, dass man mit einem guten Gefühl rausgeht, oder? Diese Vorstellung, dass man durch einen Albumprozess so eine Art Katharsis erlebt – ich glaube, das ist ein Mythos.
Ja, das stimmt. Man geht da nicht „geheilt“ raus. Eher erschöpft, aber mit Erkenntnissen.
Kannst du schon mehr über das Album sagen? Ist es ein Bruch mit dem „Albtraum“ oder eher eine Weiterentwicklung?
Es ist kein kompletter Bruch – ich bin ja immer noch ich. Aber es fühlt sich an wie ein Grundumschlag. Die Platte hat wieder einen Me-and-My-Drummer-Vibe, auch weil Tobias Siebert sie produziert hat – der auch unsere erste Platte gemacht hat.
Aber es gibt einen neuen Klang: kein Klavier, stattdessen eine Konzertgitarre. Die klingt mal wie eine Harfe, mal wie eine Ukulele, mal fast wie eine Mandoline. Das hat was Folkloristisches, was Warmes. Trotzdem ist es Dream-Pop – und es ist auf Deutsch.
Ich finde, es hat eine Dunkelheit und eine Eleganz, die „Albtraum“ nicht hatte. „Albtraum“ war laut, bunt, frech, auch bewusst unperfekt. Diese Platte ist reduzierter. Dicht. Elegant, würd ich fast sagen – wobei man das vielleicht nicht über die eigene Arbeit sagen sollte.
Aber Tobi hat dieses Talent, alles klingen zu lassen, als würde eine ganze Band spielen – auch wenn keine da war. Und das gibt der Platte Tiefe. Sie wird gerade gemischt – ich warte jeden Tag auf die ersten Mixe. Dann weiß ich wahrscheinlich selbst besser, was ich da gemacht hab.
