Interview mit Charlotte Brandi zum Buch „Fischtage“
Ich habe gehört, du besitzt eine ganze Reihe Schwerter. Jetzt will ich das nicht sofort mit Gewalt gleichsetzen – aber: Was machst du mit denen? Hängen die dekorativ an der Wand oder wärst du im Falle einer Zombie-Apokalypse eine echte Hilfe?
Also ich wäre vermutlich gar keine Hilfe. Zumindest denke ich das oft. Ich bin nicht so der klassische „Ich pack jetzt an“-Typ. Wobei – das stimmt eigentlich nicht. Ich muss das zurücknehmen.
Ich erinnere mich an einen Abend, hier in Dortmund, beim Schauspielhaus. Da war Premiere. Und es sind an dem Abend gleich mehrere Sachen passiert, bei denen ich – ohne groß nachzudenken – einfach reagiert habe. Da haben Leute mit Böllern rumgeballert, ich hab sofort die Polizei gerufen. Dann haben sich zwei Frauen auf der Straße geprügelt – ich bin sofort dazwischen. Und es gab noch eine Situation, wo jemand Hilfe brauchte – ich war direkt zur Stelle.
Und irgendwann kam einer der Schauspieler zu mir und meinte: „Ich sehe dich heute zum ersten Mal – und du hast gerade Folgendes gemacht: Polizei gerufen, Streit geschlichtet, Hilfe geleistet. Bist du immer so? Oder ist das heute nur ein Ausreißer?“ Und ich dachte: Ja, vielleicht bin ich inzwischen tatsächlich so.
Ich mag meinen Alltag gerade. Und ich glaube, ich bin heute einfach anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Nicht autoritärer im Sinne von „lauter“ oder „härter“, sondern gelassener. Klarer. Ich weiß, wer ich bin. Das ist auch eine Form von Autorität.
Und was die Schwerter angeht: Das ist natürlich auch ein bisschen Kinderquatsch. Ein bisschen pseudo-martialischer Fetisch. Ich find, manche Sachen sind fast schon wieder gestrig. So: Jede Frau braucht ein Schwert – ja klar. Jede Frau ist bisexuell – eh logisch. Weiter im Text. Lange Haare braucht man übrigens auch nicht mehr.
Trotzdem bleibt die Frage: Was machen wir mit dem Thema Gewalt – speziell bei Mädchen?

Ja. Das ist heikel. Weil die Frage schnell kommt: Bringen wir jetzt auch noch den Mädchen bei, wie man zuschlägt? Brauchen wir wirklich noch mehr Gewalt in der Welt?
Aber das ist zu kurz gedacht. Die Diskussion verändert sich sofort, wenn man mal mit einem Kampfsporttrainer oder einer Trainerin spricht – also Menschen, die wirklich wissen, was Martial Arts bedeuten. Da geht’s nicht um Aggression. Da geht’s um Klarheit. Disziplin. Selbstwert. Selbstschutz. Dieser ganze Bereich – kämpfen, sich verteidigen, Grenzen setzen – das ist hochspannend. Da steckt so viel drin. Es ist fast eine Philosophie. Was passiert mit einem Menschen, wenn er sich entscheidet, nicht mehr hilflos zu sein?
Ich hatte mal ein Interview mit einem Polizisten, der in Spezialeinheiten gearbeitet hat. Natürlich darf er über vieles nicht reden, alles ist anonymisiert. Aber was durchkam: Für viele geht es nicht nur ums Überleben im Ernstfall. Sondern darum, überhaupt ein Gefühl von Handlungsmacht zu entwickeln. Und das gilt längst nicht mehr nur für Jungs.
Es geht darum, sagen zu können: Ich bin es mir wert, mich zu schützen. Wenn du mir zu nahe kommst – dann ist Schluss mit Pleasing. Und dieses Pleasing – das haben wir Frauen verdammt gut gelernt. Zu gut. Wir pleasen uns buchstäblich zu Tode.
Das war jetzt ein riesiger Bogen – aber genau das war’s, was ich mit meiner kleinen, flapsigen Schwertfrage eigentlich anstoßen wollte.
Und das ist auch gut so. Weil es eben nicht nur um Schwerter oder Zombies geht. Sondern um das echte Leben. Ich habe Grenzen überschreiten lassen – und erst im Nachhinein gemerkt: Das war eigentlich ein Übergriff. Ich war zu nett. Und viele würden jetzt sagen: „Charlotte? Du würdest doch sofort Stopp sagen!“ Aber nein. Es steckt so tief im System drin – dieses „Nicht stören“, dieses „Lächeln und weitergehen“.
Und deshalb ist das Thema Wehrhaftigkeit für mich so zentral. Nicht, um noch mehr Härte in die Welt zu bringen. Sondern um Schutz zu ermöglichen. Um Klarheit zu schaffen.
Und du stehst ab sofort auf meiner „Ruf-ich-an-wenn-Zombie-Apokalypse-ist“-Liste. Auch wenn du mit Schwertern nur dekorativ umgehen kannst – du hast gerade sehr viele Dinge gesagt, die hilfreich sind. Vielen Dank für das Gespräch.
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