Teaser_Leitkegel Bandfoto 2019

Interview mit Daniel von Leitkegel zum Album “Wir sind für dich da”

LEITKEGEL gründeten sich bereits 2011 in Essen. Eher zufällig kamen die vier Musiker in der damaligen Besetzung zusammen, wie uns Sänger Daniel erzählt: “Hendrik haben wir damals in der Bahn nach dem Olgas Rock Festival getroffen, das war ganz witzig. Er hat ein Gespräch von uns mitgehört und uns dann erzählt, dass er auch Musik macht, Schlagzeug spielt und man sich ja mal treffen könnte.” Es wurde also ein temporärer Proberaum in Essen gemietet und nachdem die ersten Töne erklungen waren, war ziemlich schnell war klar, dass sich die Band nicht gesucht, aber gefunden hatte. Songs wurden geschrieben und relativ rasch auch die ersten Konzerte gespielt. Allerdings bremsten die üblichen Verpflichtungen wie Studium und Job, die Band dann jäh wieder aus. Im Würgegriff des Alltags gefangen, setzten LEITKEGEL die Priorität der Band nach unten und werkelten auf Sparflamme vor sich hin. Der Gedanke der Auflösung, der stand allerdings nie im Raum und nach einem Bassistenwechsel 2017 nahm das Bandschiff dann endlich wieder Fahrt auf. Nun gibt es mit “Wir sind für dich da” ein erstes Album und Sänger Daniel von LEITKEGEL gab am Telefon bereitwillig Auskunft dazu.

Ihr habt euer erstes Album “Wir sind für dich da” also Ende 2018 aufgenommen. Warum hat es dann aber wieder so lange gedauert?

Ist eine gute Frage (lacht). Wir hatten das relativ zügig in vier Tagen aufgenommen, wovon ja ein Tag alleine für Aufbau und Soundcheck war. Unser Gitarrist Daniel meinte danach aber, dass man an der ein oder anderen Stelle noch etwas feilen oder ein paar Overdubs zufügen könnte… Dann haben wir noch einige Kontakte ausfindig gemacht, die uns dabei behilflich sein könnten und ich musste auch nachträglich noch zwei Passagen einsingen. Das hat sich dann bis in den Februar hineingezogen, bis wir dann alles so eingespielt hatten, wie wir uns das vorgestellt und gewünscht haben. Dann kam der Mix und die Frage danach, wo man das mastern lässt. Wir haben ein Label gebraucht, dann muss es ins Presswerk und dann braucht man ja auch noch Vorlauf für die Promo.

Aber genau die Mühe, die ihr euch für die Songs gemacht habt, die ist mir aufgefallen. Es ist alles sehr bildlich inszeniert und vermeintliche Kleinigkeiten, wie der Einsatz der Bläser oder das Cello, fallen positiv auf. Waren das die Momente, an denen Daniel feilen wollten und mit denen ihr erst nicht so zufrieden gewesen seid?

Ich würde nicht sagen, dass wir nicht zufrieden waren. Unser Gitarrist Daniel schreibt die Songs, er kommt meisten mit fertigen Ideen an. Wir sind keine wahnsinnig technikaffine Band, die sich die Sachen gegenseitig hin und her nach Hause schickt und dann fügt jeder irgendwo noch etwas hinzu. Es ist eher so, dass er die Songs schreibt und sie uns dann mit dem Handy schickt, damit wir sie mal anhören können, Das kriegen wir technisch dann schon noch hin (lacht). Und bei der nächsten Probe wird es dann gemeinsam ausgearbeitet. Er hat Musikwissenschaften studiert und ist auch ein Musiknerd durch und durch. Daniel ist sehr musikbegeistert und hat auch ein krasses musikalisches Verständnis.

Das ist etwas, dass wir anderen Drei dann so gar nicht so haben. Wir denken dann, dass ein Song cool ist und fertig. Ja, den kann man doch schon so rausbringen, oder? (lacht). Und er fügt dann an bestimmten Stellen noch ein oder zwei Töne ein, die ihm einfach fehlen. Wenn er die dann eingespielt hat, ist das für uns immer sehr krass zu hören, wie viel solche vermeintlichen Kleinigkeiten ausmachen können.

Die Feature für “Über Berge und durch Täler” haben sich einfach angeboten, da der Song an sich schon so episch ist, ja schon fast kakofonisch. Und so eine Stimmung hätten wir mit unseren normalen Instrumenten gar nicht leisten können. Und jetzt war es natürlich gut, dass Hendrik den Ilja von THE HIRSCH EFFEKT gut kennt.

Anette, von den Essener Philharmonikern, war meine ehemalige Nachbarin. Sie hat den Streicherpart vorgeschlagen, beide Seiten fanden es sofort gut und dann klang es auch wirklich rund. Gleiches auch mit dem Bläsersound, Jens ist ein Freund von Hendrik und Multiinstrumentalist. Wir schlugen einfach vor, ihm das Lied “Ich hab‘ 99 Probleme und das Mädchen hat mich” mal zu schicken und baten ihn darum, einfach alles einspielen, was er selbst zu Hause machen kann. Und der Bläsersound bringt den Song auch nochmals weiter.

Vor Kurzem habe ich ein Interview von MARATHONMANN gesehen. Deren Schlagzeuger Jo merkte an, dass er den Eindruck hat, dass die deutsche Post-Hardcore und Punkszene gar nicht so gut vernetzt sei und eigentlich jeder mehr oder weniger alleine wurschtelt. Ihr hingegen scheint richtig gut vernetzt zu sein, wie empfindest Du die Szene?

Das ist eine interessante Frage, bei MARATHONMANN ist es wahrscheinlich auch eine Standortfrage. Im Süden hat man es sicher mit Punk nochmal schwerer, als in den Epizentren Berlin oder Hamburg. Bei uns im Ruhrgebiet geht es auch ganz gut, wobei es hier eher Richtung Hardcore angesagt ist.

Wir hatten anfangs Schwierigkeiten, da wir nie so einer Szene richtig zugehörig waren. Für Indie waren wir nicht soft genug, für Hardcore nicht hart genug und für Punk nicht punkig genug. Deshalb spielten wir am Anfang mit vielen Bands, zu denen wir eigentlich nicht richtig gepasst haben. Die Veranstalter sahen dann irgendeine Art von Schnittstelle und haben uns dann eben dazu geholt. Dadurch haben wir aber wirklich viele unterschiedliche Leute kennengelernt, auch viele Freundschaften geknüpft und das ist dann eher natürlich so zusammengewachsen.

Es kam mir bis jetzt gar nicht so vor, als ob wir gut vernetzt seien. Aber als Du das jetzt eben gesagt hast, fiel es mir selbst auf. Ja, wir sind gut vernetzt und kennen doch schon einige Leute. Hier gibt es den Emokeller, da waren wir auch während unserer Pause sehr viel privat als Besucher. Da kommst man einfach mit Musikern und anderen Bands in Kontakt. Oder auch durch unseren Proberaum, wir proben in einem riesigen Proberaumkomplex, direkt gegenüber von der Stauder Brauerei, da proben natürlich auch ganz viele andere Bands. Ja, wir haben wohl mehr Kontakte, als uns bewusst war.

Leitkegel 2019 Bandfoto
Leitkegel, 2019

Dass mit der Schnittmenge fiel mir auch auf, da ich eure Optik ungewöhnlich für den Sound finde. Man geht oberflächlicherweise davon aus, dass Leute, die so eine Musik machen, tätowiert sind. Dann noch der Bandname LEITKEGEL, das klingt eher nach Indie. Dann die Band TOCOTRONIC im Songtitel, das leitet auf eine falsche Fährte. Wolltet ihr bewusst die Bandbreite anbieten?

Also bewusst, machen wir tatsächlich gar nichts (lacht). Das ist eher etwas, das jetzt durch die Label und Promotern so zugeschnitten wird. Unser Sebi kommt aus dem gestalterischen Bereich, der hat da auch noch einiges eingebracht. Und wir sind tatsächlich alle stark tätowiert (lacht), auch wenn man das auf den Bildern nicht sieht. Es ist einfach so passiert, da wir alle sehr offen sind und viele unterschiedliche Einflüsse haben. Es war nicht vorgesehen, dass wir uns auf eine Schiene festlegen wollten. Wir machen, auf was wir Bock haben, musikalisch oder wie wir uns anziehen.

Auch der Bandname ist ein Zufallsprodukt, bei dem wir nie damit gerechnet hätten, dass es irgendwann relevant wird. Also wenn man mal ein paar Lieder geschaffen hat, dann möchte man natürlich auch einen Bandnamen. Dann heißt man eben LEITKEGEL, dann kann man nur hoffen, dass die Leute den irgendwie auch noch mal gut finden (lacht).

LEITKEGEL ist für mich eine Art Grenze, die zwar sichtbar ist und irgendwie für Ordnung sorgt, aber auch genauso leicht wegzutreten ist. Was habt ihr euch dabei gedacht?

Das ist auf jeden Fall eine Interpretation, die ich ab jetzt benutze, vielen Dank dafür (lacht).

Die Geschichte hinter dem Bandnamen ist total simpel und fast schon jugendlich doof. Er stammt aus dieser Bandgründungsnacht, die wir damals in Essen hatten. Wir hatten bisschen was getrunken und wollten in erster Linie zusammen Musik machen, aber wir wollten natürlich auch ein bisschen Spaß haben. Irgendwann bekamen wir so gegen Mitternacht Hunger und sind dann durch Essen gelaufen, auf der Suche nach einer Pizzeria. Dann haben wir eine kleine Baustelle gesehen und da stand halt so ein Ding rum, das haben wir dann mitgenommen, uns auf den Kopf gesetzt und Spaß damit gemacht. Wir brauchen ja auch noch einen Bandnamen und dann war das irgendwie unser Symbol. Einer von uns ist auch am nächsten Morgen zu Hause mit dem Ding aufgewacht, sodass wir dann einfach entschieden haben, das als unseren Bandnamen zu nehmen. Wir können uns ja später noch mal umbenennen…

Das wäre auch ein guter Bandname, WIR KÖNNEN UNS JA SPÄTER NOCHMAL UMBENENNEN. Wusstet ihr gleich, dass das Ding Leitkegel heißt, das ist gar nicht so ein gängiger Begriff?

Ja, genau das war dann auch die darauf anschließende Diskussion. Wir wollten uns danach benennen und dann kam die Frage auf ‘Ja, wie heißt das denn jetzt eigentlich?’. Wir mussten dann erstmal googeln und ich kam dann auf die Idee, dass es doch Pylonen heißt. Aber so kann man sich ja nicht nennen, das wäre ja dann richtig bescheuert. Also blieben wir bei LEITKEGEL.

Mit “Tocotronic darf niemals siegen” habt ihr ja schon bisschen in die Blase gepikst, in der sich viele Leute bewegen. Besonders fies fand ich, dass auch die Musik am Ende so breit auffächert und damit den Hörer nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch stark manipuliert. Ihr habt eben exakt die Formel verwendet, die die angesprochenen Bands benutzen. Aber worauf wolltet ihr genau hinaus?

Die Songtitel kommen in der Regel bei uns am Schluss dazu. Man hat für jeden Song und für jede Melodie ein gewisses Gefühl, das dann letztendlich zu dem Songtitel inspiriert. In dem Fall ist es aber eher ein Produkt der Umstände, wir haben den Song bereits im Jahr 2013 geschrieben. Zu der Zeit waren wir ja noch etwas aktiver. Aufgrund der kruden Mischung, die wir spielen, ist es uns sehr oft passiert, dass wir mit ganz seltsamen Verweisen konfrontiert wurden. Wir haben einen Song namens “Kapitulation, ja bitte”. Nach Konzerten kamen oft Leute zu uns, die uns gesagt haben, dass das ja total nach TOCOTRONIC klingen würde und wieder andere, die uns gesagt haben, dass wir von denen gemopst hätten und wieder andere, die gesagt haben, dass wir ja angeblich total von denen beeinflusst seien würden. Dann haben wir mal mit LOVE A zusammen in Düsseldorf gespielt und bekamen ähnliche unterschiedliche Rückmeldungen, dass wir ja voll gut mit denen zusammenpassen und garantiert von denen inspiriert seien.

Worauf ihr anspielt ist aber, dass es tatsächlich eine gewisse Formel gibt. Eine Art, sich sprachlich auszudrücken und einen Topf voll Themen, aus dem man sich bedienen kann. Wenn man sich nicht ganz so doof anstellt und einigermaßen authentisch ist, dann hat man in dieser Szene einfach dankbare Abnehmer.

Wir haben es eben nie so super ernst genommen und haben dann, nachdem wir mehr damit konfrontiert wurden, einfach überlegt, dass wir das jetzt mal ausprobieren. Lass uns doch einfach mal genauso einen Song schreiben, der sich an anderen orientiert und mit dem man vielleicht in große Musikmagazine kommt. Wir hatten überhaupt keine Ahnung davon, wie das funktioniert, dass man auf solche Beilagen-CDs, an Berichte oder sowas in der Art kommt. Dann hat Daniel also diesen Song geschrieben und der Song ist dann organisch so ein bisschen bissig und zynisch geworden. Der Song ist aber eine einzige Anekdote, ich könnte Dir zu jeder Textzeile, etwas erzählen.

Haben sich TOCOTRONIC bei euch gemeldet und zu dem Song geäußert?

Da der Song schon etwas älter ist, hatten wir den Spruch auch schon auf Jutebeutel und anderes Merchandise gedruckt. Und wir dachten uns natürlich immer, dass es cool wäre, wenn die das irgendwie aufgreifen würden. Und vor einigen Wochen haben wir das Video dazu veröffentlicht und dann bei Instagram den Screenshot gepostet und tatsächlich haben die das geliked. Das war also die erste offizielle Reaktion. Wenn die sich zum Kaffeetrinken anbieten würden, würden wir nicht Nein sagen. Das sind garantiert gute Menschen.

Gehören TOCOTRONIC zu Deinen textlichen Vorbildern?

TOCOTRONIC tatsächlich eher weniger. Also ein Album von denen habe ich auch zu Hause und ich finde die alten Sachen auch echt gut. Aber ich finde die Band eher auf einer menschlichen Ebene interessant. Die haben natürlich unfassbar viel für die deutsche Musiklandschaft getan und sind sehr wichtig für viele Bands. Auch die politische Agenda, die die verfolgen, ist astrein und finde ich super. Musikalisch hatten die mich aber nie richtig gekriegt und haben mich dann irgendwann auch ganz verloren. Das ist mir etwas zu intellektuell, zu verkopft und ist mir auch zu poetisch irgendwie.

Aber hast Du Vorbilder?

Orientieren oder versuchen an die Sachen ranzukommen, dass tue ich eigentlich nicht bewusst, wenn dann eher unbewusst. Es ist ja schon so, dass man nicht frei von Einflüssen ist, das geht ja gar nicht anders. Was Texte und Wortspiele angeht, ist DENDEMANN natürlich das Non-Plus-Ultra. EINS ZWO habe ich früher viel gehört und ich bin auch großer ADOLAR-Fan. Der Sänger hatte es gut geschafft, Lebensgefühle und Zeitgeist in seine Songs zu packen. Und zwar so krass, dass der er mir komplett aus der Seele gesprochen hat, obwohl ich vorher gar nicht wusste, dass ich sowas in mir drin habe. In den Reviews werden wir manchmal damit verglichen, also bin ich wahrscheinlich beeinflusst. Sehr schade, dass es die nicht mehr gibt, mit denen hätte ich so gerne mal gespielt.

Beim Opener “Spiegelbild” lenkt ihr sofort auf den Einzelnen, also auf sich selbst. Ist das von LEITKEGEL eine Art Lösungsvorschlag, wenn jeder auf sich selbst guckt, ist ein guter Anfang gemacht?

Das klingt etwas egoistisch, wenn jeder auf sich selbst gucken soll. “Spiegelbild” wurde tatsächlich auch als erster Song geschrieben. Da stand dann auch schon unser Konzept – es ist eigentlich kein Konzept aber ich nenne das jetzt einfach mal so – mit dem Thema “Wir sind für dich da”. Den Text zu “Spiegelbild” hatte ich mir schon überlegt, um darauf hinzuleiten und er ist direkt an den Hörer gerichtet. Wir bereiten Dich jetzt darauf vor, was nun kommt und am besten ist es, wenn Du jetzt den Blick in den Spiegel richtest und Dir mal Gedanken machst. Und jetzt kommen die Themen, über die Du Dir Gedanken machen solltest. So kann man das, glaube ich, ganz gut zusammenfassen.

Interessant, dass Du das jetzt so interpretiert hast, dass es egoistisch ist, wenn jeder zuerst auf sich schaut. Aus meiner Sicht ist es eher so, dass dann die ständige Bewertung des Tuns von anderen wegfallen kann. Wenn jeder erstmal auf sich schaut, also was er selbst eben besser machen kann, dann bewerte ich das positiv. Beim Song “Straßenkampf” singst Du “Was ist los in dieser Stadt, die uns nichts zu bieten hat?”. Spielst Du damit auf Anspruchsdenken und Lethargie an?

Das geht in die Richtung, dieser Text ist zu einer Zeit entstanden, in der ich es so wahrgenommen habe, dass tatsächlich sehr viel Straßenkampf im übertragenen Sinne stattfand. Keine Ahnung, was da in Essen los war, aber auf mich hat es so gewirkt. Und ich habe mich gefragt, warum das so ist. Warum drehen jetzt plötzlich alle durch? Liegt es wirklich daran, dass die Stadt hier so tot ist? Als ich mich später mit dem Text noch mal intensiver befasst habe, fiel mir auf, dass er sich auch noch etwas weiter interpretieren und auch auf andere Bereiche übertragen lässt.

Natürlich kann man das alles beobachten, man kann halt nichts tun und sich diesen einen Sehnsuchtsort herbeiwünschen, an dem alles in Ordnung ist. Aber dadurch kommt man da ja nicht automatisch dorthin. Es ist und bleibt dann nur in deinem Kopf. Irgendwie muss man Dinge dann auch mal ansprechen und im übertragenen Sinne selbst Teil des Straßenkampfes sein. Man kann ja auch friedlich protestieren oder friedlich etwas tun und Zivilcourage zeigen. Man ist dann ein Teil davon und kann helfen, es zum Guten zu wenden.

Im Lied “Erste Welt Probleme” findet man sich natürlich schnell wieder. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass man sich nach oben und nicht nach unten orientiert. Wie schätzt Du Deinen eigenen Kompass ein, kennst Du Orte wie eine Gesamtschule oder Jugendzentren, an denen man mit unterschiedlichen Leuten in Kontakt kommen muss und dann auch lernt, sich und seine Situation besser einzuschätzen?

Ich komme ja aus Duisburg, da ist es generell strukturschwach, durch den verpassten Strukturwandel ist die Stadt ziemlich hoch verschuldet. Und da komme ich da auch noch aus einem Problembezirk und aus einer Familie, die kein Reihenhaus hatte, sondern eine klassische Arbeiterfamilie war. In der Grundschule war es schon so, dass man nach den Sommerferien gar nicht mehr wusste, wer jetzt noch überhaupt zurück in die Klasse kommt. Weil es eben Abschiebungen gegeben hat oder weil Kinder zu ihrem eigenen Wohl aus ihren Familien vom Jugendamt herausgenommen wurden. Einer kam später auch in ein Jugendgefängnis.

Man war dann also in solche Probleme involviert. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern immer sehr engagiert waren und sich für solche Kids eingesetzt haben. Das habe ich übernommen und auch die Vorteile, von einer gelebten multikulturellen Gesellschaft und die Bereitschaft für alles offen zu sein. Es gibt eben zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder man entwickelt Hass und Wut oder man versucht sich damit zu arrangieren und zu engagieren, um es im Gesamten besser zu machen. Das waren dann aber keine “Erste Welt Probleme”, sondern schon akute Probleme. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich mich darüber ärgere, wenn der Teenie in der Wohnung unter mir nachts Techno hört. In diesem Moment ist es auch störend, aber wenn ich am nächsten Tag die Nachrichten anschaue wird mir bewusst, dass ich es schon besser habe als viele andere, da ich überhaupt in einem Haus wohne und mich über sowas aufregen kann.

Sagst Du bei den Konzerten viel zu den Texten?

Zwischen den Songs kommt das eher selten vor. Hendrik hielt mich mal dazu an, aber wir sind schon eher eine humorvolle Band und ich mag es auch selbst nicht, wenn die Band mir zwischen Songs einen Vortrag hält. Dann wird meistens die Interpretation noch mitgeliefert und dann kommt der Song und man merkt, dass das einfach die Vertonung von dem ist, was der Typ gerade eben erzählt hat. So möchte ich selbst nicht sein. Wir machen live schon viele Späße und sagten irgendwann mal vor jedem Song, dass er von Trennung handeln würde. Auch wenn das natürlich gar nicht so war. Auf manche Momente im Zeitgeschehen, wenn die zu unseren Songs passen, weise ich schon mal hin.

LEITKEGEL bei Facebook

Artikel, die Dich interessieren könnten:
LEITKEGEL – Wir sind für dich da
Gemischte Tüte mit AKNE KID JOE
Interview mit 100 KILO HERZ
SMILE AND BURN – Morgen anders

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.