Das Blanke Extrem Teaser

Interview mit Das Blanke Extrem zu “Alles in schönster Ordnung”

Hört man sich “Alles in schönster Ordnung” von DAS BLANKE EXTREM an, kann man den Eindruck gewinnen, dass es sich um alte Punker handelt, die es nochmal wissen wollen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Band, bestehend aus Lukas, Magnus, Robert und David aus Freiburg, gibt es jetzt seit zwei Jahren. Sie sind zwischen Ende 20 bis Anfang 30 und sprühen vor Energie. Bei unserem Skype-Interview sind sie kaum zu bändigen, scherzen vertraut miteinander und machen sich kluge Gedanken über die ihre Antworten.

Aber ganz von vorne, wie fing das alles an mit DAS BLANKE EXTREM?

Lukas: Magnus und ich sind Brüder, David ist quasi auch sowas wie mein Bruder und wir haben schon vorher in anderen Bands zusammengespielt. Robert ist ein guter Freund von uns, den wir in Freiburg kennengelernt haben. Nachdem sich unsere alte Band aufgelöst hatte, haben wir zu dritt eine neue gegründet. Irgendwas hat Robert uns gesagt, dass er Lust hätte mitzumachen und wir hatten dann auch Bock darauf.

Robert: Na ja eigentlich war es ein längerer Kampf und ich habe mich schon ein halbes Jahr lang angebiedert und aufs übelste einschleimen müssen. Für die alte Band, da wollte ich gar nicht mitmachen, haben sie sich schon für Aufnahmen meine Gitarre ausgeliehen. Und bei DAS BLANKE EXTREM kamen sie dann schon wieder, um die Gitarre zu schnorren. Meine Antwort war dann, dass es die Gitarre nur noch mit mir gibt.

Lukas: Und wir dachten dann, die Gitarre ist es wert (lacht). In der vorherigen Band waren wir zu fünft. Deshalb wollten wir eigentlich zu dritt bleiben, weil es uns viel zu stressig war, immer alle zu den Proben zusammenzutrommeln und Songs zu machen.

David: Luki und ich hatten auch noch mal eine Band, da waren wir sieben Jahre alt und nannten uns DIE KLEINEN PUNKIS. Unser größte Hit war “Ich rauche Marlboro” und das im Grundschulalter. Wir hatten auch schon bei vorherigen Bands drei Gitarristen, ohne dass das irgendeinen Sinn ergeben hätte. Ungefähr so, als ob wir drei Torhüter gehabt hätten und einer schießt drauf.

Lukas: Früher haben wir eher so Spaßpunk gemacht, einfach um Freibier und einen guten Abend zu haben. DAS BLANKE EXTREM ist ernsthafter und soll mehr Gesellschaftskritik und Botschaften haben.

David: Aber trotzdem auch Freibier!

Das Blanke Extrem Teaser
Das Blanke Extrem, 2019

Worauf zielt der Name ab, darauf dass wir oft in Extremen denken?

David: Ich habe den Namen zufällig gefunden, als ich auf eine Homepage namens “DDR Jugendsprache” gestoßen bin, die noch im Windows 95 Style war. Da gab es sehr lustige Wörter und Sprüche, unter anderem eben DAS BLANKE EXTREM. Es klang also gut und hat auch inhaltlich gepasst. Das Polarisierende, wenn aktuell eine Neuigkeit mit der anderen kämpft, um noch krasser zu sein.

Robert: Es ist wohl auch eine bescheidene Beschreibung der Band, wir hätten uns auch DER NACKTE EKEL nennen können (lacht).

David: EULEN AUS ATHEN stand auch kurz zur Auswahl.

Schön, dass Du DDR erwähnt hast, denn das ganze Album hat auch einen Ostalgietouch. Ausgehend von Musik und Texten, dachte ich auch, dass ihr in den Vierzigern steht und einen hippiesken Anspruch habt. Habt ihr die altmodische Ästhetik bewusst gewählt?

Magnus: Ja! Die Inspiration zum Cover stammt von einem alten Plattencover mit dem tollen Titel “Musik für Kirchweih, Jahrmarkt…”, irgendwie sowas. Und auch der Titel “Alles in schönster Ordnung”, spielt auf das Wirtschaftswunder an.

David: Auf diesem etwas tümmeligen Cover stand auch drauf ‘fröhliche Musik aus seiner fröhlichen Welt’. Das stand auch als erst Titel im Raum. “Alles in schönster Ordnung” entstammt aber auch einem entwicklungspolitischen Zusammenhang aus dieser Zeit. Da gibt es eine Sammlung von Karikaturen, die globale Ungleichheiten beschreiben und aktuelle Themen wie Fluchtursachen und der Umgang mit natürlichen Ressourcen. Das in Kombination mit dem zynischen Titel, aus beidem entwickelte sich dann unsere Idee.

Wann war aus eurer Sicht zum letzten Mal “Alles in schönster Ordnung”?

Lukas: Vieles läuft ja falsch in der Welt und ich beziehe den Titel eher darauf, dass überall versucht wird, so zu tun, als ob alles in schönster Ordnung wäre. Dabei geht vieles kaputt und die Welt geht vor die Hunde. Überall werden Menschen ausgebeutet und es führt uns alles zu einem Riesenscheißhaufen. Aber nach außen versucht man die Illusion der schönen Ordnung beizubehalten. Davon nehme ich mich nicht aus. Man beschäftigt sich schon mit den Themen, aber versucht für sich selbst auch in schönster Ordnung zu halten. Man versucht die Welt besser zu machen und steckt dann auch im Alltag.

Robert: Die letzte Zeile auf dem Album beschreibt es ja ganz gut. ‘Und jeder will glauben, dass alles in schönster Ordnung wäre’. Viele sehen, dass was zu tun ist, aber es ist so eine Komplexität, bei der man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Also halten wir daran fest, dass es uns gut geht und es geht uns ja auch gut. Anderorts geht es Leuten nicht gut, aber irgendwie ist auch alles so schwierig. Ach, eigentlich ist überhaupt nichts in Ordnung und eigentlich ist die Weltrevolution längst überfällig.

Seid ihr Optimisten oder Pessimisten?

Lukas: Opti…

Robert: Pessimist! (lacht)

David: Der Zustand von Ordnung ist ein Normativ, es sollte so sein. Und so bin ich ja auch sozialisiert, dass genau so zu verkaufen. Darunter liegt so vieles, deshalb ist die Frage schwierig zu beantworten. Wenn ich in guter Gesellschaft mit guter Laune bin, dann bin ich natürlich Optimist. Wenn man unter die Oberfläche blickt, kann man sich sehr schnell auch im Pessimismus verlieren. Also auf welcher Ebene bin ich gerade? Pessimist zu sein, ist in unserer Lage eigentlich schon zynisch. Und die Welt ging eigentlich schon mit dem Urknall vor die Hunde.

David, Du schreibst die Texte für DAS BLANKE EXTREM und musst Dich zwangsläufig mit solchen Themen auseinandersetzen, warum machst Du das? Du könntest ja auch über etwas anderes singen.

Ja voll und ich könnte mich auch fragen, wer das überhaupt hören will. Das beschäftigt mich noch viel mehr, wem ich da was aufdrücke und wer ich eigentlich bin, anderen das vorzukauen.

Ist es Deine Art sowas zu verarbeiten oder willst Du auch erklären?

Beides, wobei ich nichts erklären möchte. Ich weiß ja gar nicht, wer das hört. Grundsätzlich erkläre ich schon gerne was, aber nur, wenn mich auch jemand danach fragt. Die Themen beschäftigen mich gedanklich und dann fallen mir Punchlines ein, die ich gerne in einen Text und eine Geschichte einbetten würde. Manchmal haben wir auch einen guten Rhythmus und überlegen in der Bandprobe, welches Problem zu dieser Musik passt (lacht).

Das-Blanke-Extrem-Bandfoto-2019 von Sévérine Kpoti
Das Blanke Extrem, 2019 von Sévérine Kpoti

Der Satz “Ich brauche was zu tun” in dem Song “Wohlstandsstadt” ist bei mir hängengeblieben. Was meint ihr damit?

Magnus: Es geht um die Hektik und soll den Drang, sich beschäftigen zu müssen, thematisieren. Man muss gleich ein schlechtes Gewissen haben, wenn man zwei Tage hintereinander auf der Couch sitzt und TV glotzt. Man muss was leisten, am besten zehn Hobbies haben, auf der Arbeit gut sein und einfach überall abliefern, alles auf dem Schirm haben. Abhängen kann man nicht rechtfertigen.

David: Und man muss es noch nicht mal nur vor den anderen rechtfertigen. Jeder scheint ein Ziel zu haben. Es wirkt einfach so, als ob jeder was zu tun hätte und man setzt sich selbst unter Druck. Man darf sich auch nicht mehr langweilen. Das ist ein Zustand, den man selbst kaum erträgt.

Robert: Kinder dürfen sich auch nicht mehr langweilen. Dann haben sie gleich ein Problem.

Lukas: Für mich ist es eher eine Kritik gegen mich selbst. Es geht schon um die Gesellschaft, wer trödelt oder nichts macht ist nicht produktiv und nicht leistungsfähig. Aber ich selbst fördere das auch, in dem ich immer rödel und eigentlich selbst Probleme habe richtig runterzukommen. Wenn ich Urlaub habe, dann ballere ich mir immer alles voll und kann den Sinn am Nichtstun nicht akzeptieren.

Robert: Und es geht auch darum, dass in diesem Turbokapitalismus teilweise so absurde Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Da übernehmen dann Unternehmensberatungen die Beratung für Unternehmensberatungen, die dann auch Unternehmen beraten. Diese Selbsterhaltung und die Art irgendein Können anzubieten, einfach um was zu machen. Weil Arbeit angeblich so wichtig ist, immer produzieren, Leistung und noch mehr Bedarf.

Man kann den Satz auch so auslegen, dass es für manche gar nicht schlecht wäre, wenn sie mal mehr zu tun hätten. Dann würden sie vielleicht aufhören unreflektierte Sachen ins Internet zu schreiben oder anderen Prügel anzudrohen. Dafür Zeit zu haben, ist ja auch Wohlstand.

David: Schön, wenn Interpretationsspielraum bleibt, ein Song soll nie geschlossen sein. Niemand hat die Hoheit über Wörter und deren Deutung. Wenn wir uns gemeinsam über Songs unterhalten, dann legen wir darauf Wert.

Magnus: Ein Grund, warum ich gerne in der Band spiele ist die Chance Dinge zu benennen, ohne konkrete Handlungshinweise zu geben und wir nehmen uns auch selbst nicht als Empfänger aus.

Es geht darum laut zu sein?

Robert: Ja, Reklame zu machen für die Scheiße.

David: Und die Frage zu stellen, ob es anderen auch so geht. Wenn jemand uns jetzt als absolut, erklärend antwortend verstehen würde, würden wir umschwenken. Das ist nicht unser Ansatz, eher das Gegenteil. Songs wie “15,1%” haben so eine Antwort. Bei Rechtspopulismus, Faschismus und Rassismus gibt es keine Diskussion, kein darüber mal reden mit jemandem, der diese Position vertritt. Das ist klar und da adressieren wir nur. Wir treffen damit sicher niemandem, der sich gerade unsicher ist, ob das richtig oder falsch ist. Das ist die einzige, leider sehr große, Klammer, die man da ziehen muss.

Den Song “15,1%” habt ihr vor zwei Jahren geschrieben und seitdem hat sich quasi nichts geändert. Obwohl doch… es ist noch schlimmer geworden, diese Partei erreicht teilweise noch mehr Prozente, wie fühlt sich das an?

Magnus: Es gibt schon den Nachfolgesong, der heißt “Von allen guten Geistern nie besucht”. Der ist nicht auf dem Album, wird aber live gespielt und drückt sich musikalisch und textlich noch härter und verzweifelter aus. Der dritte Song steht auch an, es ist leider ein Dauerthema und dazu könnte man…

Lukas: … mehrere Alben machen.

David: Der Song entstand nach dem Wahlergebnis der AfD in Baden-Württemberg. Der Fingerzeig in den Osten funktioniert eben nicht, bei uns haben die Nazis einfach nur einen Anzug an. In dem Song waren wir eigentlich noch viel zu nett, auch wenn wir versucht haben auszudrücken, dass man es den Leuten nicht ansehen kann, welcher Teufeln in ihnen steckt. Der braune Mob zieht immer noch durchs Land und mordet und der kleine Mann zündelt an.

Lukas: Und natürlich fragt man sich, wie weit das noch gehen wird. Gar nicht nur auf Deutschland bezogen, sondern auch auf Europa oder sogar weltweit. Faschismus hat doch noch nie jemandem irgendwas gebracht, das hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Ohnmacht und Aggression wechseln sich da bei mir ab. Was treibt die Leute an, da ernsthaft Energie reinzustecken und das als den richtigen Weg zu sehen.

Ihr habt selbst Kinder, was kann man für die Zukunft machen, außer Lieder zu singen, für die Leute, die eh schon die gleiche Meinung haben?

David: Außer Lieder singen? (lacht) Das ist eine Frage der Möglichkeiten und wir spielen auch gerne im politischen Kontext oder auf Soliparties, das ist unsere Form des politischen Arbeitens. Und manchmal stellt man sich auch die Frage, ob man das was man gerade beruflich macht, nicht einfach auf die Seite schieben und sich auf etwas viel Wesentlicheres konzentrieren sollte. Aber letztendlich hat man Verantwortung für sich oder andere und es geht immer mehr.

Mehr ist nicht immer das primäre Ziel. Es ging eher um so utopische Idee wie dass man Medien, die ja auch oft brandstiftend sind, umgestaltet. Zum Beispiel eine positive Nachricht pro Tag oder Empathie als Schulfach.

Lukas: Das wäre schon schön, da haben wir aber keinen direkten Einfluss darauf. Es geht eher um die Haltung im Alltag. Ich arbeite auf dem Bau und da ist es ein großes Problem, da ich oft mit Leuten zu tun habe, die auch keinen Bock darauf haben sich andere Quellen anzuschauen. Das ist dann ihre Meinung und es ist nicht einfach, denen immer Paroli zu geben und einen weiteren Horizont zu empfehlen.

Und auf jeden Fall wählen?

Alle im Chor: Auf jeden Fall!

Die Review zu “Alles in schönster Ordnung” von DAS BLANKE EXTREM findet ihr hier. Lauten, krachigen Punk mit deutschen Texten machen auch TOT und AKNE KID JOE.

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