Interview mit Deutsche Laichen zur EP „Team Scheiße“
Ein Jahr nach ihrem gefeierten Debütalbum kommt die queer-feministische Punkband DEUTSCHE LAICHEN aus Göttingen mit ihrer EP „Team Scheiße“ um die Ecke. krachfink.de durfte einige Fragen stellen, darüber was sie besonders wütend und auch traurig macht und wo sie noch weitere Ansätze für Verbesserungen sehen.

Wieso jetzt die EP, aus akutem Frust oder als Überbrückung bis zum nächsten Album? In eurem Statement habt ihr – jetzt sehr grob von mir zusammengefasst – euch darüber geärgert, dass seit der Veröffentlichung eures Debüts nur Scheiße passiert ist…
Die EP ist entstanden, weil es akut ist. Es ist schon lange akut, aber in den letzten Monaten, ist so viel Scheiße passiert: der rechtsextreme Anschlag am 9. Oktober 2019 in Halle auf eine Synagoge, der rechtsextreme Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau, bei dem neun Menschen getötet wurden, die Ermordungen von Ahmaud Arbery, der am 23. Februar in Georgia beim Joggen von Rassisten erschossen wurde, die Ermordung von Breonna Taylor am 13. März durch Bullen in ihrem eigenen Schlafzimmer, der Mord von George Floyd am 25. Mai 2020 auf offener Straße bei einer rassistischen Polizeikontrolle.
Am 14. Juli ist Noël Martin verstorben, der 1996 in Brandenburg von Nazis angegriffen wurde und seitdem im Rollstuhl saß. In Deutschland werden Journalist*innen und Personen des öffentlichen Lebens und ihre Familien, die sich für die Aufklärung der NSU-Morde engagieren oder offen die deutsche Polizei kritisieren, von Innenministern diskreditiert und von Nazis bedroht – persönliche Daten der Betroffenen bekommen die Nazis direkt von ihresgleichen in der Polizei. Das alles frustriert uns! Das alles macht uns wütend! Unsere Songs mussten raus, das hat nichts damit zu tun, dass seit der letzten Veröffentlichung gut ein Jahr vergangen ist. Mit dem Schock und der Wut nach den rassistischen Morden in Hanau haben wir im Februar unser letztes Konzert vor der Covid19-Pause in der Roten Flora in Hamburg gespielt, seitdem haben wir unsere Energie in die neuen Songs gesteckt.
Wer hat das starke Artwork gemacht?
Das Motiv ist durch ein gemeinsames Nachdenken zum Thema entstanden. Gezeichnet hat es unsere Bassistin rollsplitt.
Gerade über die, ich nenne sie jetzt mal sichtbare Feminismusszene, heißt es, dass sie teilweise überheblich und schwer zugänglich sei. Wer nicht zu 100% Bescheid weiß, wird angeblich sofort korrigiert und sogar gemaßregelt. Kurzum, Menschen, die für das Gleiche einstehen wollen, diskriminierend sich untereinander. Woran liegt das? Kann man Feminismus ernst nehmen und gleichzeitig ausgrenzen?
Feminismus ist erstmal per se nicht das Problem. In der Welt in der wir leben ist es wichtig, gegen die bestehenden Geschlechterverhältnisse gemeinsam anzukämpfen, das ist übrigens nicht nur Aufgabe von FLINT-Personen (wieder so eine Abkürzung: Frauen, Lesben, Interpersonen, Nicht-binäre-Personen und Transpersonen), sondern von allen. Wenn eine Szene oder Gruppe von Menschen sich eingehend mit einer gesellschaftspolitischen Thematik beschäftigt, entwickeln und verändern sich Vokabular und Ideen fortlaufend, wie sich auch der gesellschaftliche Kontext verändert. Reflexionsprozesse sind nie zu Ende. Es ist nicht ok, wenn Menschen ausgegrenzt werden, weil sie sich an einem anderen Punkt im Reflexionsprozess befinden oder weil sie ihre Ideen nicht mit der richtigen Sprache auszudrücken gelernt haben – diese Sprache ist ja oft auch eine sehr akademisch-geprägte. Die Verantwortung liegt auf beiden Seiten, also einerseits die Bereitschaft mitzubringen, Inhalte und Wissen zu teilen, andererseits bei jeder* Einzelnen, sich immer weiterzubilden und offen für Neues und Veränderung zu bleiben.
Auch Intersektionalität ist nicht nur ein Problem im Feminismus, aber wo könnte man am besten ansetzen?
Am besten bei sich selbst anfangen und den eigenen Aktivismus kritisch reflektieren. In welchem Verhältnis steht das, was mir zufällig zufällt, zu den Bedingungen, unter denen andere leben? Mit welchen strukturellen Diskriminierungsformen muss gekämpft werden? Und dann, zuhören, lesen, nachdenken, aktiv werden und solidarisch handeln.
