Interview mit Fluppe zum Album „Beest“
Mit „Beest“ hat die Hamburger Post-Punkband ein Album veröffentlicht, das auch ohne Angriff Herzen erobert und sich nicht auf jeder Debattenhochzeit aufdrängt, sich aber trotzdem klar mit eigenen Gedanken positioniert. Christian Klindworth, Gitarrist und Songschreiber von FLUPPE und auch aktiv mit MINT MIND, stand im Interview ausführlich Rede und Antwort. Im Gespräch ging es vor allem um die Entstehung der Songs, die Atmosphäre im Proberaum und die Arbeitsweise der Band. Klindworth gibt Einblicke in die Produktion des Albums, den Umgang mit Texten, die Bedeutung des Goofy-Covers und persönliche Beobachtungen zur Hamburger Szene. Zwischen kreativen Prozessen und kleinen Anekdoten vermittelt das Interview ein lebendiges Bild davon, wie „Beest“ entstanden ist.
„Beest“ macht auf mich einen sehr ausgereiften Eindruck, was hat sich aus eurer Sicht seit dem letzten Album bei FLUPPE verändert?
Also allem voran gibt es ja eine neue Besetzung und daher sowieso neue Impulse. Unser Sänger Oscar hat vorher noch nie in einer Band gesungen, von daher ist es interessant, dass du „ausgereift“ sagst. Außerdem haben wir das Album größtenteils mit Tobias Siebert in seiner Cathedral aufgenommen. Für mich hat das Album also eine gewisse Frische. Wir haben auch teilweise sehr schnelle Entscheidungen getroffen, was Titel, Texte und Ästhetik angeht. Aber klar, vielleicht ist all dies auch auf eine gewisse Reife zurückzuführen, worin auch immer diese liegt.

Auf eurem Artwork prangt Goofy, das kann profan sein, aber eben auch durchdacht. Goofy steht sinnbildlich für Unbeholfenheit, aber irgendwie auch für Menschlichkeit und Frohsinn. Was hat es mit dem Artwork auf sich?
Das Artwork habe ich von einem ukrainischen Künstler gekauft, den ich auf Instagram kennengelernt habe. Er hat mir auch einen Leinwanddruck gefertigt, der quasi unter Missile-Beschuss hergestellt und versendet worden ist. Goofy hält auf dem Bild ja diese Doomed Children an den Händen und das sagt womöglich aus, dass wir niemals ganz unbefangen sein können. Es war von Anfang an klar, dass das Album dieses tragen wird.
In der Review habe ich geschrieben, dass sich manche Songzeilen erst mal nicht erschließen. Ehrlich gesagt dachte ich manchmal sogar an KI („Dodgers“ z. B.), es wirkte erst unsinnig auf mich und ergab erst Sinn im Kontext der Platte. Wie geht ihr beim Texten vor, achtet ihr darauf, eine bestimmte Deutungshoheit zu vermeiden?
Und darüber freue ich mich sehr, also dass du dich so sehr damit auseinandergesetzt hast. Ich glaube, es geht beim Texten von Songs sowieso viel eher darum, zu versuchen, sich an ein Gefühl, eine Stimmung heranzuschreiben, als dass man eine Geschichte erzählen muss. Selbst wenn man dies nie zu hundert Prozent erreichen kann. Anfangs erschien mir vieles auch zusammenhangslos, eher wie eine Sammlung aus Eindrücken, Fragmenten, all sowas. Ich fange aber eigentlich immer mit dem Songtitel an, mache ein Handydokument auf und packe die Dinge, die ich irgendwo aufschnappe, halt unter irgendeine Überschrift, bis es sich meistens hoffentlich zu irgendetwas Sinnvollem verdichtet. Vielleicht ist das ein Impuls, gegenteilig einer KI zu handeln. Da müsste ich mal drüber nachdenken.
„Beest“ hat eine angenehm beruhigende Atmosphäre, wie kann man sich das vorstellen, wenn ihr als Band im Proberaum zusammenkommt? Emsige Arbeitsatmosphäre oder entspanntes Zusammensein?
Keine Ahnung, am Ende ist das einfach auch irgendwie ein Arbeitsplatz, das heißt es ist frei von jeder Inszenierung, was ich in der Regel als sehr angenehm empfinde, weil man sich ja sonst immer und überall irgendwie inszeniert, sei es auf Social Media oder auf der Bühne. Insofern ist es entspanntes Zusammensein, ja. Was den Arbeitsprozess selber angeht: auch da. Wir merken meistens sehr schnell, wenn sich ein Stück zu sehr querstellt oder irgendwie verkopft oder verzahnt wirkt, und dann lassen wir halt die Finger davon und fangen etwas anderes an. Im kreativen Prozess streiten wir uns wenig bis nie, würde ich behaupten.

Wie ist es unter den aktuellen Bedingungen für eine Band eures Stadiums, Musik zu machen? Haben sich die Ziele angesichts von Kultursterben und Streaming verändert?
Uff, ja. Man versucht natürlich, nicht die ganze Zeit zu jammern, aber die Diskussion ist natürlich allgegenwärtig und für viele Dinge findet sich auch kaum eine Lösung. Es ist ja auch meistens sehr ambivalent. Die Plattformen sind erst mal sehr niedrigschwellig und wir haben sogar einen gewissen Spaß an Social Media, aber Algorithmen und Meta turnen natürlich total ab. Und in der Haut eines Liveclubs möchte ich auch nicht stecken. Ich bin wirklich dankbar, dass unsere Tour so viele Termine hat, weil ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.
Was versteht ihr atmosphärisch unter der Hamburger Szene, mit der man euch oft vergleicht?
Ich empfinde immer so etwas wie Szene, wenn ich das Haus verlasse und mich unter Leute mische, und habe auch das Gefühl, dass wieder mehr genetzwerkt und sich solidarisiert wird. Das ist immer ein schönes Gefühl, wenn man sich gegenseitig irgendwie beflügelt, denn die Branche selbst ist ja relativ fantasielos. Ich finde, man braucht regelmäßig seine Erfrischung. Das ist doch ein total menschliches Bedürfnis.
Unterm Strich ist „Beest“ ein Plädoyer für Herz und Menschlichkeit und gegen eine gewisse Selbstgefälligkeit, oder?
Das ist bestimmt nicht ganz verkehrt, aber ein Plädoyer ist ja ein Schlussvortrag und das soll es sicher nicht sein, also kein Fazit. Es geht um das Fremdsein in der Welt und falls es so etwas wie eine Moral gibt, dann dass wir uns alle unsere Zuversicht bewahren sollten. Leuchtende Herzen und so.

top, danke für das album!