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Interview mit Grundeis zum ersten Album “Amygdala”

Auf ihrem Debütalbum “Amygdala” bekommt die Band GRUNDEIS eine gelungene Mischung aus Shoegaze, Post-Punk und Darkwave hin, die sofort aufhorchen lässt. Grund genug, um Gitarrist Nils, Gitarristin und Sängerin Laura und Tomas Rommel, zuständig für Schlagzeug und Elektronik, einige Fragen zu stellen.

Woher kennt ihr euch und wie kam es dazu, dass ihr gemeinsam als GRUNDEIS Musik macht?

Nils: Laura und ich wurden uns über einen gemeinsamen Bekannten vorgestellt, da er wusste, dass wir beide auf der Suche nach Mitmusikern waren. Unseren Schlagzeuger haben wir in einer Bar angesprochen und Tobi kannte ich von seiner anderen Band UNHAPPYBIRTHDAY. Die habe ich vor zwei Jahren als Fahrer auf Tour unterstützt.

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GRUNDEIS 2021, Foto by Florian Cornehl

Wenn ich das richtig recherchiert habe, dann habt ihr erst zu dritt losgeht. Was hat das Aufstocken des Line-ups verändert?

Laura: Ich bin in Hamburg erst eine Zeit lang alleine mit E-Gitarre und Gesang aufgetreten, wollte aber immer eine vollständige Band haben. Ich habe immer wieder mit verschiedenen Menschen Musik gemacht, aber erst mit Nils wurde daraus etwas Langfristiges, nachdem wir uns Anfang 2017 kennengelernt hatten. Es gab dann noch ein paar Wechsel an Bass und Schlagzeug bis wir Anfang 2018 Bommel kennenlernten. Tobi kam als Letztes dazu. Wir hatten aber keine Phase, in der wir nur zu dritt Musik gemacht haben. Wir waren im Proberaum immer vollständig an allen Instrumenten aufgestellt.

Die Amygdala nennt man auch die Alarmglocke des Gehirns, sie steuert Angstreaktionen. In welchem Zusammenhang steht das mit eurer Musik?

Laura: Ich habe nach einem Wort gesucht, das die Emotionen und die Quelle für die Entstehung der Songs am besten trifft. Eine unüberwindbare Angst, ein Zurückfallen auf ein erlebtes Trauma, was nicht verarbeitet werden konnte, eine Verzweiflung, eine Reaktion des Gehirns, die sich rational nicht begreifen oder abwenden lässt, den Geist verblendet, und das Dasein vollständig zerrüttet.

GRUNDEIS ist ein grandioser Bandname für eine Band mit eurem Sound. Es wächst meist inmitten von fließendem Gewässer und kann sehr schön aussehen. Aber im Prinzip ist es Kälte, die mitten in der Bewegung entsteht, also auch eine Metapher zu bspw. sozialer Kälte oder eben dann wieder für die Schönheit der Isolation und Andersartigkeit… da gibt es sehr viele Interpretationsmöglichkeiten, was ist eure?

Laura: Mir fiel der Name auf einmal ein, ohne dass ich ihn vorher bewusst schon einmal gehört hatte oder wusste, welches natürliche Phänomen dahinter steckte. Das am Grunde versteckte Eis, nicht gleich zu erkennen, darüber der fließende Strom, der unbeirrt seinen Bahnen folgt. Mich hat das sehr berührt. Auch wir machen trotz all der durchlebten Kälte, trotz der immer währenden Eisschicht, die kaum mehr zu schmelzen vermag, immer weiter und schöpfen unsere Energien aus einer weit entfernten Quelle. Sind die Quelle selbst, tragen sie in uns, auch wenn ein Teil von ihr zu Eis erstarrt.

Je öfter ich euer Album gehört habe, umso deutlicher fiel mir auf, dass ihr bemerkenswert viele Details versteckt habt. Wie geht ihr beim Songwriting vor, gibt es erst eine Basis, die dann später ausformuliert wird?

Nils: Meist haben wir zuerst ein Thema, das kann ein Riff, eine Melodie oder auch ein Drumbeat sein. Darauf steigen dann alle ein und wenn der Funke auf die anderen überspringt, dann arbeiten wir intensiver an dem Song. Teilweise reichen ein paar Wiederholungen und das Ding steht. Geht es ins Detail, kann das auch mal anstrengend oder zermürbend werden. Alle sind gleichberechtigt und das eigene Geltungsbedürfnis der Songdienlichkeit unterzuordnen, ist nicht immer leicht. Daher auch die ganzen Details bzw. die Dichte der Songs; keiner von uns mag es länger nicht zu spielen.

Laura: Mittlerweile gehen wir da aber behutsamer mit uns und dem jeweiligen Song um und haben uns so aufeinander eingestellt, dass der Song als solcher, der Vibe, die Vision immer wichtiger ist als die eigenen Egos.

Tomas: Feinere Sounddetails haben wir gemeinsam mit und durch unseren wohlwollenden Klangaufnahmebeauftragten Hauke Albrecht in Szene setzen können. Gerade Stimmstaffelung und getimtes Layering von Overdubs war dann noch eine empfindliche Aufgabe, welche wir gemeinsam mit Geduld und Fleiß erarbeitet haben.

Habt ihr das Album live aufgenommen?

Laura: Wir haben die Instrumentale live so ziemlich alle an einem Abend im Studio eingespielt. Darauf folgte allerdings noch ein längerer Prozess, in dem wir Gesang, Overdubs und teilweise noch weiteres Arrangement aufgenommen haben. “Break” habe ich nochmal komplett umgeschmissen, was Gesangsmelodie und Text anging. Auch “Bleed” ist in der Version erst spontan während der ersten Tage im Studio entstanden.

Nils: Ich glaube Run ist der einzige Song auf dem Album, der nicht gleichzeitig live eingespielt werden konnte, da der Song erst entstanden ist als wir mit den Aufnahmen fertig waren und wir kein Budget hatten nochmal einen großen Aufnahmeraum anzumieten. Wir wollten ihn aber unbedingt noch mit auf dem Album haben.

Wer hat das Artwork gemacht? Es zeigt aus meiner Sicht eine dunkle Person in unserem Inneren, die aber auch lediglich eine Projektion von außen sein könnte. Der Kopf ist nicht mehr vollends vorhanden und geht schon teilweise in das über, was uns umgibt.

Nils: Ich gehe bei Artworks eher intuitiv vor, als mir vorher ein überlegtes Ziel zu setzen. Im Grunde ist es ein Foto einer Statue, welches ich mehrmals manipuliert habe. Klar habe ich versucht ästhetisch einen Bogen zur Musik zu schaffen. Wenn solche Interpretationen die Folge sind, scheint das ja ganz gut funktioniert zu haben.

“Never Got Away” befasst sich mit der Endlichkeit. Welche Gedanken macht ihr euch dazu, glaubt ihr an Wiedergeburt oder das Totenreich?

Laura: “Never Got Away” steht dafür, im Zeichen des Todes, der Endlichkeit, bewusst zu leben und das Leben dahingehend vollends auszukosten und einzuatmen, etwas zu erschaffen, Verbindungen zu Menschen oder für sich selbst etwas, wovon auch nach dem Tod noch etwas verweilt und sogar eine Unendlichkeit erreichen kann dadurch, dass es von anderen am Leben erhalten wird, andere Menschen es in sich tragen und weitertragen. An Wiedergeburt glaube ich nicht. Welche Verbindungen zu Verstorbenen in verschiedensten Formen möglich sind bleibt für mich rätselhaft.

“Vex” ist einer meiner Highlights auf dem Album, was hat euch zu diesem Text inspiriert?

Laura: Es geht um ein Machtspiel zwischen zwei Personen, das sich verschiebt, in sich verschmilzt und wieder auseinander bricht. Darum, dem Gegenüber klarzumachen, dass einem dessen Bedrohlichkeit oder Gefährlichkeit bewusst ist, trotzdem einen Reiz darin findet und sich fallen lässt.

Tomas: So ausgesprochen klingt das schon nach einem ungesunden Sub-Dom-Verhältnis, oder?

Gerade im Gothic-Bereich habe ich die beeindruckendsten Shows gesehen, wie setzt ihr eure Musik live in Szene, worauf legt ihr Wert?

Laura: Ich fühle mich auf der Bühne sehr natürlich und kann dem, was ich als meine wahre Form verstehe, Ausdruck verleihen. Im Alltag ist das in der Umwelt und Gesellschaft nicht immer so leicht und frei umzusetzen für mich. Da ziehe ich mich sehr stark zurück und habe Sozialphobien. Bei den Auftritten legt sich bei mir ein Schalter um. Uns geht es um die Musik und alles andere an Performance passiert einfach ganz von alleine und trägt die Impulse nach außen, wie wir uns in den Songs verlieren. Uns ist wichtig, uns dem Publikum gegenüber durch die Musik emotional öffnen zu können und so eine Verbindung zu schaffen.

Tomas: Sehe ich ähnlich, denn der klassische Showanspruch im dekorativen Sinne hat bei uns bisher keine tragende Rolle gespielt. Wir haben jetzt keine spezial angefertigte Kulisse oder eingeübte Choreografie. Das war bisher mit einem dunklen Raum und einem wohlgesonnenen Lichtmeister auch schon ein schönes Erlebnis. Da wir uns aber auch in Bewegung befinden, kann es ja sein, dass sich uns da Möglichkeiten bieten zukünftig auch plastisch einen Wirkungsraum zu schaffen.

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