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Interview mit Humans As Ornaments zu „Flowers On Display“

Disharmonie ist ein Begriff, der mir mit HUMANS AS ORNAMENTS häufig in den Sinn kommt – eure Musik und auch die unterschiedlichen Gesangsarten weisen eine starke gegensätzliche Polarität auf. Das macht es für mich aus – aber wie kommt es dazu? Euer Blick auf die Welt und Umstände?

Dennis: Voll spannend! Ich glaube, da kommt vieles zusammen: Zum einen sind wir beide sehr neugierig und affin für verschiedenste Musik und Lebensgefühle. Trotzdem fühlen wir uns in keiner Nische so richtig zu Hause – und das gar nicht im schlechten Sinn; daraus entsteht für uns ein starker Drang, etwas Eigenes zu schaffen, was wir so noch nicht kennen. Außerdem sind wir fasziniert von Gegensätzen und Kontrasten. Dinge nebeneinander zu platzieren, die eigentlich nicht zusammengehören, löst oft die spannendsten Emotionen aus. Danach sehnen wir uns.

Dave: Das hat für mich, denke ich, zwei Gründe. Einerseits versuchen wir, uns im Songwriting lange zu pushen und weitere Facetten eines Songs herauszuarbeiten. Andererseits hören wir selbst sehr unterschiedliche Musik, wodurch wahrscheinlich viele unterschiedliche Referenzen in uns präsent sind. Irgendwie kommen diese Songs dann dabei heraus.

Was mir an euch auch gefällt, ist diese Unvorhersehbarkeit – ich liebe es, wenn „Look At Me“ einen komplett anderen Pfad einschlägt. Aber wie schreibt ihr eure Songs, wie entstehen sie, wie bewahrt ihr euch diese Offenheit beim Songwriting?

Dennis: Der Kampf gegen die Langeweile ist ein starker Katalysator.

Dave: Voll schön, dass das mit dir connected! Der Prozess ist jedes Mal ein bisschen anders, aber oft entsteht die Grundidee des Songs über einen Jam bzw. einen gemeinsam geschriebenen Part, den wir danach dann mega oft editieren, haha. Bei „Look At Me“ hatten wir zuerst den Endteil – also die Stelle, wo auch „Look At Me“ gerufen wird. Und dann war es ein langes Hin und Her, bis wir beide das Gefühl hatten: Yes, das ist es. Generell ist es eher so, dass wir beide immer zu viele Ideen für einen Song haben und dann ganz viel wegschmeißen, um den roten Faden beizubehalten. Und wegen der Offenheit – ich weiß gar nicht, ob wir uns die wirklich bewahren. Für mich fühlt es sich so an, als wäre die Offenheit einfach das, was dabei rauskommt, wenn wir jeden Song bis zu Ende gehen.

„Waiting For Days“ befasst sich mit der Überforderung mit dem modernen Alltag, den ich als immer mehr fremdgesteuert empfinde – man wird gejagt von Meldungen, Fetzen und Impulsen. Was genau meint ihr damit und was sind eure Taktiken, um diesen Kreislauf zu unterbrechen?

Dennis: In „Waiting For Days“ geht es uns genau um diese Frage: Was sind meine Bedürfnisse – und wie viele von ihnen kommen aus dem digitalen Leben? Jeder von uns ist auf die ein oder andere Weise ein Dopamin-Junky der digitalen Sphäre – oder mindestens anfällig dafür. Das wissen Tech-Unternehmen und Marketing-Gurus gezielt auszunutzen, weshalb wir immer mehr Screentime haben und unsere Zeit online verbringen. Doch was macht das mit unseren Bedürfnissen? Wer sind wir? Was bleibt auf der Strecke? Diese Fragen stecken alle irgendwie in „Waiting For Days“.

Ich glaube, es ist schwer, universelle Strategien zu nennen – deswegen spreche ich mal für mich: Musik machen hilft. Zeit mit Freundinnen und Freunden in geilen Cafés und Bars verbringen ist super. Und das digitale Leben stärker als Raum der Kuration wahrzunehmen: Dinge sind nicht so, wie sie auf Social Media scheinen. Das muss man lernen. Und nicht alles, was Spaß macht, ist gut für dich.

Dave: In dem Song ging es uns darum, das Gefühl festzuhalten, dass man gar nicht mehr so richtig weiß, was die eigenen Gefühle und Bedürfnisse sind, weil man ständig vor irgendwelchen Bildschirmen hängt. Also eigentlich genau das, was du beschreibst. Es geht dabei um Frust und auch Sehnsucht nach einem anderen Zustand, in dem wir uns im Alltag nicht so fremdkontrolliert fühlen. Ich glaube, die Idee dafür kam auf, weil wir irgendwann mal realisiert haben, dass wir selbst beim Musikmachen so reflexartig am Handy sind. Wenn man selbst bei einer Sache, die man komplett aus Leidenschaft tut, am Handy hängt – ist irgendwas nicht richtig.

Unabhängig von der Situation ist das für mich auch immer wieder aufs Neue schwierig, im Alltag zu organisieren. Ich benutze schon Block-Apps und habe Zeiten am Tag ohne Handy, aber ich muss mich aktiv daran erinnern, mit Aufmerksamkeit und Präsenz durch meinen Tag zu gehen – und das klappt eben mal besser und mal schlechter.

Euer Bandname spielt da auch super rein – wenn Menschen scheinbar nur Staffage sind, um Konsum und Kapitalismus anzutreiben. War der Bandname schnell da, und was verbindet ihr darüber hinaus damit?

Dennis: Schöne Interpretation. Tatsächlich habe ich den Bandnamen bisher immer deutlich positiver verstanden. Mensch sein ist vielfältig – zwischeneinander und jedes Leben für sich. Darin gibt es so viel zu entdecken und so viele Schattierungen – wie in Verzierungen bzw. Ornamenten.

Dave: Oh, coole Interpretation! Der Name kommt von einer Textzeile von The Mars Volta, einer unserer Lieblingsbands. Deswegen hat er für mich gar nicht so eine übergeordnete Bedeutung, weil er für mich einfach cool klingt und ein schönes Bild aufmacht.
Ich glaube, für mich repräsentiert er aber wegen der Verbindung zu The Mars Volta eine Art, Musik zu machen, die versucht, Grenzen zu verschieben – und wirklich seinen eigenen Weg zu gehen. Das klingt ein bisschen kitschig, aber diese Energie liebe ich an The Mars Volta bis heute.

Wer genau hinhört, wird merken, dass ihr die Standardinstrumentierung sprengt. Welche Instrumente und Effekte kommen zum Einsatz – und habt ihr da beide eine ähnliche Begeisterung für sowas?

Dennis: Ja voll, da ist einiges dabei. Ganz einfach gesprochen haben wir ein paar Signature Moves, die sich durch die meisten Songs ziehen: Die Instrumente – Gitarre mit Basssaite, Drums, Synths. Die Effekte: einmal alles, bitte.

Dave: Ja, wir beide sind riesige Production-Nerds, haha. Sounds, Effekte, unterschiedliche Instrumente, Layering – finden wir alles mega geil und unterhalten uns auch total oft darüber. Ich glaube, das hat während Corona so richtig doll angefangen, als für uns vieles auf den Laptop geswitcht ist. Aber aus meiner Sicht gibt das unserer Musik total viel.

Seid ihr mit der Unterstützung für Bands eurer Größe zufrieden – und falls nein, was würdet ihr euch konkret wünschen?

Dennis: Von staatlicher Seite aus bin ich eher zufrieden. Da gibt es einige coole Förderungen. Veranstaltungsorte haben es da z. B. schwerer. An die Musikindustrie habe ich aktuell keine großen Erwartungen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, fallen mir drei Baustellen ein: Mein Gefühl ist, dass der Underground gerade nicht so aktiv von jungen Menschen gefördert wird. Das finde ich schade. Bitte mehr auf kleine Shows und Kulturveranstaltungen gehen! Der Musikjournalismus verkommt immer häufiger zum Trendopfer und copy-pasted das Presskit – das war mal anders. Wir brauchen mehr Kuratorinnen und Kuratoren mit Haltung. Häufig gilt das Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Das könnte besser sein.

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Video Stil Pic by Jonas Mantay

Dave: Jain… Ich glaube, es geht eigentlich viel mehr darum, die Orte zu erhalten und zu unterstützen, an denen Musik stattfinden und Bands bzw. Szenen entstehen können. Das ist wichtig, weil auch heute noch Dinge, die irgendwann popkulturell relevant werden, aus subkulturellen Nischen kommen.

Gerade in der Politik fehlt uns diese Förderung für solche Räume – dazu gehören Veranstaltungsorte und auch Proberäume. Bands und Szenen entstehen ja nur an Orten, an denen es Equipment gibt, man laut sein darf und sich ausprobieren darf. Andernfalls sitzen alle nur noch alleine vor ihrem Laptop und werden Solokünstlerinnen und -künstler. Das ist eine krasse Vereinzelung, die man ja auch in den letzten Jahren total beobachten konnte. Und das sagen wir auch als Fans von „Laptop-Musik“.

Wie geht ihr bei Konzerten vor – ist es schwierig, alles mit vier Händen und vier Füßen auf die Bühne zu bringen?

Dennis: Ja.

Dave: Da kann ich Dennis nur zustimmen – ja, haha. Wir begrenzen es mittlerweile und haben auch hier und da Playback am Start, um die ganzen Ebenen der Songs abzudecken, aber ich glaube, wir mögen es beide irgendwie ganz gern, an der Grenze des Möglichen live zu spielen.

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