Interview mit Jools zum Album „Violent Delights“
Wie schon erwähnt, sind viele eurer Songs sehr lyrisch, und ihr geht oft sehr ins Detail, wenn ihr eure Themen behandelt. Ich habe das Gefühl, dass ihr eurem Publikum zutraut, sich auf diese Tiefe einzulassen. Es scheint euch wichtig zu sein, dass eure Texte konzeptuell stimmig und bedeutungsvoll sind – auch wenn das vielleicht manchmal dazu führt, dass sie nicht sofort eingängig sind.

Kate: Ich denke schon. Mitch und ich haben definitiv unterschiedliche Herangehensweisen beim Schreiben von Songtexten, aber für uns war das immer sehr wichtig. Wenn man sich mit den Themen beschäftigt, mit denen wir uns beschäftigen, wollen wir uns sehr, sehr klar ausdrücken.
Und manchmal bedeutet das, dass es viele Lyrics gibt oder die Songs eben sehr wortreich sind, weil wir die Themen mit Respekt behandeln und unsere Botschaft oder Emotionen ganz klar auf dem Album rüberbringen wollen.
Man vergleicht eure Musik mit Bands wie IDLES, SHAME oder THE MURDER CAPlTAL verglichen wird. Ich finde, das ist ein großer Unterschied – diese Bands halten es oft eher leicht verständlich, während ihr genau das Gegenteil macht: Ihr geht so tief wie möglich.
Kate: Ja, wir sind definitiv von diesen Bands inspiriert, keine Frage. Vielleicht kommt der Vergleich eher durch den Gesangsstil zustande, aber ja, ich stimme dir zu – unsere Songs sind ziemlich anders.
Du hast den Gesangsstil gerade erwähnt. Du teilst dir den Lead-Gesang mit Mitch. Singt ihr jeweils nur eure eigenen Parts oder wechselt ihr auch mal?
Kate: Wir wechseln manchmal. Es gibt Songs auf dem Album, bei denen Mitch die meisten Lyrics geschrieben hat, aber ich übernehme bestimmte Parts, und umgekehrt. Sobald ein Song geschrieben ist, setzen wir uns zusammen hin, probieren verschiedene Dinge aus und entscheiden dann gemeinsam, welche Stimme am besten zu welchem Teil passt. Manchmal singe ich die Refrains, manchmal Mitch, manchmal auch Callum, unser Gitarrist. Wir sind da nicht besonders eigensinnig, uns geht’s darum, wer den Part am besten rüberbringen kann.
Vielleicht können wir über ein paar Songs im Detail sprechen. Zum Beispiel „Mother Monica“ – inspiriert von einem Gebet des heiligen Augustinus, in dem er Gott bittet, ihn „gut“ zu machen. Eure Definition von „gut“ ist sicherlich eine andere, nicht religiös geprägt. Was bedeutet „gut“ für dich?
Kate: Oh, das ist eine gute Frage. Ich denke, für mich bedeutet gut sein, freundlich zu anderen Menschen zu sein, respektvoll mit anderen und mit der Welt umzugehen. Aber das war nicht die Definition von „gut“, mit der ich aufgewachsen bin – ich bin katholisch aufgewachsen. Der Song entstand aus einem Gespräch mit Chris, als wir in Dublin im Urlaub waren. Wir haben über unsere katholische Erziehung gesprochen und wie sie uns geprägt hat. Ich glaube nicht, dass die katholische Kirche es „gut“ finden würde, wenn ich halbnackt auf der Bühne herumspringe, aber für mich ist das genau das: gut.
Ich habe aber nicht den Eindruck, dass ihr Religion oder Glauben an sich kritisiert, sondern eher Machtmissbrauch oder Unterdrückung individueller Freiheit. Ist das richtig?
Kate: Genau. Wir kritisieren Religion überhaupt nicht. Der Song ist auch ein bisschen augenzwinkernd gemeint. Es geht eher darum, beide Seiten ein bisschen auf die Schippe zu nehmen, auch unsere eigene Vorstellung davon, was „gut“ bedeutet.
Wir haben auch schon über „97%“ gesprochen – ein Song über die Tatsache, dass bei Frauenmorden oft als erstes über ihr Aussehen gesprochen wird. So als ob es normal sei, jemanden umzubringen, weil sie „zu freizügig“ gekleidet war oder eine Einladung zu sexueller Belästigung darstellte. Wer hat diesen Song geschrieben?
Kate: Mitch und ich haben ihn gemeinsam geschrieben. Der Song basiert auf meinen eigenen Erfahrungen – oder besser gesagt, auf vielen Erfahrungen. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich extrem entmutigt und deprimiert fühlte, wie Frauen im UK behandelt wurden – und immer noch werden. Die Zahl 97% bezieht sich auf eine Statistik, nach der 97% der Frauen unter 25 in Großbritannien sexuell belästigt wurden. Ich finde diese Zahl fast lächerlich – es sind 100%. Jede Frau, die ich kenne, hat so etwas erlebt.
Und trotzdem kennt angeblich kein Mann irgendwelche Täter. Nur weil man selbst niemanden belästigt, heißt das nicht, dass man keine Verantwortung trägt. Es reicht nicht, einfach „kein schlechter Typ“ zu sein – Männer müssen aktiv werden, Freunde zur Rede stellen, Frauen unterstützen. Das ist kein Kampf, den Frauen allein führen sollten.
Sie kämpfen quasi immer noch um die lumpigen 3%. Aber ich denke, diese 97% sind eine internationale Realität. Es gibt kaum Frauen, die sowas noch nie erlebt haben. Umso wichtiger, dass Mitch auch an dem Song mitgewirkt hat.
Kate: Genau. Ich weiß, dass unser Publikum größtenteils männlich ist, generell auch bei dieser Musikrichtung. Ich habe eine kleine Plattform, und es ist meine Pflicht, diese Themen anzusprechen. Deshalb erzähle ich auch vor dem Song immer, worum es geht – es ist ein Appell an alle, die uns live sehen: Hört genau hin und nehmt etwas mit.
Ist es dir wichtig, dass die Leute wirklich verstehen, worum es in euren Songs geht?
Kate: Ja, absolut. Ich denke, bei dem Song ist das sehr klar, auch durch das Video. Und auch durch die Reaktionen nach den Shows – die Gespräche, die ich mit Frauen und Männern führe – merke ich, dass dieses Thema wirklich jeden betrifft.
Ihr habt jetzt gerade schon zwei Shows in Deutschland gespielt, wie war das?
Kate: Genau. Hamburg am Samstag und Berlin gestern Abend. Es war wirklich unglaublich. Wir lieben es hier. Das Publikum in Deutschland ist so offen und herzlich. Es ist unsere erste richtige Tour durch Europa und auch die ersten Headliner-Shows in Deutschland. Es fühlt sich an wie ein Traum. Jetzt fahren wir gerade nach Köln – zum allerersten Mal, was auch sehr aufregend ist.
Stimmt es, dass Touren in Deutschland für britische Bands durch den Brexit viel teurer geworden sind?
Kate: Ja, definitiv. Wir sind zu sechst in der Band, dazu noch ein Crew-Mitglied und unser ganzes Equipment – da braucht man schon einen großen Van. Miete, Sprit, Fähre, Zoll usw. – das ist alles sehr teuer. Aber es lohnt sich.
Hoffentlich! Ich würde auch gern über den Song „FKA“ sprechen. Ihr erwähnt viele inspirierende Persönlichkeiten – und dass man sich nicht dafür schämen sollte, sich weiblich zu kleiden. PRINCE wird besonders oft genannt, was hat euch an ihm besonders inspiriert?
Kate: Prince ist auch der Grund, warum der Song „FKA“ heißt. Als er Streit mit seinem Label hatte, hat er seinen Namen zu einem Symbol geändert, er wurde „The Artist Formerly Known As Prince“. Daher der Titel. Er hat uns sehr inspiriert – musikalisch, stilistisch, aber auch weil er so authentisch gelebt hat. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter als ich klein war PRINCE hörte, tanzte, sang, das hat mir Musik nähergebracht. Und die Liebe zu auffälligen Outfits und extravaganten Bühnenshows stammt auch von da.
