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Interview mit Manfred Groove zum Album “Hinter der Tapete”


Mit “Hinter der Tapete” veröffentlicht das deutsche Hip-Hop-Duo MANFRED GROOVE ein Album, das sich wie frischer Wind anhört und trotzdem vertraut wirkt. Selbstbewusst und eigenmächtig zu Außenseitern der Szene ernannt, konzentrieren sich Milf Anderson (Rap) und YellowCookies (Beats) auf smarten Wortwitz statt brachialen Allmachtsfantasien. Dieser lebt von unterschiedlichen, stilistischen Einflüssen und dem Flow der Neunzigerjahre und hat kein Autotune nötig, um fresh zu klingen und Hüften zum Schwingen zu bringen. Der Rapper, Comedyautor und Labelbetreiber Milf Anderson gewährt uns einen kleinen Blick hinter seine musikalische Tapete.

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“Mit der Zeit ist das so weit gewachsen, dass es in meinem Kopf “Manni-Vokabeln” und “Nicht-Manni-Vokabeln” gibt.”

MANFRED GROOVE ist ja sowas, wie euer Alter Ego. Aber kannst Du Dich daran erinnern, wann Du selbst zum ersten Mal – wahrscheinlich als Kind – den Groove gespürt hast?

Ich komme aus einer notorisch ungroovigen Familie – Musik war bei uns zwar immer präsent, aber selten eben diejenige mit Groove. Daher waren die ersten Male, als ich Groove gespürt habe in den frühen Neunzigern, als ich das erste Mal mit Hip-Hop in Berührung gekommen bin… oder zumindest nehme ich das im Rückblick so wahr. Und das war schon so eine Art Erweckungserlebnis für so ein Kind vom Dorf, das auf den Dorffesten eigentlich immer nur von Schlagermucke umgeben war. Plötzlich war da etwas Neues in Musik. Wahrscheinlich war’s Groove…

Du spielt auf “Hinter der Tapete” selbst darauf an, dass es unterschiedliche Definitionen von Hip Hop gibt, was hat Dich daran fasziniert und was bedeutet es für Dich?

Hip-Hop ist für mich in erster Linie eine Ausdrucks- und Kunstform. Ich war immer davon fasziniert, dass Hip-Hop die Musikrichtung ist, die schlicht am meisten Text hat. In keiner anderen Musikrichtung nimmt der Textanteil einen so großen Raum ein – folglich war es mir immer wichtig, diese Möglichkeit zu nutzen… wie auch immer das dann im Einzelfall aussah. Ich glaube, mit unserem 1000-Bars-Track “Von Nichts”, ein 46-minütiger Monolog über Nichts, haben wir dann diesen Umstand zugespitzt.

Wie hoch ist die Gefahr zu viele Worte zu verlieren, wie intensiv beschäftigst Du Dich mit den Texten?

Ich beschäftige mich intensiv mit meinen Texten und lege da großen Wert drauf. Als wir MANFRED GROOVE gegründet haben, haben wir uns viele Gedanken über das Sprachsystem von Manfred gemacht. Da ich auch mehrere andere Musik-Projekte habe, wollte ich eine ganz eigene Sprache finden, in der ein Nietzsche-Zitat gleichberechtigt neben einem Pimmelwitz stehen kann – das ganze möglichst unpathetisch und voller Brechungen, Abschweifungen und Unklarheiten. Mit der Zeit ist das so weit gewachsen, dass es in meinem Kopf “Manni-Vokabeln” und “Nicht-Manni-Vokabeln” gibt.

“Hinter der Tapete”, so lautet der Titel des aktuellen Album. Hinter welche Tapete schaust Du häufiger und lieber, Deine eigene oder die von anderen?

Am Ende der Kette steht immer meine eigene. Die Sache mit der Tapete ist auch bewusst ein bisschen mehrdeutig gehalten. Für mich spiegelt es die Situation, in der ich an meinem Schreibtisch sitze und ein Album schreibe – und immer, wenn ich nachdenke, schaue ich an die Tapete an der Wand und weiß, dass direkt dahinter, also hinter Tapete und Wand, eine Welt beginnt. Die sehe ich aber nicht – die kann ich mir in dem Moment nur zusammenphantasieren. Und das ist dieser Zwiespalt zwischen Realität und Fantasie beim Schreiben, der mich fasziniert. Am Ende sieht man in der Tapete doch meistens nur das Bild, das mein eigener Kopf mich da sehen lässt…

Das Album ist sehr vielfältig, genau das macht daran so Spaß. Beeinflusst der Text den Sound oder umgekehrt?

Erstmal: Danke, freut mich. Bei uns ist das so eine Wechselwirkung. Im Normalfall kriege ich von YellowCookies eine Beatskizze und schreibe da was drauf. Dann gehen wir ins Studio und nehmen das auf – und dann sind der Beat und der Text quasi freigegeben für Veränderungen. Und manchmal kommt dann etwas ganz anderes raus als die Skizze mal war. Bei “Ein Haus in den Bäumen” gab es zum Beispiel ungefähr zehn Versionen – bei “DreiZwoDreiZwo” hat sich quasi gar nichts mehr verändert.

Um beim Sound zu bleiben, er lässt auf einen guten und breit gefächerten Musikgeschmack schließen. Wie oft hörst Du Musik, auf welchem Wege und was muss ein Song haben, um Dich zu begeistern? Nimmst Du Musik überhaupt in Genres unterteilt wahr?

Nun, ich bin ja auch noch Label-Typ, ich betreibe ein kleines Label namens Rummelplatzmusik. Von daher muss ich Musik oft sehr rational anhören und auf Mix, Master und Intro-Längen achten – aber auch auf Genres. Das entzaubert leider manchmal das Musikerlebnis. Ich persönlich versuche mich von Genres nicht allzu sehr verwirren bzw. vorprägen zu lassen. Aber manchmal ists schon hilfreich.

Bei YellowCookies ist das anders. Der feiert Musik und hört auch extrem viel Musik, eigentlich den ganzen Tag. Yellow hört und macht Musik mit einer ausnehmenden Begeisterung und Hingabe für Kick und Snare – und das macht ihn auch zu einem so guten Produzenten, wie ich finde.

Was ein Song haben muss, um mich persönlich zu begeistern, ist schwer zu sagen – wenn mich etwas daran überrascht, ist das schonmal sehr gut. Also ich bin allem, was ich nicht schon acht Mal gehört habe, erstmal positiv gegenüber eingestellt.

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