The Hirsch Effekt Teaser

Interview mit Nils von The Hirsch Effekt zum Album “Kollaps”

Der Song “Noja” wirkt erst beruhigend. Man neigt dazu, euch wirklich abzukaufen, dass alles nicht so schlimm ist. Bis der Vocoder mit dem Wort “Fantasie” in den Rappart mündet. Ein schönes Stilmittel um diese Überheblichkeit darzustellen, dass viele einfach “ihr Leben leben wollen, scheißegal, was mit den anderen ist”.

Vielen haben das falsch verstanden und gesagt, dass sie der Rappart total irritiert. Natürlich, soll es ja auch! Und ich war überrascht, dass selbst Leute, die uns schon lange verfolgen, es als so krassen Bruch empfinden, der über die Ironie hinausgeht.

Gleich danach kommt dieses funkige “Du Du”, als ob sich alle gegenseitig die Schuld zuweisen.

(lacht) Nein, das stimmt jetzt wieder nicht. Das ist einfach nur eine Silbe (lacht), ich hätte auch ‘Ah’ sagen können.

Es gibt Leute, die alles bewusst ignorieren und die, die es ignorieren, weil sie einfach damit überfordert sind. Also intellektuell, inhaltlich oder emotional hast Du dafür Verständnis?

Es ist nicht meine Intention mich als den Schiedsrichter hinzustellen und zu sagen, wer es falsch macht und wer es richtig macht. Wir nehmen eine Perspektive ein, in dem Fall die dieser Bewegung. Zum Teil spreche ich mich auch selbst und mein eigenes Verhalten damit an. Man entwickelt ein Verständnis für seine eigene Dekadenz. Mit 18 oder 19 wäre ich da sicher auch mitgelaufen und ich habe mich schon gefragt, was in der Zwischenzeit passiert ist, dass mir so vieles egal geworden ist. Da habe ich schon eine Antwort darauf gefunden.

Wenn jemand aus Angst, Unbeholfenheit oder Perspektivlosigkeit das ignoriert, habe ich Verständnis dafür. In dem Song geht es aber nicht um eine persönliche Idee, die ich hätte, wie man damit umgehen könnten. Aber ganz wichtig, ich will mich da nicht mit erhobenem Zeigefinger hinstellen. Natürlich klingt das in “Kollaps” so durch, darf es auch, aber auch ich bin Teil des Problems.

Wie geht man aus Sicht der Band damit um?

Wir haben längst nicht alle Antworten darauf. Wir haben bisher bei der Shirtproduktion auf alles geschissen, haben das Billigste genommen, was wir kriegen konnten, um auch irgendwie damit Kohle zu machen. Bei “Kollaps” wollten wir das ändern und haben nur Shirts, die ökologisch verträglich hergestellt wurden, dieses Fairwair-Siegel haben und dafür schlagen wir einige Euros drauf. Wir hoffen, dass die Leute das trotzdem kaufen und ich denke, es funktioniert auch. Die nächste Frage ist, ob man überhaupt neue Shirts verkaufen muss. Es geht mir so und anderen Leuten, die in Bands sind, sicher auch, dass man sich immer freut, wenn es ein neues Shirt gibt und man dann jeweils eines haben will. Ich will keine neuen HIRSCH-EFFEKT-Shirts mehr haben, mein Schrank ist voll davon und ich brauche es einfach nicht und kann es auch nicht mehr sehen. Der Plan ist also, dass wir Shirts zu einem günstigeren Preis anbieten, wenn man uns dafür ein altes Bandshirt gibt. Wir hoffen, dann also einen Bestand von gebrauchten Shirts zum Überdrucken zu haben. Wir drucken die zum Teil auch selbst, eine Beschäftigung, die sich aus der Coronakrise ergeben hat. Aber das gehört beispielsweise zu den Dingen, die man als Band machen kann.

Nils von THE HIRSCH EFFEKT
Nils von THE HIRSCH EFFEKT

Wie ist es bei euch mit den Touren an sich, ihr fahrt sicher nicht mit dem Zug?

(lacht) Nein, natürlich nicht. Ich glaube schon, dass wir in ein paar Jahren zurückschauen und uns wundern, dass wir tatsächlich mit dem Auto durch die Gegend gegurkt sind, um Konzerte zu spielen. Aber dann sagt man eben, ‘Das war dann damals so’ und irgendwie ist es auch so. Es gibt ja noch nicht für alles eine Lösung. Und so redet man sich das gerade noch so zurecht, dass man eben mit dem Verbrenner rumfahren muss, um Konzerte zu spielen. Keine Ahnung, ob man das irgendwann nicht mehr macht, weil es einfach zu klimaschädlich ist.

Wir haben noch nicht für alles die Lösung. Bei dem Autothema haben wir auch mal darüber nachgedacht, ob man mit einem Elektroauto die Tour bewerkstelligen könnte. Wir brauchen immer mindestens sieben Sitze und fahren aktuell mit einem Carsharing-Auto rum, mit einem Anhänger und kennen so ungefähr unsere Klimabilanz. Durch den Anhänger sind wir in der Geschwindigkeit begrenzt, macht auch schon was aus, aber ist natürlich auch nur ein kleines Stellrad, das man drehen kann. Ein Auto von Tesla, in das wir reinpassen, gibt es schon. Es gibt auch viele Ladestationen, sodass man die Tour so planen könnte, dass man in den Pausen das Auto aufladen kann. Aber das Auto kostet 100.000 Euro und gibt es bei unserem Carsharing-Anbieter nicht.

Selbst wenn wir das Geld hätten, würde es die meiste Zeit herumstehen und so ein Auto hat ja auch einen Klimaabdruck in der Herstellung. Also es ist nicht so, dass das nicht möglich wäre. Es gibt viele kritische Fans, die uns auch darauf ansprechen, weil sie uns bei den Demos von Fridays for Future gesehen haben. Darum geht es aber auch gar nicht. Ich bin nicht dagegen, wenn ein Polizist, ein Krankenwagenfahrer oder ein LKW-Fahrer, der Güter durch die Stadt bringt, einen Verbrennermotor nutzen. Es gibt Bereiche, da ist das aktuell nicht anders machbar und ergibt im Moment Sinn. Das heißt aber nicht, dass man nicht darüber nachdenken muss.

Es gibt auch Menschen, die auf dem Land wohnen und einfach keine Möglichkeit haben, außer im Individualverkehr das Auto zu benutzen.

Heißt die Antwort also Verzicht? Könntet ja auch einfach keine Tour mehr machen oder eben nicht nach Spanien in Urlaub fahren.

Nein. Manche Sachen gehen gerade gar nicht anders. Mir gefällt das Wort “Verzicht” überhaupt nicht. Es geht um Alternativen und nicht um Verzicht. Man muss es ja auch mal im Verhältnis sehen, wir sitzen ja zu sechst in dem Auto und so groß – ohne das jetzt herunterzuspielen – ist unser CO2-Abdruck dann auch nicht. Also nicht im Vergleich zu denen, die mit dem Auto zum Konzert fahren. Aber man kann versuchen Alternativen zu finden. Und ich will auch niemandem sagen, er soll nichts mehr von der Welt sehen dürfen und man kann ja auch in Deutschland schöne Ecken bereisen.

Da habe ich Dich mit diesem populistischen Triggerwort “Verzicht” jetzt aber sofort gekriegt. Genau das ist nämlich das Totschlagargument der Gegenseite. Verzichten triggert bei jedem die Einschränkung von Freiheit. In “Bilen” habt ihr euch ja auch nicht auf das Auto als Hasssymbol beschränkt, sondern die damit verbundenen Werte infrage gestellt.

Ja, ganz genau! Du hast es verstanden, bei YouTube habe ich gelesen, dass es manche nicht verstanden haben. Der Song sei ganz platte Kritik, was es aber gerade nicht ist. Auch ein Fahrrad ist ja Individualverkehr und es geht eindeutig um die Selbstverständlichkeit, die man hinterfragen muss. Da ich in der Stadt wohne, sehe ich das täglich. Ich komme mit dem Rad viel schneller voran und verstehe nicht, warum so viele auf das Auto zurückgreifen. Man braucht länger, verbraucht mehr Ressourcen und ist gestresster und am besten fährt man dann abends nochmal ins Fitnessstudio.

Die erste Umstellung bei mir war, dass ich mir eine Holzzahnbürste geholt habe.

Und hast Du das Gefühl, Du verzichtest auf etwas?

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.