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Interview mit Rodi und Marco von 100 Kilo Herz zu “Stadt Land Flucht”

“Stadt Land Flucht” empfinde ich als etwas düsterer, aber inhaltlich tiefgründiger und musikalisch gereifter. Wolltet ihr euch gezielt weiterentwickeln und habt an euch gearbeitet?

Rodi: Das war keine gezielte Entwicklung um der Entwicklung willen, das hat sich einfach so ergeben. Wir sind halt nicht mehr Anfang, Mitte 20, wir sehen die Welt, in der wir leben, mit reiferen Augen und die sieht an vielen Punkten nicht so gut aus. Und generell ist es meiner Meinung nach so, dass alle Menschen ständig an sich arbeiten (sollten). Auch ich versuche das und das ist verdammt schwer. No Future, Fuck Nazis und Love Beer macht als Teenager viel Spaß, strukturelle Probleme der Gesellschaft anzugehen bedeutet wesentlich mehr Arbeit, Differenzierung und Information. Das ist ein lebenslanger Lernprozess als Mensch und in unserem Fall spiegelt sich das in der Musik wider.

Punk wird vorgeworfen, immer die gleichen Themen zu beackern. Habt ihr den Eindruck, dass Lieder gegen Rechts irgendetwas bewirken oder erfreut man dadurch eher Gleichgesinnte und singt sich in erster Linie von seinem eigenen Frust frei?

Rodi: Das Lied selbst bewirkt oft nichts, außer die Frustbewältigung zu schaffen oder sich einfach nicht allein zu fühlen. Das sind aber Dinge die unglaublich wichtig sind und deshalb nicht verloren gehen dürfen.

Was wichtig ist, um etwas zu bewirken, sind die Sachen abseits der Musik. Privatgespräche, Interviews, Aktionen mit Initiativen. Für Themen sensibilisieren, vor allem auch an Stellen, an denen Menschen noch nicht so sensibilisiert sind oder noch nie einen Blick darauf geworfen haben.

Im Rahmen des Interviews für den Quarantänekalender habt ihr mir schon bisschen was über eure Situation während der Pandemie erzählt. Hat sich mittlerweile was geändert, mit was hat man sich arrangiert, was hat sich eventuell zum Guten verändert?

Marco: Wir haben den Stress der an dem Albumrelease hängt definitiv unterschätzt und sind jetzt eigentlich ganz froh darüber, dass wir diesen Sommer nicht so viele Konzerte spielen durften. Wäre der Festivalsommer normal verlaufen, hätte man uns sicherlich einliefern können. Und wir haben ja jetzt bereits zwei kleine Konzerte mit Abstandsregelungen spielen dürfen. Und auch das hat seinen Charme. Mal schauen, wie die beiden Release Konzerte funktionieren.

Die AfD scheint durch die Pandemie ziemlich abgemeldet zu sein, zumindest wird sie in den Medien weniger behandelt. Ich traue dem “Frieden” nicht, das Gedankengut ist weiterhin da. Was denkt ihr? Hat die Pandemie enttarnt, dass diese ausgrenzende Partei total unnötig ist?

Rodi: Diese Partei ist da und wird bleiben. Am Anfang der Coronazeit war es sehr still, mittlerweile kommen sie wieder. Sie brauchen die Punkte an denen sie ansetzen können, um laut “Merkel muss weg” zu rufen. Vorher war es die “Meinungsdiktatur”, mittlerweile ist es in deren Narrativ die “reale Diktatur”, gegen die sie auf die Straße gehen … was sie nicht könnten, wenn wir in einer Diktatur leben würden – aber wenn Argumente eine Rolle spielen würden, wären viele Diskussionen schon längst beendet.

Das Enttarnen hat wenig bis gar nichts bewirkt. Oft entlarven sich diese Menschen selbst, leider nur vor den Menschen, die das auch sehen wollen.

“Nur für eine Nacht” und “Sowas wie ein Testament” teilen sich die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Welche Vorstellungen habt ihr vom Tod und welche Ansprüche an das Leben?

Rodi: Meine Vorstellung vom Tod ist relativ simpel: es ist vorbei. Für mich gibt es kein danach, kein Paradies, keine Wiedergeburt. Demzufolge ist mein Anspruch an das Leben, so gut zu leben, wie ich kann, was in dem Zusammenhang bedeutet, so wenig Menschen wie möglich zu verletzen oder zu schaden.

Auf “Stadt Land Flucht” finden sich einige Utopien und irgendwie ist es seltsam, dass so wenige positive Suggestion nutzen. Ist die Punkszene aus eurer Sicht auch noch der geeignete Rahmen, um Utopien zu erfinden und umzusetzen? Kommerzialisierung ist auch hier kein Fremdwort mehr und “Gegen Nazis, Homophobie und Sexismus” häufig eine Art verbale Eintrittskarte ohne Substanz…

Rodi: Utopien sind ja ausschließlich positiv besetzt und deshalb den Kindern und Optimist*innen vorbehalten. Ich als Realist, manche Menschen würden sagen Pessimist, sehe viele Entwicklungen sehr kritisch, was sich dann eben in dystopischen Liedern wie “Wenn es brennt” niederschlägt.

Ich sehe den Kommerzialisierungsvorwurf hin und wieder kritisch. Du kannst laut gegen dieses System sein, Kapitalismus kritisieren, Rassismus anprangern und generell auf Missstände aufmerksam machen – trotzdem lebst du in diesem System und musst versuchen deinen Weg darin zu finden. Wir als Privatpersonen haben mit dieser Band noch nie Geld verdient. Bands, die aber den Weg gehen, sich darauf konzentrieren, würde ich nie kritisieren, solange ich ihnen die Überzeugung glaube.

Wenn du es als “Eintrittskarte ohne Substanz” benutzt, merken das die Menschen sicher irgendwann und dann ist der Ausflug wesentlich schneller vorbei, als er begonnen hat.

Was habt ihr für die nächsten Monate geplant, um “Stadt Land Flucht” vorzustellen, angesichts der anhaltenden Corona-Einschränkungen?

Marco: Wir haben tatsächlich nichts geplant. Wir schauen was kommt. Aber prinzipiell sind wie für vieles offen. Wir alle müssen mit der neuen Realität und den aktuellen Regeln klar kommen. Und wie ich schon sagte, auch die Konzerte mit Abstandsregeln haben ihren Charme.

Gibt es einen Song auf dem Album, der euch auffällig schwer oder leicht von der Hand gegangen ist?

Marco: Nö, das würde ich so nicht sagen. Irgendjemand kommt mit einer Idee in den Proberaum und dann beginnt die übliche Prozedur. Jeder will und soll auch seinen Input einbringen. Und diese ganzen Reibungen sorgen dann eben irgendwie dafür, dass am Ende Songs entstehen, die eben nach 100 Kilo Herz klingen. Ein besonderer Ritt war sicherlich “Wenn es brennt”, aber da kann Rodi mehr erzählen.

Rodi: Im Grunde gab es eine Diskussion über die Länge. Ich hatte noch wesentlich mehr Text für dieses Lied geschrieben, weil ich das Bild gern noch plastischer und greifbarer machen wollte, am Ende waren sich die anderen uneinig, ob das dem Lied gut tut. Da stand die Befürchtung im Raum, dass das Lied zu lang, zu wenig griffig und zu wenig fesseln ist, um bis zum Ende die Aufmerksamkeit zu halten, was natürlich nicht der Sinn gewesen wäre. Es erzählt eine Geschichte und da war die Angst, dass die Menschen die nicht bis zum Ende durchhalten.

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