THE SCREENSHOTS 2020 Teaser Foto von Frederike Wetzels

Interview mit The Screenshots zu “2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee”

Aber die Idee, Masken oder Kostüme anzuziehen, war da?

Susi Bumms: Wir haben das vor den ersten Konzerten durchgespielt und uns dann dagegen entschieden, weil es nicht zu uns passt.

Fühlt ihr euch von dem ewigen Mantra “Lebe Deinen Traum” unter Druck gesetzt?

Dax Werner: Im Rahmen der Kampagne für “2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee” umarmen wir den Gedanken viel eher. Vielleicht schwirrt das ja die ganze Zeit herum und jetzt nehmen wir es einfach mal ernst.

Kurt Prödel: Sehr viele Menschen motivieren sich dadurch, setzen sich große Ziele, haben große Träume und stellen die größte Erwartung an sich selbst. Bisher haben wir sowas nur überheblich belächelt und jetzt fragen wir uns nur was ist, wenn die recht haben?

In dem Song “Träume feat. LGoony” greift ihr erstmal nur das Wort auf. Wie ihr das für euch selbst interpretiert, ist eine ganz andere Sache.

Kurt Prödel: Der Song ist irgendwie auch im Kern der Kampagne drin, der Albumtitel stammt ja auch aus dem Song.

Dax Werner: Der ganze Prozess, mit dem Aufnehmen, der Frage nach dem Albumtitel und dem Veröffentlichungsdatum, auf das man dann hinfiebert… das ist dann doch eine lange Phase. Und dieses ganze Träumethema ist eben wie ein Mantra, wie bei einer Fußballmannschaft. Damit motiviert man sich dranzubleiben, genauso wie mit der Idee, in die Charts zu müssen. Man benennt ein konkretes Ziel und kann sich das dann immer wieder nachts um zwei im Chat gegenseitig schreiben. Vergiss nicht, wir wollen in die Charts. Da stellt sich nicht die Frage, wie ernst das gemeint ist, es ist dann einfach so.

Kurt Prödel: Zwei Tage lang war es ein Meme und dann wurde es ernst. Ich denke Charts, ich atme Charts und plötzlich ist keine Ironie mehr dabei.

Dax Werner: So ist das oft. Sachen fangen lustig an und irgendwann glaubt man wirklich dran.

Ja, so ähnlich wie bei Christian Lindner früher oder Donald Trump heute. Für jemanden, der Humor herstellen will, muss das schlimm sein. Besser als die beiden, kann man es als Joke nicht schreiben. Der junge Linder, der im Anzug im Unterricht sitzt und in der nächsten Szene erzählt, dass er eine GmbH anmelden will, weil er jetzt die nötigen 50.000 DM hat. Der Humor hat die Realität überholt, da kann man als Satiriker und Comedian schwer einen draufsetzen. Es ist lächerlich und gleichzeitig motivierend. Genauso wie die Tatsache, dass Trump Präsident ist.

Dax Werner: (lacht) Und angsteinflößend, alles auf einmal.

Kurt Prödel: Ich versetze mich dann gerne in die Lage der AutorInnen von South Park und frage mich, was die jetzt gerade schreiben. Was sollen die denn machen, was ist die Story? Hätten sie vor fünf Jahren eine Folge über die letzten sechs Monate gemacht, hätte man die schon als übertrieben empfunden. Die müssen doch total durch sein, es ist doch vorbei. (lacht)

Und du kannst es ja nicht zurück auf null setzen, denn all diese Sachen sind passiert.

Dax Werner: Wer schon lange Satire macht und denkt, dass er noch weiter provozieren muss, der kriegt so einen backlash. Ein guter Gradmesser dafür, dass Satire und Komik allgemein sich mehr anstrengen müssen, um auf die neue Realität zu reagieren. Die müssen jetzt einfach mehr arbeiten, das propagieren wir ja auch.

Kurt Prödel: Wow, können wir das highlighten? Dax Werner sagt: Die ganzen Profi-Satiriker müssen einfach härter arbeiten. (lacht) Also ich kenne ja einige von denen und ich sag mal so, um neun Uhr stehen die nicht auf, nä? (lacht)

Das kommt noch dazu, die Schnelligkeit. Der Joke, den du abends noch bringen kannst, kann zwei Stunden später schon überholt sein. Mit dem Lied “John Mayer” habt ihr bei mir alte Wunden aufgerissen. Ihr bezieht euch damit auf “Your Body Is A Wonderland” von JOHN MAYER, einen der schlimmsten Songs aller Zeiten, warum ist Popmusik oft so scheiße?

Susi Bumms: Und warum kriegt man die mit, obwohl man gar nicht die Zielgruppe ist? Ich habe keinen guten Überblick über Genres und ganz wenig Interesse, das einzuordnen. Da kriege ich nur schlechte Laune. Bei “John Mayer” ist das beschissene, dass diese unglaubliche gleiche Schönheit von Körpern besungen wird. Als wäre es das Besondere an einem Körper, schön zu sein. Das kann ich zur Frage beitragen. (lacht)

Kurt Prödel: Was ist, wenn die recht haben? Denn wenn ich mir die Spotify-Liste von JOHN MAYER anschaue, dann haben den gestern 1,3 Millionen Menschen gehört und uns 4.000. Also was haben wir denn zu melden? Irgendwas funktioniert da, unterhält und erreicht viel mehr Menschen als wir. Was ist, wenn die alle recht haben und John Mayer ist einfach richtig, richtig geil und ich war nur ein Jahr zu lange im Internet?

Dax Werner: Das Lied finde ich gar nicht so schlimm, habe ich sogar mal auf Gitarre gelernt. Viel schlimmer ist doch “Lemon Tree” von FOOLS GARDEN. Rein auf Papier ist das sicher gute Musik, ich musste es nur als Kind zu oft hören. Wie schon gesagt wurde, erreicht und berührt es offenbar mehr Menschen. Von daher wäre es auch vermessen, den Menschen das abzusprechen und zu sagen, dass es scheiße ist.

JOHN MAYER nuschelt sein “Your Body Is A Wonderland” auch noch so frech dahin, das macht mich unfassbar aggressiv.

Dax Werner: (lacht) Stimmt, es klingt wie so ‘ne übergriffige Sprachi nachts um zwei.

Oder BON JOVI mit “Midnight in Chelsea”, das näselnde Intro ist die pure Frechheit. Wahrscheinlich ist es doch die Dreistigkeit, die einem fehlt.

Kurt Prödel: BON JOVI ist für uns ein richtiges Thema. Als wir unser erstes Fotoshooting hatten, haben wir uns mit seiner Musik angepowert. Das macht was mit uns, auch vor dem Auftritt. Ich sag’s wie es ist, da läuft halt einfach “Born In The U.S.A.” und dann stellen wir uns vor, wie es ist ein Amerikaner zu sein (lacht). Wichtige Protagonisten, die wir mittlerweile als unsere Freunde sehen.

“Born In The U.D.S.S.R.” von BON JOVI hört ihr also immer zum Pumpen, bevor es losgeht?

Kurt Prödel: Du meinst von den BEATLES? Ja, das hören wir immer, kurz bevor es auf die Bühne geht. Wie will man sich dagegen wehren? Wenn da die erste Snare knallt, dann seh ich das Tausend-Yard-Starren von Dax Werner und weiß, dass wir gleich rausmüssen.

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