Lest die Review zu "Vorglühen" von Jan Müller und Rasmus Engler

Jan Müller, Rasmus Engler – Vorglühen – Review

Jan Müller (TOCOTRONIC, DAS BIERBEBEN, Künstelrgruppe im Namen des Volkes (K.i.N.d.V.), DIRTY DISHES) hat gemeinsam mit seinem Freund Rasmus Engler (HERRENMAGZAIN, GARY, Künstelrgruppe im Namen des Volkes (K.i.N.d.V.), DIRTY DISHES) ein Buch geschrieben. “Vorglühen” heißt es und es handelt von einer Gruppe von Freunden und Bekannten in Hamburg, zu einer Zeit, in der es noch stinkende Telefonzellen gab, gründlich im Plattenladen gestöbert wurde und ziemlich klar definiert war, wie man gegen das System rebellieren sollte.

How to rebell?

Ganz oben auf der To-do-Liste stand laute, schnelle Punkmusik, die physisch anstachelte und inhaltlich das Ablehnen des Systems bestätigte. Dazu wurde noch angeraten, sehr viel Dosenbier zu trinken und möglichst wenig an die Zukunft zu denken. Vage Pläne machte man nur dahingehend, wie man mit einer hastig zusammengewürfelten Band ohne Namen und Songs die Welt erobern kann. Oder zumindest an irgendeinen Gig im Club um die Ecke oder wenigstens beim Stadtfest Rote Pfingsten.

Rasmus Engler, Jan Müller 2022, Foto von Hans Scherhaufen

Es ist schon traurig, dass wir jetzt, weniger als 100 Jahre nach Entstehen der Clubkultur, an einem Punkt stehen, an dem wir ernsthaft darüber diskutieren müssen, wie Livekultur weitergehen kann und ebenfalls im Raum steht, ob Bandgründung nicht aktuell die dümmste Entscheidung der Welt ist. Die Möglichkeit, den Titel im Coverdesign also auch als “Verglühen” lesen zu können, schafft also (wahrscheinlich ungewollt) eine doppelte Ebene.

Lass dich treiben

Wir stehen als Leserinnen und Leser an der Seite von Albert, der seinen Eltern gegenüber vorgibt zu studieren und auf einmal zwangsweise Verantwortung für Dinge übernehmen muss, die ihm bisher fremd waren. Er stolpert eher planlos durch sein Leben, weiß noch nicht so richtig, wohin mit sich und strandet in einer WG, voll von skurrilen Typen.

Und die frisch entflammte Liebe zu Diana, die im Comicladen arbeitet (Anmerk. der. Verf.: Sagt man eigentlich Gofi oder Gufi?), macht alles nicht gerade einfacher. Die typischen WG-Aufreger beschreiben Müller und Engler treffend. Vom Ungezieferproblem, über die genervten Nachbarn, bis zum Typ, der sich in der Küche die Fußnägel schneidet, ist alles dabei.

Wirkt teilweise biografisch

Den beiden Autoren gelingt es in “Vorglühen” gut zu verdeutlichen, wie sich in diesem Lebensabschnitt die Wahrnehmung verändert. Obwohl wir uns in der Großstadt Hamburg, im lebendigen Stadtteil St. Pauli, aufhalten, erscheint alles doch irgendwie eng und begrenzt. Leider wurden nicht alle Charaktere gründlich genug ausgearbeitet, vieles nur angerissen. Schon alleine deshalb bietet sich eine Fortsetzung an.

“Du musst du alles vergessen, was du einst besessen, Amigo… “

Dass Jan Müller irgendwann einen Roman schreibt, war aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit. Durch selten benutzte Verben wie rabiatisieren oder Sätze über Haare, die Albert “sagenhaft auf die Nerven” fallen, hört man ihn deutlich heraus. Rasmus Engler hat bereits ein Buch geschrieben, im Verfassen von Texten sind beide erfahren und auch durch das Aufwachsen in Hamburg, konnten sie natürlich aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen. Selbst wenn das Buch nicht als biografisch angepriesen wird, kann man davon ausgehen, dass vieles wohl genauso passiert sein wird.

Die Sätze triefen vor typisch norddeutschem, staubtrockenen Humor: “Am Mittwoch erwachte Albert Bremer an einem weiteren erwartungsgemäß verregneten Morgen in der Hansestadt seiner Wahl.” Und wer norddeutsche Verbindungen hat, freut sich über die Verwendung von Ausdrücken wie Rundstück Warm, Buddelschiff, dem obligatorischen ‘Wie geht das dir?‘ und der Erwähnung von vielen tatsächlich existenten Orten und Lokalitäten.

Zeitloser Roman, über einen besonderen Lebensabschnitt

Der Roman konzentriert sich auf die ersten Schritte, die man auf dem Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenen macht. Geldprobleme, die erste Liebe, die richtige Richtung finden und eben einfach leidenschaftlich Dinge zu tun, bei denen man sich (noch) nicht fragt, was sie denn eigentlich wirklich bringen. Bleibt zu hoffen, dass “Vorglühen” von Müller und Engler nicht nur als Erinnerungshilfe bleibt und man der Kulturszene bald leise Tschüss sagen muss. Ansonsten ist den beiden hier ein zeitloser Roman, der vor allem ohne jegliche verklärte Nostalgie auskommt.

Wer mehr über St. Pauli erfahren will, dem sei die entsprechende Kiez-Doku auf Arte ans Herz gelegt, das Buch von Kerstin Sgonina über die Sturmflut in Hamburg oder die Geschichte des Sohns der Kiez-Legende Dakota-Uwe. Konkrete Bilder zur späten Jugend von Jan Klaas Müller und einigen seiner damaligen Freunde, hat Verena Vogt in der Doku “So jung kommen wir nicht mehr zusammen” für die Ewigkeit festgehalten (siehe unten in diesem Artikel).

Seiten: 384
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN-10: 3550201494
ISBN-13:  978-3550201493
VÖ: 27.07.2022

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