Judith Holofernes – Hummelhirn – Review
Mit „Hummelhirn“ legt Judith Holofernes (WIR SIND HELDEN) endlich ihr zweites Buch vor. Genau wie das vorherige, „Die Träume anderer Leute“, ist es ein biografisch geprägtes Werk – sicherlich mit angemessener Ausschmückung und Erinnerungen, die sich im Laufe der Zeit vielleicht auch unbemerkt verändert haben. Die Autorin schreibt über das Nettsein, oder noch besser: über das ständige Eiertanzen durch den Alltag, nur um bloß nicht unnett zu wirken.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht jedoch nicht das „Hummelhirn“ selbst, eine Anspielung auf eine Diagnose, die Holofernes Mitte vierzig erhielt und auf die sie bewusst nicht näher eingeht. Stattdessen erzählt das Buch von ihrem Aufwachsen in den Siebzigerjahren in Berlin und später in Freiburg, in einem unkonventionellen Umfeld, sowie von ihrem Hadern mit den Einflüssen von außen.

Zwischen Anpassung und Widerstand
„Hummelhirn“ ist ein liebesvolles Plädoyer dafür, dass Menschen unterschiedliche Stärken und Schwächen in sich vereinen – und dass diese sich manchmal widersprechen. Holofernes ist körperlich oft angeschlagen, leidet unter Heimweh und fühlt sich ungern allein. Gleichzeitig widersetzt sie sich in der Schule selbstbewusst Regeln. Einerseits passt sie sich an ihr Umfeld an, andererseits verteidigt sie klar ihre eigenen Standpunkte und sagt Nein, wenn sie es für richtig hält. Das Buch zeigt: Menschen müssen kein durchweg stringenter Charakter sein. Widersprüche gehören zum Leben, und das ist vollkommen in Ordnung.
Vom Willen mutig sein zu wollen
Wer „Hummelhirn“ liest, bekommt den Eindruck, dass Holofernes ein Kind war, mit dem man sich gerne angefreundet hätte. Ihre Spielideen sind ungewöhnlich, und ihre warme, liebevolle Art vermittelt Halt. Das Buch wird immer wieder von Ausblicken in die Zukunft unterbrochen: Wir erfahren, wie sie heute mit ihrem Teenagerkind Horrorfilme schaut und wie viele ihrer früheren Bedenken sich im Lauf des Lebens aufgelöst haben. Mit dem Willen, mutig sein zu wollen, hat sie manche Hürden gemeistert. Und mit dem Selbstbewusstsein, anders sein zu dürfen, hat sie ihre eigenen Vorstellungen von Familie und Erwachsensein entwickelt.
Sprachmagie zwischen Nähe und Klarheit
„Hummelhirn“ ist ein überraschend persönliches Buch: Holofernes teilt darin auch alte Tagebucheinträge. Wer schon einmal ein altes Tagebuch nach Jahren in den Händen hielt, weiß, dass man sich selbst manchmal kaum wiedererkennt. Sie erzählt von ihren ersten Herzensangelegenheiten und davon, wie sie ihre ersten Lieben findet.
Besonders beeindruckend ist ihre Sprache. Holofernes erfindet und konstruiert Wörter, die den Kern einer Situation punktgenau treffen. Man kann sich sofort vorstellen, wie es im beschriebenen Umfeld riecht oder wie das Licht durch die Fenster fällt. Sie geht dabei so feinfühlig mit Sprache um, dass ihre Texte klar und verständlich bleiben. „Hummelhirn“ wirkt niemals angestrengt selbstkritisch, niemals abgehoben, stattdessen immer nahbar und lebendig.
Seiten: 304
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462013661
ISBN-13: 978-3462013665
VÖ: 12.03.2026
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