Karnivool – In Verses – Review
Um gleich alle Skeptiker abzuholen: Das Warten auf die neue Platte „In Verses“ der australischen Prog-Band KARNIVOOL hat sich gelohnt. Das Quintett verfügt über einzigartige Stärken, die es in der Szene zurecht ganz nach oben platzieren, und ist noch dazu in der Lage, diese nicht nur abzuspulen, sondern immer wieder neu zu kombinieren.
Das mittlerweile vierte Album „In Verses“ ist also stilistisch fest bei KARNIVOOL verankert, aber mit genug neuen Impulsen ausgestattet, um nicht in Nostalgie zu versinken. Ian Kenny bleibt das emotionale Zentrum jeder Komposition und folgt den komplexen Strukturen nicht blind, sondern lenkt und verstärkt sie noch durch melodiöse Klarheit.

Impulse und Nostalgie im absoluten Gleichgewicht
„In Verses“ von KARNIVOOL ist keine Wundertüte: Viele Singles wurden bereits im Vorfeld veröffentlicht und vermittelten eine grobe Idee darüber, was die Hörerinnen und Hörer erwartet. Mit über einer Stunde Spielzeit gönnt uns die Band die volle Dröhnung, keine Sekunde davon ist vergeudet, und von Redundanz ist weit und breit nichts zu spüren. Der reizvolle Gegensatz aus polyrhythmischen Takten und synkopischen Drums, im unverkrampften Zusammenspiel mit melodisch ankerndem Gesang, wird im Opener „Ghost“ optimal dargestellt. Die perfekte Metapher auf den Text, der sich mit dem Gefühl kollektiver Orientierungslosigkeit befasst und ein düsteres Bild unserer gesellschaftlichen Abstumpfung skizziert. Komplexe Takte prallen auf menschliches Harmoniebedürfnis.
In der Einsamkeit verbunden
Nach dem etwas bedrückenden Einstieg konzentrieren sich KARNIVOOL im folgenden „Drone“ auf ihr verbindendes Element. Ein flockiger Beat ergießt sich im herrlich prägnanten Refrain, der von einem harten Gitarrenriff abgelöst und konterkariert wird. Wir stolpern durch die Klage über inneren Druck und die Verwendung von Empathie als Waffe. KARNIVOOL sorgen musikalisch immer wieder für Klarheit, in der sie sich mit den Gitarren aus dem vertonten Chaos freistrampeln. Toller Transfer des Textes in Töne.
Gleiches gilt für „Remote Self Control“: Hier lösen KARNIVOOL alle Fesseln und vermitteln pure Leichtigkeit und den kurzen Moment von sicherem Schweben. Mit „Time to wake up, we’re not dreaming anymore“ macht die Band die Möglichkeit auf, dass wir diese Welt besser machen können – der erste Schritt ist, es zu versuchen. Gitarren und Drums bauen davor noch eine Barriere, indem sie sich kreuzen und breit machen. Letztendlich gelingt der Durchbruch und die positive Auflösung.
Verbal und Nonverbal überzeugend
Was KARNIVOOL generell und „In Verses“ im Speziellen ausmacht, ist die Tatsache, dass die Band verbal und nonverbal überzeugen kann. „Aozora“, japanisch für blauer Himmel, arbeitet sich bildlich Stück für Stück vom Zustand der Erschöpfung in eine Möglichkeit von Ruhe und Frieden. „Now I don’t sleep more, I can’t find no remedy. How about you?“, möchte Ian Kenny wissen, bevor er und seine Bandkollegen die Hand zur Hilfe ausstrecken. Groß inszeniert und trotzdem immer anschlussfähig, krönen KARNIVOOL hier die ganz großen Hymnen für die Ewigkeit.
Heilende Abstraktion
„In Verses“ von KARNIVOOL ist ein gutes Beispiel dafür, dass Musik tatsächlich verbindet und somit ein universelles Kommunikationsmittel ist. Man muss die Texte über Eskapismus, Entfremdung und Überforderung nicht einmal verstehen, um den Gedanken zu spüren und sich in den Emotionen wiederzufinden. „In Verses“ ist keine aggressive Platte; harsche Momente und in Richtung Metal tendierende Ausbrüche sind selten – für manche wahrscheinlich zu selten.
Gewalt erzeugt nicht immer Gegengewalt, und KARNIVOOL agieren eher nach dem Motto „kill ’em with kindness“ auf die angriffslustige Welt. Die Neuinterpretation des 2021 erschienenen „All It Takes“ metert noch deutlich flächiger und stemmt sich mit aller Macht gegen den Druck. KARNIVOOL führen uns hier eher eindrucksvoll durch den Zyklus der Erkenntnis, der mit Widerstand einhergeht.
„In Verses“ von KARNIVOOL ist ein großartiges Album, das nah am Zeitgeschehen bleibt, dabei völlig abstrahiert wirkt und dennoch eine zutiefst heilende Wirkung entfaltet. Keine technische Brillanz um der Brillanz willen, sondern ein fein abgestimmtes Universum aus Spannung, Empathie und Hoffnung.
Dauer: 01:03:25
Label: Inside Out
VÖ: 06.02.2026
Tracklist „In Verses“ von KARNIVOOL
Ghost
Drone
Aozora
Animation
Conversations
Reanimation (feat. Guthrie Govan)
All It Takes (2025 Remastered Version)
Remote Self Control
Opal
Salva
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Bei Karnivool handelt es sich freilich um ein Quintett, nicht um ein Quartett. 🙂
Stimmt natürlich, sieht man auch auf dem Foto… habe ich im Text angepasst. Viel Spaß mit der starken Platte, die ja heute veröffentlicht wird 🩶!