Kea von Garnier – Restsommer – Review
Mit ihrem Debütroman „Restsommer“ hat die Autorin Kea von Garnier bereits jetzt eines der schönsten Bücher des Jahres geschrieben. Es lohnt sich, jetzt die anstehenden heißen Tage zu nutzen, um komplett einzutauchen in den Sommer in der niedersächsischen Kleinstadt, der das Leben von Dominik maßgeblich verändert. Als Sohn des Bestatters und aufgrund der Tatsache, dass die Mutter die Familie vor wenigen Monaten verlassen hat, ist er mit schweren Themen wie Kummer, Tod und Schmerz besser vertraut als so mancher Erwachsener.
Die laute Stille, die seinen Vater seit der Trennung umschwirrt, und die Angst davor, in diesem kleinen Dorf für immer zu versauern und das Leben seines Vaters ungefragt und selbstverständlich übernehmen zu müssen, machen ihm zu schaffen.

Manche Sommer verändern nicht die Welt. Aber sie verändern uns.
„Restsommer“ von Kea von Garnier nimmt eine rasche Wendung, denn dann tritt Biff in sein Leben, taucht einfach während der Bandproben von Dominik und seinen Freunden auf. Dass das der Beginn einer emotionalen Achterbahnfahrt sein würde, ahnt Dominik zunächst nicht. Mit Biff entdeckt er neue Seiten an sich selbst und erlebt einen Sommer voller intensiver Gefühle, Sehnsucht, Unsicherheit und Hoffnung. Zwischen Euphorie und Enttäuschung, Mut und Selbstzweifeln gerät sein Leben gehörig durcheinander. Die erste Liebe stellt vieles auf den Kopf und verändert seinen Blick auf die Welt und auf seine eigene Zukunft. Je mehr er über sich selbst lernt, desto deutlicher wird ihm, dass sein Platz nicht für immer in der niedersächsischen Kleinstadt sein wird.
Über den Wechsel von Euphorie zu Angst
Kea von Garnier hat einen packenden und sensiblen Schreibstil, sie findet wunderbar ungewöhnliche Formulierungen für auf halber Strecke versiegende Lächeln und für den raschen Wechsel von Euphorie und Angst. Auch wenn „Restsommer“ ein klassischer Coming-of-Age-Roman ist, steckt deutlich mehr darin. Es gelingt ihr, fast jeder Situation beide Seiten abzugewinnen, und so ist man schnell mitgefangen in den Zwiespalten, die Dominik beschäftigen. Man liest die Harmonie des Dorfes mit, man spürt die Freiheit und Sicherheit, wenn man alles und jede Ecke in seinem Umfeld zu kennen scheint.
Gleichzeitig wird man von der Ernüchterung erfasst, wenn die Nähe sich in Beobachtung wandelt und wenn die Vertrautheit vom Abenteuerdrang abgelöst wird. Als die Szenerie kurz ins wilde Berlin wechselt, ist man bezaubert von der Wildheit und von den scheinbaren Möglichkeiten, aber auch froh, als Dominik wieder im sicheren Hafen daheim einläuft.
Von diesem einen Leben, das sich nicht planen lässt
Was „Restsommer“ von Kea von Garnier besonders macht, ist die bemerkenswert realistische Beschreibung eines Lebens, das sich nicht planen lässt und oft seinen ganz eigenen Weg geht. Es hält glückliche Momente bereit, aber auch schmerzhafte Rückschläge und die Erkenntnis, dass vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Figuren sind vielschichtig gezeichnet, nachvollziehbar in ihrer emotionalen Verwirrtheit und glaubwürdig selbst dann, wenn ihre Entscheidungen nicht immer logisch erscheinen.
Kea von Garnier verzichtet auf einfache Einteilungen in Gut und Böse und begegnet ihren Charakteren mit großer Empathie. Dadurch entsteht ein Roman, der Verständnis schafft für die Widersprüche menschlichen Handelns und dafür, dass Verletzungen nicht zwangsläufig aus böser Absicht entstehen. „Restsommer“ arbeitet mit leisen, klugen Beobachtungen statt mit erhobenem Zeigefinger. Gerade deshalb ist es kein Buch, das spaltet, sondern eines, das verbindet.
Seiten: 400
Verlag: Karl Blessing Verlag
ISBN-10: 3896677853
ISBN-13: 978-3896677853
VÖ: 18.03.2026
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