Und wenn wir wieder tanzen Kerstin Sgonina

Kerstin Sgonina – Und wenn wir wieder tanzen – Review

Die Autorin Kerstin Sgonina wohnt in Hamburg und arbeitete früher als Türsteherin und Barfrau in Sankt Pauli, was ihr bei ihrem neuen Buch “Und wenn wir wieder tanzen” zupass kommt. Sie erzählt uns ihre Geschichte gleich auf mehreren Zeitebenen. Zum einen folgen wir dem Hausmädchen Marie Hansen, die in der Kleingartensiedlung Zur alten Landesgrenze in Wilhelmsburg lebt und Opfer der Sturmflut wird, die Hamburg tatsächlich 1962 ereilte.

In wenigen Stunden ändert sich ihr Leben komplett und sie findet Zuflucht bei Effie von Tieck im berühmten Viertel St. Pauli. Gleichzeitig erfahren wir etwas über das Schicksal der verheirateten Frieda und ihrer Tochter Helly, startend im Jahr 1910 zu Zeiten des Ersten Weltkrieges.

Alles ist miteinander verbunden

Die Charaktere, die Kerstin Sgonina für ihren Roman “Und wenn wir wieder tanzen” erschaffen hat, sind sehr gut ausgearbeitet und vielschichtig, trotzdem findet man ganz schnell und leicht einen Zugang zu ihnen. Genau wie im Vorgängerbuch “Als das Leben wieder schön wurde” zeigt sie uns sehr viele unterschiedliche Aspekte, Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven. Dementsprechend liest sich der Einstieg in das Buch sehr gut und aufgrund der sich schnell überschlagenden Ereignisse auch überwiegend spannend. Trotz der ruppigen Art von Frau von Tieck findet die aufgeschlossene Marie doch einen Zugang zu ihr. Nämlich dann, als diese ihr von ihrem Danzhus berichtet, einem mit Wasser vollgelaufenen Tanzhaus, das sie mit Leidenschaft betrieben hat. Marie macht sich die Wiedereröffnung zum Projekt und packt sofort an.

Verwebte Schicksale

Im zweiten Teil von “Und wenn wir wieder tanzen” von Kerstin Sgonina dreht sich dann also alles um das Danzhus. Und auf der zweiten Zeitschiene erfahren wir auch, wie Effie von Tieck damals überhaupt zu diesem Gebäude kam und natürlich auch, was sie letztendlich so verbittert hat werden lassen. Die Geschichte ist wieder geprägt von Emanzipation und Feminismus, beides wurde durch die Kriege stark ausgebremst. Die Tatsache, dass der Roman auch auf Fakten basiert, macht ihn natürlich besser greifbar und letztendlich darf die Lektüre auch als leichte politische Bildung verstanden werden. Man spürt deutlich, dass Kerstin Sgonina die norddeutsche Art kennt und wie sie die Besonderheiten einfließen lässt, ist sehr charmant.

Zum Ende hin kann “Und wenn wir wieder tanzen” aber leider nicht die Spannung halten, die anfangs eben überdurchschnittlich hoch ist. Trotzdem ist der Schmöker über Herz und Schmerz sehr lesenswert und unterhaltsam. Es ist schön, die Charaktere auf ihrem Weg ins Glück zu begleiten und zu spüren, wie stark die Lebenslust auch in wirklich harten Zeiten ist.

Seiten: 464
Verlag: Wunderlich Verlag
ISBN-10: 3805200897
ISBN-13:  978-3805200899
VÖ: 15.02.2022

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