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Kevin Devine – Nothing’s Real So Nothing’s Wrong – Review

Selbst wenn man den ersten Impuls unterdrückt und einsieht, dass KEVIN DEVINE auch mit seinem neuen Album “Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong” nicht nur ein weiterer Singer-Songwriter ist, dann kann man sein mittlerweile zehntes Album doch nicht auf Anhieb komplett erfassen. Man ist erstmal positiv erschlagen von der Vielfalt und dem ungewöhnlich kreativen Songwriting.

Der New Yorker beweist nämlich nicht nur Fingerspitzengefühl für eingängige Kompositionen, die ohne Übertreibung mit denen von THE BEATLES verglichen werden können, er erweitert auch den eigenen Handlungsspielraum stetig und überrascht mit originellen Ideen.

KEVIN DEVINE, 2022 Foto von Kevin Devine ERIK TANNER

Someone’s after me

Auf “Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong” befasst sich KEVIN DEVINE nicht mit digitalen Visionen oder einer durchweg technologisierten Zukunft. Es sind eher Gedanken über Realitäten im allgemeinen Sinne, den Umgang damit und die Bewältigung von Grenzen und – teilweise selbst auferlegten – Zwängen. Die Überlegungen, wie man die Welt etwas besser machen könnte, starten manchmal schon mit den Songtiteln. “How Can I Help You?”, eine vermeintlich harmlose Frage, die allerdings von Empathie und dem Glauben an die Gemeinschaft geprägt ist. Wenn alle alleine sind, ist niemand alleine, oder? Die Sprache, die KEVIN DEVINE benutzt, ist blumig, poetisch und doch stets im Kern verständlich, immer mit der Einladung emotional anzudocken.

Die Macht von Kunst

Die Instrumentierung von “Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong” knapp zu beschreiben, ist verdammt schwierig und würde potentielle Hörerinnen und Hörer auch der eigenen Erfahrung berauben. Stampfende Beats, die eigentlich auf Folk hindeuten, werden beispielsweise von schon fast störenden Elektrotunes untermalt, die sich beinahe selbst überholen und einen steten Druck erzeugen. Was KEVIN DEVINE mittlerweile perfektioniert hat, sind seine förmlich aufblühenden Refrains. Wie im Zeitraffer, der das Wachstum einer Pflanze dokumentiert und zur Blütenpracht hinarbeitet, erschafft er für alle Songs eine wahre Refrainexplosion. Häufig konterkariert er die Inhalte mit der Musik selbst. Während sich eigentlich in “Swan Dive” alles um Herunterkommen und innerliche Abschalten dreht, wirbelt uns die Musik selbst im Kreis und drückt uns immer wieder nach vorne.

Ein Moment der Stille

KEVIN DEVINE gelingt es aber dann mühelos, den Moment der Stille eindrucksvoll zu transferieren, einer der vielen ultrakrassen Gänsehautmomente. Er startet ins Album mit einem Song, der sich mit Anhedonia befasst, der Unfähigkeit Glück und Lust zu empfinden. Das tut er mit einer Überdosis Harmonie zwischen den Noten. Damit demonstriert er gleich zum Einstieg, wie viel Kraft und Selbstheilungspotential in Kunst steckt. Für die, die sie hören und die, die sie machen.

Ungewöhnliches Songwriting mit beeindruckendem Tiefgang

Der Song “If I’m Gonna Die Here” wirkt dann schon fast wie ein Sample und so, als ob KEVIN DEVINE ihn mindestens dreimal in unterschiedlichen Versionen aufgenommen und übereinander gestapelt hätte. Von diesen Momenten gibt es viele, beinahe nichts wirkt konventionell und im herkömmlichen Sinne zusammengefügt. Selbst reduzierte Momente wie in “Stitching Up The Suture 2.0” ordnet er so an, dass man umgehend auf den Takt kalibriert wird und die entstandenen Zwischenräume akzeptieren und sogar genießen kann. Ein ungewöhnliches und auffälliges Album, das man eigentlich in diesem Stadium eines Künstlers nicht (mehr) erwarten würde.

Dauer: 52:54
Label: Triple Crown (Membran)
VÖ: 25.03.2022

Tracklist “Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong” von KEVIN DEVINE
Laurel Leaf (Anhedonia)
Override
How Can I Help You
Swan Dive
Albatross
If I’m Gonna Die Here
Someone Else’s Dream
Hell Is An Impression Of Myself
It’s A Trap!
Tried to Fall in Love (My Head Got In The Way)
Stitching Up the Suture

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